Praktisches Können vor den Vorhang holen

Startklar: Ingrid Preusche, im Vizerektorat für Lehre und klinische Veterinärmedizin zuständig, bespricht zu Beginn der Prüfung mit allen Studierenden den Ablauf und die Regeln der OSPE. Foto: © Michael Bernkopf/Vetmeduni Vienna

Startklar: Ingrid Preusche, im Vizerektorat für Lehre und klinische Veterinärmedizin zuständig, bespricht zu Beginn der Prüfung mit allen Studierenden den Ablauf und die Regeln der OSPE. Foto: © Michael Bernkopf/Vetmeduni Vienna

Aus VETMED 4/2016: Vor dem praktischen Teil der ersten Diplomprüfung – der OSPE-Prüfung – haben Veterinärmedizinstudierende großen Respekt. Bei zwölf Prüfungsstationen an mehreren Orten am Campus müssen sie zeigen, was sie können. Planung und Vorbereitung verlangen von allen Mitwirkenden vollen Einsatz. Wer besteht, hat jedoch eine wichtige Hürde im Studium genommen.

Um 9 Uhr 10 verebben in Hörsaal E der Vetmeduni Vienna die Gespräche zwischen den Prüferinnen und Prüfern der letzten OSPE-Prüfung („Objective Structured Practical Examination“ bzw. sachliche strukturierte praktische Prüfung) dieses Semesters. Kaum halten sie die Prüfungsbögen in Händen, senken sich Stille und Konzentration auf Mensch – und Tier. Selbst Kuh Lisa, eine Schwarzbunte, wird ruhig. Ihre Anwesenheit macht diesen Teil der ersten Diplomprüfung sehr realitätsnah. An den vier Stationen werden die Studierenden auf ihre Fertigkeiten, etwa die Untersuchung von Organen, allgemeiner Untersuchungsgang oder Medikamentenapplikation, geprüft. Bei der Pausenstation können sie kurz durchatmen – für fünf Minuten. Genauso viel Zeit haben sie, um die jeweilige Aufgabe zu bewältigen. Danach ertönt ein Pfiff. Schnell wird zur nächsten Station gewechselt. Dort haben sie eine Minute „Lesezeit“, um den Zettel mit den standardisierten Fragen- und Aufgabenstellungen durchzulesen, greifen dann zu den Instrumenten und zeigen, was sie können.

Die Zeit läuft

Dieses „Herzeigen“ bzw. „show“ zur Beantwortung der Aufgaben ist charakteristisch für die „Objective Structured Practical Examination“, kurz OSPE-Prüfung. Bei diesem Teil der ersten Diplomprüfung am Ende des vierten Semesters müssen die Prüflinge unter Beweis stellen, dass sie nicht nur über theoretisches Wissen, sondern auch über die praktischen Fertigkeiten verfügen. Der Prüfungsstoff umfasst das Gelernte der ersten vier Semester. Von Bau und Funktion der Organe, über Anamnese und Medikamentenapplikation bis zu Labor, Pharmakologie und Futtermitteln. „Geprüft werden tierärztliche Routinetätigkeiten, wie etwa eine Blutabnahme. Alle Aufgaben sind so konzipiert, dass sie in fünf Minuten zu schaffen sind. Mit anderen Prüfungsformaten wäre dieses 'show' schwer abzudecken“, erklärt Ingrid Preusche, die im Vizerektorat für Lehre und klinische Veterinärmedizin für die Qualitätssicherung von Prüfungen zuständig ist. Das Prüfungsformat der OSPE ist „State of the Art“. Die Herausforderung war, diese Prüfung an den Standort – die Vetmeduni Vienna – anzupassen. Im Vorjahr wurde die OSPE-Prüfung nach Abschluss eines aufwändigen Adaptionsprozesses eingeführt. Der organisatorische Aufwand und Einsatz für dieses Prüfungsformat ist aber jedes Mal enorm

