Tierpatienten damals und heute

Im Wartesaal der Klinik an der Tierärztlichen Hochschule Wien in den 1920er-Jahren. (Foto: Vetmeduni Vienna)

 1

Tierpatienten im Vergleich 1864 vs. 2014

 2

Aus VETMED 02/2015 - Über 45.000 Patienten zählten die Kliniken der Veterinärmedizinischen Universität Wien 2014. Davon fällt der größte Anteil auf Kleintiere wie Hund und Katze. Heute gehören dutzende Heimtierarten ebenfalls zu den Patienten der Universitätskliniken. Die Artenvielfalt war nicht immer so reich, sondern ist das Ergebnis einer 250-jährigen Entwicklung.

Die Patientengeschichte der Veterinärmedizinischen Universität Wien war ursprünglich ziemlich einseitig: Die 1767 eröffnete „k. k. Pferde-Curen- und Operationsschule“ – die erste Vorgängerin der heutigen Universität – behandelte, wie der Name schon sagt, nur Pferde. Das waren aber keine gewöhnlichen Pferde, sondern in erster Linie Militärpferde.  Sie waren im Krieg unverzichtbar und im 18. Jahrhundert herrschte nahezu permanent Kriegszustand. Daher war es oberste Priorität, die Tiere gesund zu halten, richtig zu beschlagen und sie im Falle einer Verletzung fachmännisch zu  behandeln. Die Pferde-Curen- und Operationsschule bildete die dafür benötigten so genannten „Rossärzte“ aus. Diese waren allerdings keine Tierärzte im heutigen Sinne, sondern Militärschmiede.

Der Fokus auf Pferde war allerdings unzufriedenstellend für die Regierung. Maria Theresia hatte 1765 eigentlich angeordnet, „eine Lehr-Schule zur Heilung der Vieh-Krankheiten“ zu gründen, denn die Viehkrankheiten und -seuchen blieben weiterhin ein drängendes Problem in der Habsburgermonarchie. Abhilfe sollte zunächst ein Lehrstuhl für Vieh- und Seuchenkrankheiten an der medizinisch-chirurgischen Fakultät der Universität Wien schaffen, der 1775 mit dem Humanmediziner und Viehseuchenforscher Paul Adami besetzt wurde. Doch mangels eines Spitals konnten hier keine Tiere behandelt werden und der Unterricht blieb ausschließlich auf die Theorie beschränkt.

1777: Ein Spital für Pferd, Rind und Schwein

Eine Lösung kam erst zwei Jahre später: Das neu eröffnete „k. k. Thierspital und Thierarzneyschule“ unter der Leitung des Humanmediziners Johann Gottlieb Wolstein bot nun Behandlungen für Pferde und Nutztiere an. Wolsteins ersten Entwurf zu diesem Spital hatte die Regierung zunächst sogar abgelehnt – mit der Begründung, dass der Fokus zu stark auf den Pferden läge. Dies zeigt, wie wichtig für den Staat ein medizinisches Angebot für Nutztiere war. In dieser Bedeutung begründete sich auch die Lage der Schule in der Rabengasse im heutigen dritten Wiener Gemeindebezirk. Durch die Nähe zur Landstraße/Hauptstraße, einer der wichtigsten Wiener Handelswege im 18. Jahrhundert, sollte sowohl den ländlichen als auch den Wiener TierbesitzerInnen ein leichter Zugang zum Spital ermöglicht werden.

Die zur Behandlung übergebenen Tiere dienten aber auch der Ausbildung. Das Spital war damit gleichzeitig Ausbildungsort der Studenten, die sich nun aus Humanmedizinern und Militärschmieden zusammensetzten. Das Wiener Tierspital war – nach eigenen Worten Wolsteins – die erste Veterinärschule überhaupt, die eine solche praktische Ausbildung garantierte. Dieses Lehrkonzept übernahm er von der Humanmedizin, wo es sich ebenfalls gerade erst etablierte. Gleichzeitig ermöglichte das Spital Forschungsarbeiten über Tierkrankheiten, sodass die Pferde-Curen-Schule und auch der Lehrstuhl an der Universität Wien für Vieh- und Seuchenkrankheiten überflüssig wurden und geschlossen beziehungsweise aufgehoben wurden.

