Weiterentwicklung von Forschung und Ausbildung an Höfen der Vetmeduni Vienna

Armin Aigner: „Nicht wirtschaftliche Faktoren sind die Maxime, sondern veterinärmedizinische Ausbildung und Forschung.“ (links im Bild) Foto: Michael Bernkopf/Vetmeduni Vienna

„Nicht wirtschaftliche Faktoren sind die Maxime, sondern veterinärmedizinische Ausbildung und Forschung.“ 1

Marc Drillich: „Langfristig ist es das Ziel, dass sich Forschende nicht als Gäste, sondern als Kolleginnen und Kollegen an der VetFarm fühlen.“ (rechts im Bild) Foto: Michael Bernkopf/Vetmeduni Vienna

„Langfristig ist es das Ziel, dass sich Forschende nicht als Gäste, sondern als Kolleginnen und Kollegen an der VetFarm fühlen.“ 2

Aus VETMED 01/2018 – An der VetFarm heißt es: Mit neuem Konzept ins neue Jahr. Essenziell ist dabei das Verhältnis von Lehre, Forschung und landwirtschaftlicher Produktion. Im Gespräch mit VETMED berichten Armin Aigner, Leiter der VetFarm, und Marc Drillich, Leiter der VetFarm-Koordinierungsgruppe und Leiter der Bestandsbetreuung bei Wiederkäuern, über die Neuausrichtung der Lehr- und Forschungsbetriebe der Vetmeduni Vienna.

Die vier landwirtschaftlichen Betriebe Kremesberg, Medau, Haidlhof und Rehgras haben eine lange Tradition an der Vetmeduni Vienna. Welche Veränderungen bringt das neue Konzept der VetFarm?


Aigner: Ein Hauptziel ist, die Forschungsinfrastruktur zu erweitern. Zusätzlich wollen wir aber auch Kommunikationsdrehscheibe sein, um diese Infrastruktur bestmöglich nutzen zu können. Generell ist das Konzept dadurch geprägt, die Schnittstellen von Campus und VetFarm zu intensivieren.

Drillich: Der wichtigste Punkt ist vermutlich die breite Basis, auf der das Konzept erstellt worden ist. Es ist unter Einbeziehung der Expertise sehr vieler Kolleginnen und Kollegen unserer Universität sowohl an der VetFarm als auch am Campus entstanden.

Aigner: Und es ist im Eigeninteresse der VetFarm, diese Fachexpertise zu nutzen. Wir haben mit großer Freude festgestellt, dass viele, die uns schon im Konzept begleitet haben, Projekte an der VetFarm umsetzen wollen, denn so wird unser Praxisbetrieb weiterentwickelt. Und nur so kann er als Lehr- und Forschungsbetrieb auch funktionieren. Am Ende des Tages sollen den zur Verfügung gestellten Ressourcen auch genügend Publikationen und Lehreinheiten gegenüberstehen.

Welche Herausforderungen gilt es dabei zu meistern?


Aigner: Der Ausgangspunkt des Konzeptes war, auf Basis der bestehenden Struktur die Prozesse, Infrastruktur und Ressourcen bestmöglich zu optimieren. Gemeinsam mit der Koordinierungsgruppe und den Fachprofessorinnen und -professoren wurde eine Weiterentwicklung in strategischer Hinsicht begonnen. Bis zum Jahr 2021 planen wir insgesamt 2,4 Millionen Euro in die Forschungsinfrastruktur der VetFarm zu investieren. Diese Summe werden wir uns im laufenden Geschäft ersparen, indem wir einerseits unsere innerbetrieblichen Ressourcen flexibler einsetzen und uns andererseits verstärkt auf unsere Kernaufgaben konzentrieren möchten. Die Kooperation mit externen PartnerInnen im landwirtschaftlichen Bereich ist ein Aspekt davon.

Um welche Veränderungen handelt es sich konkret?


Aigner: Es geht da zum Beispiel um die Einrichtung einer neuen Laborinfrastruktur. Wir haben eine hochkarätige Runde an Forschenden gehabt, um festzustellen, in welchen Bereichen Bedarf besteht. Durch den Ausbau der Laborkapazitäten wollen wir den Standort noch attraktiver für Forschungsprojekte machen.

