Wildtiermanagement im Klimawandel: Untersuchungen zur Thermoregulation beim Wildschwein

Wildschweinbache mit Frischlingen (Foto Sebastian Vetter)
Foto einer Wildschweinbache mit Frischlingen [Link 1]
 

Mittlerweile ist es unumstritten, dass wir uns in der Phase eines Klimawandels befinden. Nach derzeitigem Wissenstand verursachen vor allem sogenannte Treibhausgase den weltweiten, stetigen Anstieg der Jahresdurchschnittstemperatur. In unseren gemäßigten Breiten heißt das, dass die Winter milder und die Sommer heißer werden, verbunden mit mehr Wetterextremen, wie z.B. starken Gewittern und Unwettern. Wie aber reagieren Wildtiere auf diesen Klimawandel und die damit verbundenen Veränderungen in ihrer Umwelt? Zu dieser Fragestellung ist derzeitig noch sehr wenig bekannt. Erste Studien zeigen, dass manche Tierarten ihr Verbreitungsgebiet verschieben, bei anderen wurden Klimaeffekte auf die Reproduktion oder Überlebenswahrscheinlichkeit beobachtet.

Im Rahmen einer an unserem Institut durchgeführten europaweiten Studie über die Populationsentwicklung des Wildschweins (Sus scrofa) konnten strake Klimaeffekte ausgemacht werden. Es zeigte sich, dass zunehmend mildere Winter entscheidend zum Populationswachstum von europäischen Wildschweinpopulationen beitragen. Derzeit ist davon auszugehen, dass dieser Trend weiter anhält. Aber ist die Prognose eines weiteren Populationsanstieges langfristig richtig? Für die Beantwortung solch komplexer Zusammenhänge müssen wir die physiologischen Grundlagen der Temperaturregulation und deren Auswirkungen auf den Energiehaushalt und damit auf wesentliche Merkmale der Lebenszyklus Strategie (z.B. Reproduktion und Überleben) besser verstehen.

Die besondere Physiologie des Wildschweins macht es in diesem Zusammenhang in der Tat zu einem sehr spannenden Forschungsobjekt. Im Gegensatz zu vielen anderen Säugetieren fehlt beim Wildschwein ein wichtiger Mechanismus der Kältetoleranz: die zitterfreie Wärmebildung im braunen Fettgewebe. Wildschweine sind aus diesem Grund wärmeliebend und Mortalitätsraten steigen in kalten Wintern stark an, besonders bei den Frischlingen. Jedoch haben Wildschweine auch unter zu heißen und trockenen Bedingungen Probleme, da sie nur extrem wenige Schweißdrüsen besitzen und ihren Körper nicht durch Schwitzen abkühlen können. Das typische „Suhlen“ des Schweins ist daher eine Verhaltensanpassung, die zur Abkühlung beiträgt und vor Überhitzung schützt. Es zeigt sich schon heute, dass das Vorkommen von Wasser einen stark positiven Effekt auf die Verbreitung von Wildschweinen hat. Man sollte aus diesem Grund bei Prognosen zur Populationsdynamik auch bedenken, dass die in unseren Breiten zunehmend erwarteten heißen und trockenen Sommer den Tieren Probleme bereiten könnten. Tatsächlich zeigte die oben bereits erwähnte Studie ebenfalls, dass heiße Sommer sich negativ auf das Wachstum von Wildschweinpopulationen auswirken können.

Um diese Zusammenhänge besser verstehen zu können führen wir derzeit ein Forschungsprojekt am Forschungsinstitut für Wildtierkunde und Ökologie der Veterinärmedizinischen Universität Wien durch. Folgende Aspekte und Fragestellungen sollen dabei im Detail untersucht werden:

 

A)    Einflüsse auf die Körpertemperatur und den Energieverbrauch: Mittels implantierter Temperaturlogger (subkutan und im Körperkern) wird untersucht wie sich die Körpertemperatur von Wildschweinen im Jahreszyklus verändert. Zudem analysieren wir wie sich extreme Hitzeperioden oder Kälteeinbrüche auf die Körpertemperatur auswirken. Über implantierte Herzfrequenzlogger untersuchen wir welchen Einfluss derartige Klimabedingungen auf die Stoffwechselrate haben. Auch der Effekt des Energiehaushaltes auf das Überleben und die Reproduktion wird erfasst.

B)    Verhaltensanpassungen und Aktivitätsmuster unter verschiedenen klimatischen Bedingungen: Durch ein modernes System der kontinuierlichen Tierortung wollen wir die Klimaeinflüsse auf das tägliche Aktivitätsmuster (räumlich, zeitlich und die Intensität) von Wildschweinen erfassen. Wie aktiv sind die Tiere zu unterschiedlichen Jahreszeiten, wann und wie oft suchen sie z.B. Wasserstellen und Futterplätze auf? Verändern sich auch Ruhephasen unter verschiedenen Klimabedingungen? Unterstützt werden diese Analysen durch intensive Verhaltensbeobachtungen, bei denen auch der zeitliche Rahmen von Paarung und Reproduktion, sowie das soziale Gefüge erfasst werden.

C)    Konsequenzen für das Management von Wildschweinen: Als langfristiges Ziel planen wir die gewonnenen Ergebnisse aus dieser Grundlagenforschung als Basis für eine Entwicklung von Managementstrategien zu verwenden. Das effektive Management speziell der "Problemtierart" Wildschwein ist ausgesprochen wichtig und von größtem wirtschaftlichen Interesse. Die Ergebnisse unserer Studie könnten daher, neben wichtigen und neuen Erkenntnissen in der Grundlagenforschung langfristig dazu beitragen 1) Populationsentwicklungen im globalen Klimawandel zu prognostizieren, 2) Zielführende Managementpläne zu entwickeln, die auf sich ändernde Klimasituationen angepasst sind.

 

Projektlaufzeit 2016-2019

 

Projektpartner

Das Projekt wird von der Österreichischen Forschungsförderungsgesellschaft FFG co-finanziert.

 
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Das Projekt verwendet das System Smartbow [Link ].


 

Wissenschaftlicher Kontakt am FIWI

Priv. Doz. Dr.rer.nat Claudia Bieber, Forschungsinstitut für Wildtierkunde und Ökologie, Vetmeduni Vienna

T. +43 (1) 25077-7230 

Email an Claudia Bieber senden [Link 3]

 

Sebastian Vetter, PhD, Forschungsinstitut für Wildtierkunde und Ökologie, Vetmeduni Vienna

T: +43 (1) 25077-7137

Email an Sebastian Vetter senden [Link 4]


 
 

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