Respekt im Gepäck

Dagmar Schoder beim Volk der Maasai in Tansania. (Bild: John Laffa)

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Aus VETMED 2015/01 - Der Verein „Tierärzte ohne Grenzen Österreich“ feiert heuer sein zehnjähriges Jubiläum. Seine Präsidentin, die Tierärztin und Forscherin Dagmar Schoder von der Vetmeduni Vienna, gewährt einen Einblick in dessen Arbeitsweise.

Das Volk der Maasai in Tansania lebt von der Rinderhaltung. Mehrere Projekte des Vereins „Tierärzte ohne Grenzen Österreich“ zielen darauf ab, die Maasai wirtschaftlich unabhängiger zu machen.  

Frau Schoder: Wie sieht die Nutztierhaltung der Maasai aus?

Die Maasai halten das widerstandsfähige Zebu-Rind, eine heimische Rinderrasse, die mit wenig Wasser auskommt und Trockenzeiten gut übersteht. Mit zwei bis vier Kilogramm Milch pro Tag haben diese Rinder eine geringe Milchleistung, erhalten aber auch kein Kraftfutter. Täglich treiben die Maasai ihre Herde auf die Weide. Nachts schlafen die Tiere im Rinderkral, der sich in der Mitte des Dorfes befindet und für die Maasai ein heiliger Ort ist.

Wie muss man sich die traditionelle Milchproduktion der Maasai vorstellen?

Morgens und abends melken die Maasai-Frauen die Rinder. Das traditionelle Milchgefäß ist die „Kalebasse“, ein ausgehöhlter Kürbis mit engem Hals, den sie direkt bei der Zitze ansetzen können. Jede Maasai-Frau besitzt rund zehn Stück für unterschiedliche Zwecke, etwa zum Melken, zum Gerinnen der Milch oder zum Trinken. Sie sind das Heiligtum einer Maasai-Frau. Nach jeder Benutzung reinigen sie diese mit Rinderurin und räuchern sie aus, weshalb die Milch einen leicht geräucherten Geschmack hat.

Warum initiierten Sie das Projekt „Sichere Milch für Tansania“, für das Sie auch den Zukunftspreis der Stadt Wien erhielten?

Wir wollten in punkto Milchqualität den Status quo erheben, die vorhandenen Methoden prüfen, die Hauptprobleme identifizieren und einfache, praktikable Lösungen im unmittelbaren Umfeld suchen.  

Zu welchen Ergebnissen kamen Sie in diesem Pilotprojekt?

Zuerst untersuchten wir landesweit die Qualität der Milch in den Tanks der Milchsammelstellen und stellten gemeinsam mit dem Forschungsteam vom Central Veterinary Laboratory in Tansania fest, dass sie hochgradig keimbelastet war. Sie enthielt gefährliche und sogar multiresistente Krankheitserreger. Warum? Bauern handeln oft höchst fahrlässig. Sie melken die Milch in schmutzige Plastikeimer und verwässern sie zusätzlich mit stark verkeimtem Wasser. Die Maasai-Frauen füllen die Milch für den Verkauf ebenfalls in Plastikeimer ab, doch nur, da sie im Rahmen von Umschulungsmaßnahmen der Entwicklungshilfe dazu gedrängt wurden. Eine weitere Schwachstelle betrifft die Molkereien: Die Milch wird oft stundenlang gekocht und dann mit schmutzigen Schöpflöffeln abgefüllt, wodurch es zu einer enormen Rekontamination kommt. Diese Milch macht definitiv krank. Die Laborergebnisse der Kalebassenmilch waren hingegen erstaunlich: Die durchschnittliche Gesamtkeimzahl pro Milliliter Milch betrug nur 200. Zum Vergleich: Weist die Milch heimischer Landwirte eine Gesamtkeimzahl von unter 50.000 auf, erhalten sie einen Qualitätszuschlag.

Wie unterstützt der Verein „Tierärzte ohne Grenzen Österreich“ (VSF) die Maasai?

Die Maasai leben mit und von der Natur. Sie werden jedoch vom politischen Establishment belächelt und dazu angehalten, ihr traditionelles Leben aufzugeben und als Tagelöhner in die Stadt abzuwandern. Um dieser tragischen Entwicklung entgegenzuwirken, brauchen die Maasai eine fundierte Ausbildung und wirtschaftliche Unabhängigkeit. Wir unterstützen sie deshalb bei der Veredelung von Milch, ihrer wichtigsten Ressource, und verstehen uns als Beraterinnen und Berater in vielerlei – auch patentrechtlicher – Hinsicht. So hat etwa die Erzeugung von Käse viel Potenzial. Wir haben bereits eine erfolgreiche Käserei samt Schulungsraum aufgebaut. Der Käse, den die Maasai erzeugen, wird teuer an die afrikanische Oberschicht verkauft. Eine mobile Käseschule folgt. Mit einem Maasai-Kunstprojekt fördern wir gezielt die Maasai-Frauen.

Wie sieht es mit der tierärztlichen Versorgung aus?

Was fehlt, sind gute Tierärztinnen und Tierärzte. Oft mangelt es etwa an Wissen, wie Antibiotika eingesetzt werden sollen. Die Maasai halten sie für ein Allheilmittel gegen Krankheiten, weshalb sie viel zu oft darauf zurückgreifen. Mittels Stipendien ermöglichen wir den Maasai den Zugang zu fachspezifischer Bildung. Kürzlich schloss die erste Maasai-Frau ihr Studium am Kilimanjaro Veterinary College ab.

Was gefährdet die traditionelle Lebensweise der Maasai in Tansania?

Früher war Tansania ein friedliches, politisch stabiles Land. Derzeit wird der Kuchen, sprich Grund und Bodenschätze, zwischen heimischen Großgrundbesitzern und multinationalen Konzernen aufgeteilt. Die Maasai befinden sich heute im Spannungsfeld zwischen Politik, globalen Wirtschaftsinteressen und falsch verstandener Entwicklungshilfe.  Darüber referierte ich bereits 2011 beim „Forum Alpbach“. Ich habe es miterlebt, dass mafia-artig organisierte Großgrundbesitzer Maasai unter Druck setzen, hunderte Rinder kidnappen, Lösegeld verlangen oder sie kurzerhand schlachten. Die Feindseligkeiten nehmen zu und fordern zahlreiche Todesopfer.

Wer kann bei Tierärzte ohne Grenzen Österreich mitarbeiten?

Rund 160 heimische Tierärztinnen und Tierärzte unterstützen uns bei der jährlichen Aktionswoche „Impfen für Afrika“. Die Hälfte der Impfeinnahmen kommt direkt unseren Hilfsprojekten zugute. Für die Mitarbeit vor Ort suchen wir Großtierpraktikerinnen und Forscher mit mehrjähriger Berufserfahrung. Menschen mit Leidenschaft, Weitblick, Geduld und ja,  auch dem gewissen Sinn für Humor.

Was motiviert Sie, sich für den Verein zu engagieren?

Die Ungerechtigkeit in Sachen Konsumentenschutz, der in weiten Teilen der Welt mit Füßen getreten wird und Erkenntnisgewinn: Aktuell beschäftigt mich die Frage, ob Krankheitserreger einen olfaktorischen Fingerprint haben. Den will ich entschlüsseln und in einem neuen Projekt Schnüffelhunde ausbilden, die in Slums die Trinkwasserreservoire auf Krankheitserreger prüfen. Damit leisten wir Pionierarbeit.

Dieses Interview finden Sie auch in der Ausgabe 2015/01 des VETMED - Magazin der Veterinärmedizinischen Universität Wien.

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Kategorie: Magazin

 

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