Von der Liebe zur Wissenschaft und was man von Donald Duck und Rilke alles lernen kann

Tierärztin ohne Grenzen: Seit 13 Jahren engagiert sich Dagmar Schoder in Afrika. Sie gilt als Maasai-Expertin. „Den renommierten Armin Tschermak von Seysenegg-Preis von der Gesellschaft der Freunde der Vetmeduni Vienna zu bekommen, ehrt mich sehr.“ Foto: Dagmar Schoder/Vetmeduni Vienna

Tierärztin ohne Grenzen Dagmar Schoder 1

Aus VETMED 03/2017 – Dagmar Schoder leitet die Forschungsgruppe „Globale Lebensmittelsicherheit“ am Institut für Milchhygiene der Vetmeduni Vienna. Vor Kurzem hat sie den Armin Tschermak von Seysenegg-Preis für ihre herausragenden wissenschaftlichen Arbeiten erhalten. Das VETMED besuchte sie in ihrem Büro.

VETMED: Frau Schoder, Ihr Büro wirkt eher untypisch für eine Wissenschafterin. Am Tisch liegen Jonglierkugeln, vor der Türe lehnt ein Einrad, zwei große, vollgeschriebene Whiteboards stehen vor einer kunstvoll geschnitzten Truhe. Was bedeutet Wissenschaft für Sie?

Schoder: Wissenschaft beginnt mit der Neugierde. Neugierde ist der unersättliche Wunsch zu erfahren, wie die Welt funktioniert. Was mich mehr und mehr an der Wissenschaft fasziniert, ist aber auch die Wechselwirkung zwischen uns und der Welt. Je mehr ich über die Welt weiß, umso mehr kann ich mich selbst erkennen, erfassen und verstehen.

Auch deshalb bin ich ein absoluter Bewegungsmensch. Radfahren entspannt mich, das Einrad bringt meinen Geist ins rechte Lot. Es verzeiht kein Grübeln, es hilft mir vielmehr, meine Gedanken frei fliegen zu lassen. Beim Jonglieren kommen mir wiederum die besten Ideen. Diese werden immer handschriftlich aufs Papier oder auf meine Whiteboards gebracht.

So findet ein unaufhörliches Knüpfen, Auflösen und Neuknüpfen eines Informationsnetzes statt. Man gestaltet sich stetig um, lässt neue Denkmuster zu, webt sein Netz und fängt so neue Gedanken und Ideen ein. Die Belohnung dafür ist die Freude, die Welt etwas besser zu verstehen. Die Wissenschaft macht uns so zu reflektierten Menschen. Wir lernen Systeme nicht nur korrekt zu analysieren, wir lernen im besten Fall auch unser hypertrophes Ego kritisch zu betrachten und uns nicht so schrecklich ernst und wichtig zu nehmen.

VETMED: Wie der Donald-Duck-Cartoon auf Ihrem Schreibtisch, bei dem Donald das letzte fehlende Puzzleteil mit einem trotzig-verdutzten Gesichtsausdruck in der Hand hält, weil er gerade erkennt, dass es sich nicht einfügen lässt? 

Schoder: Ja, genau (lacht)! Donald ist mein Lieblingsheld, war er schon immer, seit meiner frühesten Kindheit. Er kann auf wundervoll charmante Art scheitern. Das konnte ja die Micky Maus nie. Immer auf der Siegerseite, hatte sie nie einen Misserfolg. Eine brave, überkorrekte Strebermaus: Sie hat ihre Angst vorm Scheitern wahrscheinlich erfolgreich verdrängt. Da ist der Donald schon ein anderes Kaliber (lacht).

Ich denke, eine Situation wie auf diesem Bild haben wir alle schon erlebt. Wir formulieren unsere Hypothese, fügen brav und emsig die einzelnen Puzzleteile zusammen und erwarten als Lohn ein „mein Gott, bist du aber gescheit“. So einfach lässt sich das Leben jedoch nicht austricksen und wir werden oft eines Besseren belehrt. Was ich an diesem Bild so liebe, ist seine verspielte Selbstironie.

Anders als Donald sollten wir jedoch aus unseren Fehlern lernen. Ich habe mir vor vielen Jahren angewöhnt, Fehler, die ich mache und die mir bewusst werden – und ich hoffe, dass zumindest in dieser Hinsicht meine Aufmerksamkeit besser und besser wird –, in einem Buch kurz festzuhalten, zu kategorisieren und zu analysieren.

So schärft die Wissenschaft auch die Wahrnehmung gegenüber blinden Gewohnheiten des Denkens, gegenüber modischen Trends und jeder Form von Mitläufertum und schenkt uns das höchste Gut: gedankliche Unbestechlichkeit.

