Vom Landwirten zum Philosophen

Vom Fach: Früher selbst in der Landwirtschaft tätig, ist Herwig Grimm heute Professor für Ethik in der Mensch-Tier-Beziehung. Foto: ©Aleksandra Klepić/Vetmeduni Vienna

Vom Fach: Früher selbst in der Landwirtschaft tätig, ist Herwig Grimm heute Professor für Ethik in der Mensch-Tier-Beziehung. Foto: ©Aleksandra Klepić/Vetmeduni Vienna 1

Aus VETMED 4/2016 - Herwig Grimm wurde 2011 als Professor für Ethik in der Mensch-Tier-Beziehung ans Messerli Forschungsinstitut an der Vetmeduni Vienna berufen. Im Interview erzählt er von der Ethik in der Veterinärmedizin, die oftmals den Interessen der Tiere, TierhalterInnen und der Öffentlichkeit gleichzeitig gerecht werden muss.

VETMED: Was verschlägt einen Philosophen an die Veterinärmedizinische Universität Wien?

Herwig Grimm: Ich habe schon während des Philosophie-Studiums meinen Forschungsschwerpunktauf angewandte Ethik gelegt. Dabei bin ich bald auf ethische Fragen der Veterinärmedizingestoßen. Tierärztinnen und –ärzte sind täglich mit ethischen Konflikten konfrontiert.Jedes Mal, wenn die Frage aufkommt „Was soll ich tun?“ gilt es viele Interessen in Betrachtzu ziehen. Ethik hilft dabei, die Gründe unterschiedlicher Parteien auszuloten. Das ist in derVeterinärmedizin sehr wichtig.

VETMED: Sie selbst sind ausgebildeter Landwirt. Lag es da für Sie nahe sich mit Tierethik zu beschäftigen?

Herwig Grimm: Für mich gab es damals ein Schlüsselerlebnis: Als landwirtschaftlicher Betriebshelfer habe ich eine Landwirtin im Waldviertel unterstützt. Sie musste den Hof alleine bewirtschaften und zwei Kinder versorgen. Dass die Kühe auf diesem Hof ganzjährig angebunden waren, hat mich schockiert. Das war nicht meine Vorstellung von tiergerechter Haltung. Dann habe ich nachgedacht: Kann ich das einfach so verurteilen? Man muss die Umstände in Betracht ziehen und reflektieren, ob es für diese Landwirtin überhaupt anders möglich gewesen wäre, wirtschaftlich zu überleben. Es gibt also mehr Interessen, die man betrachten muss. Da habe ich begonnen, mich mit diesen ethischen Herausforderungen zu beschäftigen.

 

VETMED: Wann sind Veterinärmedizinerinnen und –mediziner in ihrem Berufsalltag mit Ethik konfrontiert?

Herwig Grimm: Tierärztinnen und –ärzte haben es tagtäglich mit den Interessen des jeweiligen Tieres und jenen der Tierhalterin, des Tierhalters oder der Öffentlichkeit zu tun. Das ist ein Spannungsfeld, das permanent Wertfragen aufwirft.

VETMED: Beim Projekt „VEthics - Ethics for Vets“ haben Sie Amtstierärzte und Amtstierärztinnen eingeladen,
in Workshops ihre konkreten Herausforderungen zu schildern. Warum war es Ihnen wichtig, diese
Praxiserfahrungen einzubetten?


Herwig Grimm: Als Gesellschaft sind wir gefordert, die Mensch-Tier-Beziehung positiv weiterzuentwickeln. Die Erfahrungen aus der Praxis sind die Basis dafür. Nur jene, die direkt am Tier arbeiten, können uns sagen, welche konkreten Konflikte im Berufsalltag aufkommen und wo Unterstützung nötig ist.

VETMED: Die Inputs der Workshops sind auch in die Publikation „Ethik in der amtstierärztlichen Praxis – ein Wegweiser“ eingeflossen. Welche konkreten Methoden finden sie darin zur Bewältigung von ethischen Konflikten?

Herwig Grimm: Einfache Antworten auf komplexe Fragen gehen meist in die Irre. Daher finden Sie im Buch auch keine fertige Tool-Box. Vielmehr regt das Buch an, bewusst über den Berufsalltag nachzudenken. Es soll die Reflexion erleichtern. Wir wollen dabei unterstützen, Überzeugungen zu begründen. Die meisten Fragen im Berufsalltag von Amtstierärztinnen und –ärzten sind handfeste Konflikte. Da geht es darum, ob Tiere euthanasiert werden oder Tiere weggenommen werden müssen – das sind schwere Entscheidungen. Durch strukturiertes Nachdenken kann man aber auch in schwierigen Fällen Orientierung finden und die tierärztliche Verantwortung klären.

VETMED: Sind Amtstierärztinnen und –ärzte mit anderen ethischen Herausforderungen konfrontiert als Tierärztinnen und –ärzte in Kleintierpraxen?

Herwig Grimm: Beide erleben in ihrem Arbeitsalltag ethische Konflikte. Der Unterschied ist die gesellschaftliche Rolle. Amtstierärztinnen und –ärzte haben einen gesetzlichen Auftrag: Sie vollziehen z.B. wichtige Teile des Tierseuchenrechts. Das bedeutet, dass sie im Fall von Zoonosen Keulungen durchführen müssen. Hier gibt es juristische Vorgaben, die aber nicht immer leicht umzusetzen sind. Tierärztinnen und –ärzte in Kleintierpraxen haben oft mit Tieren zu tun, die für ihre Halterinnen und Halter Familienmitglieder sind. Sie müssen daher auch stark auf deren Gefühle eingehen. Obwohl es Unterschiede gibt, geht es bei beiden Berufsfeldern immer um Klärung tierärztlicher Verantwortung.

VETMED: Die Mensch-Tier-Beziehung hat sich in den letzten Jahren ja massiv verändert. Welche Auswirkungen hat das auf den Umgang mit unterschiedlichen Tierarten?

Herwig Grimm:
Ganz klar: Wenn ich Sie bitte, an ein Tier zu denken, werden Sie vermutlich sofort Hund oder Katze vor Augen haben. Die wenigsten Menschen sehen eine Kuh oder ein Ferkel vor sich. Warum ist das so? Wenn Kinder mit Tieren aufwachsen, dann sind das heute meist Hunde oder Katzen. Mit der Veränderung der Mensch-Tier-Beziehung ändert sich auch unsere Wahrnehmung von Tieren. Hunde und Katzen nennt man nicht umsonst „companion animals“. Schweine oder Kühe hingegen sehen wir als Nutztiere. Streicheltiere werden gelegentlich vermenschlicht, was man für die Nutztierhaltung nicht behaupten kann. Aber was ist nun das Maß einer guten Mensch-Tier-Beziehung? Als EthikerInnen fragen wir nach Ansätzen, Kriterien und Prinzipien.

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Kategorie: Magazin