Die sozialen Netzwerke junger Wildschweine

Junge Wildschweinbachen im Forschungsgehege (Foto C. Bieber)
3 weibliche Wildschweine 1
Fig.1 – Die Frequenz der Interaktionen zwischen jungen weiblichen Wildschweinen in einem 33 ha großen Gehege. Beispiel eines Netzwerk Diagramms (siehe Artikel für detaillierte Erklärung).
Netzwerkdiagramm aus der Publikation 2

Die Wildschweinpopulationen nehmen in ganz Europa stark zu. Obwohl Details zur Populationsdynamik und zum Fortpflanzungspotential dieser Art bekannt sind, ist unser Wissen über die soziale Struktur und die möglichen Auswirkungen der Jagd auf diese Struktur nur unzureichend bekannt. Wie wirkt es sich z.B. aus, wenn gezielt alte Tiere aus einer Gruppe geschossen werden und nur junge Tiere übrigbleiben? Ziel dieser Studie war es daher zu untersuchen wie sich die soziale Struktur von jungen Wildschweinen, in Abwesenheit von Alttieren, entwickelt.

Dazu untersuchten  wir das Gruppierungsverhalten einjähriger Wildschweinweibchen in zwei Freigehegen. Alle Weibchen waren gleich alt und wurden im Alter von sechs Monaten von vier verschiedenen Zuchtstätten gekauft. Nach einer Gewöhnungszeit von ca. 8 Wochen wurden die Weibchen nach dem Zufallsprinzip in die Gehege entlassen, wobei jedoch sichergestellt wurde, dass Tiere unterschiedlicher Herkunft und Körpermasse gleichmäßig verteilt waren. In keinem der Gehege waren ältere Wildschweinbachen vorhanden, welche in der natürlichen Gruppenstruktur eine Leitfunktion und Dominanz einnehmen würden.

Durch intensive Verhaltensbeobachtungen von März – August im Folgejahr und mit anschließender Auswertung durch eine Soziale Netzwerkanalyse (SNA) konnten wir neue Erkenntnisse zur Sozialstruktur der einjährigen Wildschweinweibchen erlangen. Wir beobachteten, dass die Weibchen während des Untersuchungszeitraums stabile Gruppen bildeten, obwohl ältere Weibchen, d.h. Leittiere, nicht vorhanden waren. Interessanterweise bildeten Individuen in einem größeren Gehege mit mehr Wildschweinen auch mehr Gruppen – die Gruppengröße blieb relativ gleich. Es spielte keine Rolle, ob die Tiere verwandt waren, sofern die anfängliche Aggression überwunden wurde (Nachbarschaft in Gewöhnungsgehegen). Vielmehr wirkte sich die Vertrautheit miteinander auf die nachfolgende Gruppenbildung aus. Innerhalb der Gruppen beobachteten wir, im Unterschied zu natürlichen Bedingungen, keine lineare Hierarchie.

Unsere Ergebnisse zeigen daher, dass sich auch junge Weibchen ohne ein Leittier zu stabilen Gruppen zusammenschließen können, allerdings ist die innere Struktur dieser Gruppe verändert. Zwei Weibchen zeigten im Vergleich zum Durchschnitt einen hohen direkten oder indirekten Kontakt zu anderen Tieren im Gehege (d.h. hatten eine hohe „Betweenness“ und waren oft Teil der kürzesten Wege in einem Netzwerk). Dies weist darauf hin, dass die Wildschweinweibchen unterschiedliche Konnektivität innerhalb des sozialen Netzwerks einer Population zeigen. Weibchen mit einer hohen Betweenness verbreiten sehr wahrscheinlich schnell Krankheiten in einer Population und spielen möglicherweise eine Schlüsselrolle in Gesundheitsmanagementstrategien.

Zum Originalartikel 3

(Web-Redaktion am 10.7.2019)

  

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