„Bring es wieder“, aber mit Maß und Ziel – Apportieren belastet die Vorderbeine von Hunden

18.01.2017: Jagdhunde, wie die beliebte Rasse der Retriever, sind bestens geeignet, um Vögel oder kleines Wild zu apportieren. Das getragene Gewicht belastet allerdings den Bewegungsapparat der Hunde. Mit der Beute im Maul kippen die Tiere ähnlich einer Wippe nach vorne, wie eine Bewegungsstudie von ExpertInnen der Vetmeduni Vienna zeigte. Bestehende Gelenks- oder Sehnenschäden der Vorderbeine können dadurch verstärkt werden. Sowohl beim Aufbautraining von Welpen, aber auch bei erwachsenen Tieren sollte man daher mit angepassten Gewichten arbeiten. Die Gelenke sollten ebenso regelmäßig von SpezialistInnen kontrolliert werden. Die Studie wurde in der Fachzeitschrift BMC Veterinary Research veröffentlicht.

Retriever wurden eigentlich nicht als Familienhunde, sondern für Arbeit oder Jagd gezüchtet. Sie sind sogenannte Apportierhunde, die für das Herbeibringen von Vögeln und Niederwild wie Hasen eingesetzt werden können. Mittlerweile wird diese Fähigkeit auch bei Wettbewerben genutzt, bei denen ausschließlich Dummies zum Einsatz kommen, mit denen die Tiere vom Welpenalter an trainiert werden. Die gleichen künstlichen Gewichte werden auch zum Training für die Jagd verwendet.

Ein ausgewachsenes Tier kann durchaus einige Kilo im Maul tragen. „Doch selbst wenn Apportierhunde die Voraussetzungen mitbringen, stellt das zusätzliche Gewicht eine körperliche Belastung für die Tiere dar“, sagt Barbara Bockstahler von der Klinischen Abteilung für Kleintierchirurgie der Vetmeduni Vienna. Beim Apportieren werden vor allem die Gelenke und Sehnen des Bewegungsapparates beansprucht. Das ist vergleichbar, wenn wir mit einer Last laufen würden. Bislang war jedoch unklar, ob sich die Belastung auf den gesamten Bewegungsapparat verteilt oder es zu einer einseitigen Belastung kommt.

Bewegungsanalyselabor für Hunde gibt Aufschluss

Die Auswirkungen auf den Bewegungsapparat wurden in einem speziellen Bewegungslabor mit zehn trainierten Hunden analysiert. Die ForscherInnen ließen die Tiere ohne und mit Gewichten im Maul auf einer sogenannten Kraftmessplatte gehen. „Über eine Kraftmessplatte kann die nach oben gerichtete Bodenreaktionskraft gemessen werden“, erklärt Bockstahler. Diese wird vom Boden zurückgegeben und entspricht exakt der Kraft, die beim Auftreten durch das Gewicht auf den Boden wirkt.

Misst man die Bodenreaktionskraft ohne zusätzliche Belastung, so ist das Gewicht eines Hundes zu zirka 60 Prozent auf die Vorder- und 40 Prozent auf die Hinterbeine verteilt. Ist ein Bereich mehr belastet, ergibt sich ein messbarer Unterschied. Ein weiterer Parameter war die Druckverteilung unter den Pfoten. „Das ist vergleichbar mit einem Mensch, der mit einem Gewicht in der Hand leicht nach hinten kippt und damit eher auf den Fersen steht“, erklärt Bockstahler.

Hunde kippen durch Gewicht quasi nach vorn

Die ForscherInnen stellten fest, dass sich die Kräfte durch das Gewicht im Maul immer erhöhen, sich aber vor allem auf die Vorderbeine auswirken. An den Hinterbeinen wurden die Hunde in jedem Fall und mit steigendem Gewicht immer leichter. Das Tragen der Beute hatte damit einen ähnlichen Effekt wie eine Wippe. Zur Veranschaulichung: Sitzen sich zwei gleichschwere Kinder gegenüber, bleibt die Wippe ausbalanciert. Sitzt ein Erwachsener auf der einen Seite, dann kippt die Wippe auf diese Seite und ein Kind wird dauerhaft hochgehoben.

Im Bewegungslabor kann der Belastungstest allerdings nur im Schritt und nicht im Lauf oder Sprung durchgeführt werden. Vor allem bei der Jagd, aber auch bei den Wettbewerben sind die Retriever mit schnellerem Tempo unterwegs. „Im Labor können solche Bewegungsabläufe natürlich nicht eins zu eins nachgestellt werden“, erklärt Bockstahler. Allerdings konnten die ExpertInnen anhand der ermittelten Werte eine Hochrechnung erstellen, wie sich die einwirkenden Kräfte beim Laufen oder Springen verändern oder verstärken und so auf die Gelenke auswirken. Derartige Bewegungs- oder Ganganalysen werden auch bei der Physiotherapie von Menschen angewendet, um Abweichungen von normalen Gangmustern festzustellen.

Regelmäßige Kontrolle und richtiges Training wichtig

Die Retriever sind eigentlich vom körperlichen Vermögen her bestens für das Tragen von Lasten geeignet. Ein gesunder Hund hält deshalb eine angemessene Gewichtsbelastung auch aus. Beim Training von Hunden, die noch im Wachstum sind, muss man jedoch aufpassen, dass diese keine Folgeschäden davontragen. Werden die Retriever zu Jagd oder Wettbewerbszwecken trainiert, sollte deshalb regelmäßig ein Spezialist aufgesucht werden. Die Gelenke, Sehnen und Muskeln werden dabei überprüft. Das gilt besonders für Junghunde, bei denen regelmäßige Kontrollen Schädigungen vorbeugen. „Prinzipiell sind Trainings mit Gewichten - mit Maß und Ziel - und der Einsatz als Apportierhund aber völlig in Ordnung“, so Bockstahler.

Der Artikel „Compensatory load redistribution in Labrador retrievers when carrying different weights – a non-randomized prospective trial“ von Barbara Bockstahler, Alexander Tichy und Patricia Aigner wurde in der Fachzeitschrift BMC Veterinary Research veröffentlicht. [Link 1]

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Pressefoto

Retriver gehören zu den sogenannten Apportierhunden und eignen sich damit bestens für das Wiederbringen von Kleinwild bei der Jagd. (Foto: Elli Winter/moorhunde.de)
Labrador
Das Gewicht von Beute oder Dummies beim Training der Apportierhunde sollte genau passend und nicht zu schwer sein um die Gelenke der Tiere zu schonen. (Foto: Elli Winter/moorhunde.de)
Dummy

 

Rückfragehinweis

Wissenschaftlicher Kontakt

Dr.med.vet., Priv.-Doz. Barbara Bockstahler, Dipl.ACVSMR

Klinische Abteilung für Kleintierchirurgie

Veterinärmedizinische Universität Wien (Vetmeduni Vienna)

T +43 25077 6616

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Aussender

Mag.rer.nat. Georg Mair
T +43 1 25077-1165
E-Mail an Georg Mair senden  [Link 6]