VETMED: Gott sei Dank besteht Wissenschaft aber nicht nur aus Scheitern. Im Laufe Ihrer Karriere haben Sie einige Preise erhalten. Unter anderem war dies der höchstdotierte Wissenschaftspreis im Bereich der Lebensmittelsicherheit, der renommierte Preis der Heinrich-Stockmeyer-Stiftung. Meines Wissens ging dieser Preis nur einmal nach Österreich. Wohl nicht für Scheitern, oder?

Schoder: Es war eine große Ehre, diesen Preis entgegennehmen zu dürfen. Wir konnten den Melaminskandal in Afrika aufdecken und beweisen, dass nach internationalem Bekanntwerden des Skandals in China kontaminierte Babynahrung im großen Stil auf afrikanische Märkte umgeleitet wurde. Auch multinationale Konzerne waren in diesen Skandal verwickelt. Elf Prozent der von uns untersuchten Proben waren mit Melamin kontaminiert. Insgesamt konnten 60 Tonnen illegal von China eingeführtes Milchpulver im zentral- und ostafrikanischen Markt sichergestellt werden.

VETMED: Wie groß war das Team?

Schoder: Klein, kleiner, am kleinsten (lacht). Mein afrikanischer, langjähriger Mitarbeiter von „Tierärzte ohne Grenzen“, Awesu – er ist unser Chauffeur und Mädchen für alles –, und meine Wenigkeit.

Diese Untersuchungen vor Ort waren sehr brisant und heikel. Vor allem die Beprobungen der Märkte in den Slums waren recht ... nun ja, tricky. Da heißt es, kein Aufsehen zu erregen. Offizielle afrikanische Stellen konnte ich erst nach Vorliegen der Ergebnisse informieren. Die WHO hat in weiterer Folge alle zuständigen Regierungen in Alarmbereitschaft versetzt. Dann ging es Schlag auf Schlag.

VETMED: Wie lange arbeiten Sie schon in Afrika? Ist Ihre Arbeit mitunter gefährlich?

Schoder: Seit nunmehr 13 Jahren. Ich liebe meine Arbeit, es ist aber auch eine emotionale Achterbahnfahrt. Ich habe sehr viel gesehen: sehr Schlimmes, aber auch Wunderschönes. Unendliches Leid, unvorstellbare Brutalität und dann wieder Herzensgüte.

Zweimal bin ich im Rahmen meiner Arbeit in bewaffnete Konflikte geraten. Einmal, als ein Maasai-Dorf überfallen wurde, und ein andermal bin ich zufällig in einen Schusswechsel geraten. Bandenmitglieder haben sich hinter meinem Auto verschanzt und mit ihren Kalaschnikows das Feuer auf die Gegenseite eröffnet. Ich glaube, das war die gefährlichste Situation. Passiert ist mir aber nie etwas. Da schützt mich wahrscheinlich mein Spitzname, den mir die Maasai verpasst haben: „Dagmar, the lucky girl“.

VETMED: Sie gelten als Maasai-Expertin und durften bereits im Rahmen des Europäischen Forums Alpbach über Ihre Arbeit referieren. Was zog Sie nach Afrika?

Schoder: Die Sehnsucht! Rilke formulierte es so: „Von deinen Sinnen hinausgesandt, geh bis an deiner Sehnsucht Rand.“

Ich bin in einem sehr kleinen Dorf in NÖ aufgewachsen. Sehr beschaulich, aber eben fernab von der weiten Welt. Ich erinnere mich noch, als wäre es gestern gewesen: Es war ein heißer Sommertag, Anfang Juli, ich war sieben Jahre alt, saß in der Küche meiner Großeltern, und in den Nachrichten wurde durchgegeben, dass ein starker, heißer Südwind Sandkörner von der Sahara nach Österreich vertragen hat. Dann sah ich sie: unzählige, glitzernd kleine Sandkörner auf der Fensterscheibe. In diesem Moment wusste ich: Eines Tages bin ich dort, in Afrika.

 

Zur Person

Dagmar Schoder ist Präsidentin von „Tierärzte ohne Grenzen“ und leitet die Forschungsgruppe „Globale Lebensmittelsicherheit“, das wissenschaftliche Dienstleistungslabor sowie eine Arbeitsgruppe des Christian-Doppler-Labors MOMICO am Institut für Milchhygiene der Vetmeduni Vienna. Sie beschäftigt sich mit illegalem Lebensmittelhandel, der Aufklärung des Ausbruchs von Lebensmittelpathogenen und entwickelt Eigenkontrollsysteme für lebensmittelproduzierende Betriebe.

am )

Kategorie: Magazin, Stipendien & Preise