Beugen oder Strecken: Wie belastend ist die Hyperflexion für Pferde?

24.07.2012 - Das Training für pferdesportliche Wettbewerbe ist sowohl für Pferde als auch Reiter anstrengend und oft mit Stress verbunden. Während  aus der Sportmedizin einzelne Ergebnisse auch auf Reiter übertragen werden können, gibt es kaum Untersuchungen zum Stress von Pferden im Reitsport. Insbesondere die Position von Kopf und Hals des Pferdes wird kontrovers diskutiert, ohne dass die sich widersprechenden Schulen bislang auf wissenschaftlich abgesicherte Daten zurückgreifen können. Soll der Hals des Pferdes vorwärts-abwärts gestreckt sein oder ist die Hyperflexion, bei der der Hals des Pferdes extrem abgebeugt wird und der Kopf fast die Brust berührt, eine erfolgversprechende und vertretbare Ausbildungsmethode? Das Team von Christine Aurich an der Vetmeduni Vienna hat den Stress von Pferden in beiden Trainingssituationen verglichen und erstaunlicherweise nur ganz wenige Unterschiede gefunden. Die Ergebnisse werden in Kürze in der Zeitschrift Journal of Animal Physiology and Animal Nutrition erscheinen.

Diskussionen über die beste Methode, Pferde auszubilden, gibt es seit Jahrhunderten. Unter dem Druck einer Petition mit über 40.000 Unterschriften gegen unnötiges Leiden von Pferden hat vor zwei Jahren selbst die Internationale Reiterliche Vereinigung (FEI) die Hyperflexion als Trainingsmethode verboten. Die FEI unterscheidet jedoch zwischen Hyperflexion, die mit starker Krafteinwirkung des Reiters erzielt wird, und einer als “low, deep and round” (LDR) bezeichneten Kopf-Hals-Position des Pferdes, die ohne gewaltsame Hilfen erreicht wird. Wie eine unerwünschte Hyperflexion vom erlaubten LDR-Training zu unterscheiden ist, wurde aber nicht erläutert. Stattdessen wurde eine Arbeitsgruppe zur Erarbeitung einer Definition eingesetzt.

Emotionale Diskussion

Die Diskussionen zwischen Befürwortern und Gegnern der Hyperflexion wird oft sehr emotional geführt, konnte bislang aber auf wenige wissenschaftlich abgesicherte Daten zurückgreifen. Mareike Becker-Birck aus der Arbeitsgruppe von Christine Aurich an der Veterinärmedizinischen Universität Wien (Vetmeduni Vienna) hat nun den Stress von Pferden verglichen, die entweder mit vorwärts-abwärts gestrecktem Hals oder in Hyperflexion trainiert wurden. Der Stress der Tiere wurde vor, während und nach dem Training an der Longe anhand der Konzentration des Hormons Cortisol im Speichel der Pferde, der Herzfrequenz und kurzzeitiger Herzfrequenzschwankungen analysiert. Zusätzlich wurde die Körpertemperatur an der Hautoberfläche im Halsbereich gemessen.

Stress nicht besonders groß

Keines der getesteten Pferde zeigte während des Trainings Abwehrverhalten gegen den Zügel. Die Freisetzung von Stresshormonen und die Herzfrequenz nahmen im Training zu, die Herzfrequenzvariabilität sank ab. Diese Veränderungen sind sowohl eine normale Stressreaktion als auch eine Antwort auf mäßige körperliche Anstrengung. Das Stressniveau war nicht besonders hoch und die Konzentration von Stresshormonen im Speichel war weit geringer als beispielsweise bei Pferdetransporten oder beim Anreiten junger Pferde.

Stressreaktion nahezu gleich

Und was viele überraschen wird – die Stressreaktion war unabhängig davon, ob die Pferde in Hyperflexion oder unter “klassischen” Bedingungen in Vorwärts-abwärts-Haltung longiert wurden. Der einzige signifikante Unterschied zwischen den Pferden betraf die Temperatur im vorderen Halsbereich. Dies deutet darauf hin, dass bei Pferden in Hyperflexion die Durchblutung im Hals möglicherweise ungleichmäßiger ist.

Von diesen eher geringen Effekten abgesehen, zeigen die Ergebnisse der Studie, dass die Hyperflexion bei Pferden, die ohne Verwendung der Peitsche in moderatem Tempo longiert werden, keine ausgeprägte Stressreaktion bewirkt. Aus Sicht der Tiermedizin spricht daher derzeit nichts gegen das Longieren von Pferden in moderater Hyperflexion. Christine Aurich bleibt aber trotzdem vorsichtig. “Unsere Untersuchung zeigt, dass die Hyperflexion selbst das Pferd nicht besonders belastet. Viele Ausbilder und Reiter trainieren aber mit länger anhaltender, aggressiver Einwirkung auf das Pferd. Damit entsteht eine andere Situation als in unserer Studie, und unsere Ergebnisse erlauben nicht die Schlussfolgerung, dass die Hyperflexion auch unter dem Reiter stressfrei und ohne negativen Einfluss auf Pferde ist”.

Der Artikel “Cortisol release, heart rate and heart rate variability, and superficial body temperature, in horses lunged either with hyperflexion of the neck or with an extended head and neck position“ von Mareike Becker-Birck, Alice Schmidt, Manuela Wulf, Jörg Aurich, Armgard von der Wense, Erich Möstl, Reinhold Berz and Christine Aurich erscheint in Kürze in der Fachzeitschrift „Journal of Animal Physiology and Animal Nutrition“. Die Untersuchungen dafür  wurden am Graf-Lehndorff-Institut, einer gemeinsamen Forschungseinrichtung der Veterinärmedizinischen Universität Wien, Österreich, und der Stiftung Brandenburgisches Haupt- und Landgestüt Neustadt (Dosse), Deutschland, durchgeführt.

 

Infografik

Temperatur an der Hautoberfläche (Thermografie) bei einem Pferd mit dem Kopf in der Hyperflexionshaltung (Quelle: Vetmeduni Vienna/Aurich).
Thermografie eines Pferdes mit dem Kopf in der Hyperflexionshaltung

 
 

Rückfragehinweis

Ao.Univ.Prof. Dr. Christine Aurich
T +43 664-60257-6400
E-Mail an Christine Aurich senden [Link 3]


 

Aussender

Mag.rer.nat. Klaus Wassermann