Medizinisches Angebot für den besten Freund des Menschen

Pferde und Nutztiere blieben für fast 50 Jahre lang die einzigen Tierarten, die behandelt wurden, bis die Wiener Veterinärmedizin schließlich „auf den Hund kam“. Die Erklärung hierfür ist einfach: Das aufsteigende Wiener Bürgertum hielt vermehrt Hunde in den Wohnungen, bis dahin besaßen fast ausschließlich Adelige sogenannte "Luxus- und Schoßhunde". Mit der verbreiteten Haltung stieg auch die Nachfrage nach Hundemedizin. Das Wiener Tierarznei-Institut, wie die Schule seit 1808 hieß, reagierte hierauf mit der Errichtung eines Hundespitals. Wenn auch kein genaues Gründungsdatum für dieses Spital festzumachen ist, dürfte es bereits in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts eröffnet worden sein.

Ab den 1850er-Jahren finden sich immer wieder Annoncen in der „Wiener Zeitung“, welche die WienerInnen aufriefen, ihre „Hunde, Katzen, Pferde und Affen“ ins Hundespital zu bringen. Affen galten im 19. Jahrhundert als Heimtiere, vergleichbar mit dem heutigen Trend, exotische Tiere daheim zu halten. Doch wie die „Sektionsprotokolle“ – das Verzeichnis der eingelieferten Tiere – im Archiv verraten, waren Affen und Katzen eher Randerscheinungen. Der Hund war nach dem Pferd die häufigste behandelte Tierart am Wiener Tierarznei-Institut.

Mit welchen Patientenzahlen konnte man Mitte des 19. Jahrhunderts rechnen? Während die Beschlagsschmiede Mitte des 19. Jahrhunderts jährlich bis zu 11.000 Pferde zählte, schwankten die Patientenzahlen im Spital bei den Heimtieren zwischen 3.000 und 4.000 Tieren pro Jahr.

Boom der Kleintiermedizin

Zu einer Erweiterung des Patientenspektrums kam es erst im Laufe des 20. Jahrhunderts. Nach den verlorenen beiden Weltkriegen, die noch einmal Militärpferde und -hunde in den Fokus der nunmehrigen Tierärztlichen Hochschule rückten, nahm das Pferd an Bedeutung ab. Die zunehmende Motorisierung verdrängte Pferde endgültig in den privaten Hobby- und Sportbereich. Dafür wurde die Katze immer wichtiger. Im 19. Jahrhundert oft noch mit alten abergläubischen Vorurteilen als Unglücksbringer behaftet, wurde sie als Heimtier im 20. Jahrhundert immer beliebter.

Der große Boom der Kleintiermedizin kam dann in den 1970er- und 1980er-Jahren: Der steigende Wohlstand der Mittelschicht ließ – ähnlich wie 150 Jahre zuvor beim Hund  – immer mehr Tierarten in die Häuser und Wohnungen einziehen. Hunde, Katzen, Vögel und Nagetiere erfreuten sich immer größerer Beliebtheit und damit einher ging wiederum die Nachfrage nach einem entsprechenden medizinischen Angebot. Die Kleintierärztin und der Kleintierarzt – in den über 200 Jahren zuvor nahezu undenkbar – war ab den 1980er-Jahren eine immer beliebtere Spezialisierung.

Heute ist die Kleintierpraxis das häufigste Betätigungsfeld für VeterinärmedizinerInnen. Die Veterinärmedizinische Universität Wien bietet in ihren gegenwärtig fünf Spezialkliniken für alle möglichen Arten von Patienten ein medizinisches Angebot an. Diese Vielfalt ist historisch gewachsen und die Patientenzahlen sind in den letzten 150 Jahren um ein Vielfaches gestiegen. Das Spital damals und die Unikliniken heuten sind seit jeher essenzielle Orte der Behandlung, Ausbildung und Forschung.

am )

Kategorie: Magazin, Jubiläum, Tierspital & Universitätskliniken  4

 

Acrobat Reader zum Anzeigen von PDF Dokumenten hier kostenlos downloaden 7