Wie und was fragt man?
Die Prüflinge kämpfen in der Situation der OSPE-Prüfung mit anderen Herausforderungen: Nervosität, Zeitdruck und Multitasking. Sobald sie den Hörsaal E betreten, verfliegt die anfängliche Lockerheit; der Respekt vor der Prüfung ist groß. In ihren Gesichtern ist deutlich zu lesen, was das der oder dem Einzelnen abverlangt. „Uns geht es bei den Fragen um das, was wirklich wichtig ist. Als Klinikerinnen und Kliniker haben wir es mit den vorbereitenden Übungen aber relativ einfach, weil die Lehrinhalte gut wiederholt werden können“, sagt Johannes Lorenz Khol, Privatdozent an der Universitätsklinik für Wiederkäuer der Vetmeduni Vienna. Bei ihm an der Klinik werden Prüfungsfragen in einem Fragenpool gesammelt. Jede Prüfungsfrage wird intern und extern begutachtet. Mit diesem doppelten Review-Prozess wollen die Verantwortlichen sicher gehen, dass allgemein gültige Standards abgefragt werden. Dass die Studierenden wenig Erfahrung mitbringen, wird berücksichtigt. An der Vetmeduni Vienna durchlaufen alle OSPE-Prüferinnen und -Prüfer eine Schulung. Die Erstellung der Fragen ist aber immer eine Herausforderung.

Benefits für die Lehre

Selbst für erfahrene Prüferinnen wie Johanna Catharina Duvigneau vom Institut für Medizinische Biochemie der Vetmeduni Vienna sind die Fokussierung auf das Wesentliche und die Entwicklung einer sinnhaften Fragestellung anspruchsvoll. Beim letzten OSPE-Prüfungstermin des Semesters verantwortet sie im Skills Lab, dem Trainingszentrum für Veterinärmedizinstudierende, wieder eine Station. „Wer eine Station entwickelt, sollte selbst prüfen. Das halte ich für sehr wichtig. Sonst erfahren Lehrende nicht, ob die Kompetenz beherrscht wird und dann schließt sich der Kreis nicht“, betont Duvigneau, die seit bald 20 Jahren als Dozentin für das Fach Chemie/Biochemie tätig ist. Bevor die Station des Instituts für Medizinische Biochemie „startreif“ ist, durchläuft sie mehrere Phasen und wird durch Studierende getestet. Die Erfahrungen fließen direkt in die Lehre ein. Duvigneau erklärt, wieso: „Einmal stellten wir bei der OSPE-Prüfung fest, dass viele Prüflinge die chemischen Formeln, sprich Salznamen, nicht richtig lesen konnten. Wir haben das in der Lehre berücksichtigt, denn wenn man die Substanz verwechselt, kann das dem Tier schaden.“ Jede beteiligte Organisationseinheit entwickelt somit bei gleichzeitiger Standardisierung des Prüfungsablaufs das jeweils beste Prozedere für die Frageerstellung. Für die Studierenden gilt aber immer: Vorbereitung ist alles.

Respekt ist gut, üben ist besser!

Die Studentin Dajana Birk war gut informiert und hatte intensiv geübt: „Ich habe mich daran gewöhnt, unter Zeitdruck gezielt zu antworten, statt um das Thema herum zu reden. Trotzdem war das OSPE-Prüfungsformat für mich ungewohnt.“ Die Ungewissheit, was zur Prüfung kommt, belastete auch Lara Scherer. Beide schafften die OSPE-Prüfung aber auf Anhieb. „Im Skills Lab übten wir zuletzt täglich mit Beispielfragen praktische Fertigkeiten wie den Blutausstrich. Damit es bei der Prüfung klappt, muss man das wirklich oft wiederholen“, so Scherer. Beide betrachten das Prüfungsformat auch als gute Vorbereitung, um die verschiedenen Handgriffe dann an den Universitätskliniken direkt am Tier routiniert umsetzen zu können. Weiters bewährt haben sich das Üben in der Gruppe, sich mit Höhersemestrigen auszutauschen, einander auf Fehler aufmerksam zu machen und – sich einen Wecker zu stellen. Von Prüflingen wie Prüfenden fordert dieses Format viel. „Mir hat es aber gezeigt, dass ich in Stresssituationen bestehe. Und es hat mich darin bestätigt, dass der Beruf der Tierärztin richtig für mich ist“, schließt Scherer.

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