Drillich: Gerade für WissenschafterInnen sind die Arbeitsmöglichkeiten zentral, seien es die Laborkapazitäten oder mobile Computerarbeitsplätze zur Auswertung erhobener Daten. Einerseits sollen diese Arbeitsplätze hochgradig attraktiv von der Ausstattung sein, andererseits wirklich nur das abbilden, was hinterher tatsächlich genutzt wird. Zusätzlich müssen diese Einrichtungen jederzeit jedem zur Verfügung stehen. Die Koordination planen wir mit einem entsprechenden Buchungssystem. Die Pläne für ein neues Labor sind sicher ein Highlight in der neuen Struktur der VetFarm. Langfristig ist es das Ziel, dass sich Forschende nicht als Gäste, sondern als Kolleginnen und Kollegen an der VetFarm fühlen.

Welche Forschungsprojekte werden zurzeit an der VetFarm umgesetzt?


Drillich: Ein Projekt ist die Erfassung von Daten durch digitale Ohrmarken. Früher wurden Ohrmarken nur zur Identifizierung genutzt, zurzeit werden die Kühe am Kremesberg auf digitale Ohrmarken umgestellt. Dadurch können in Zukunft neben Bewegungs- und Beschleunigungsdaten auch physiologische Daten erfasst werden. Zusammen mit der Firma, die diese Ohrmarken vertreibt, werden Algorithmen entwickelt, um zu schauen, welche Muster feststellbar sind, die wiederum vergleichbar mit einem beobachtbaren Verhalten am Tier oder dem Auftreten von Erkrankungen sind. Angefangen bei Alarmmeldungen, zum Beispiel wenn eine Kuh kalbt, bis hin zu einer Analyse, wo sich welche Kuh im Stall befindet und wie ich darauf reagieren kann. Diese Reaktion kann im Bereich der Fütterung liegen oder auch in der Analyse, wo es Komfortzonen im Stall gibt, also beliebte Zonen und unbeliebte Zonen. Da gibt es eine ganze Reihe von Fragestellungen, die noch offen sind.

Welche neuen Projekte sind in dieser Richtung denkbar?


Aigner: Die Ausstattung mit digitalen Ohrmarken soll zum Beispiel zukünftig auch für den Routinebetrieb auf die Schweinehaltung ausgeweitet werden.

Drillich: Richtig, Johannes Baumgartner und seine Kolleginnen und Kollegen haben auf dem Hof Medau schon eigene Forschung diesbezüglich durchgeführt. Die erfreuliche Weiterentwicklung ist sicherlich, dass wir jetzt über das COMET-Projekt FFoQSI im Schweine- und Rinderbereich zusammenarbeiten. Vorher haben wir quasi parallel geforscht, nun nutzen wir bei derartigen Projekten die Möglichkeit, intensiver zusammenzuarbeiten.

Aigner: Die VetFarm soll eine Plattform sein, auf der Wissenschaft vernetzt und durchgeführt wird. Nicht  wirtschaftliche Faktoren sind die Maxime, sondern veterinärmedizinische Ausbildung und Forschung, vor allem im Nutztierbereich, stehen im Vordergrund. Dieser steht unter besonderer Beobachtung der Öffentlichkeit, deswegen können wir mit einem primär wissenschaftlich orientierten Standort einen adäquaten Raum und besondere Bedingungen für die Forschenden, Lehrenden und Lernenden bieten.

Drillich: Mit der VetFarm hat die Vetmeduni Vienna einen einzigartigen Betrieb, der sowohl Lehre als auch Forschung auf sehr hohem Niveau ermöglicht. Die VetFarm ist nicht dafür konzipiert, ein landwirtschaftlicher Modellbetrieb zu sein, da in gewisser Hinsicht diese Stellung durch den Forschungsauftrag ausgeschlossen wird. Wir haben am Gutshof Kremesberg zum Beispiel mit der Einzelfutterstrecke eine Möglichkeit, die uns für verschiedene Fragestellungen der Forschung sehr hilfreich und dienlich ist, die sich aber natürlich auf keinem ‚normalen‘ landwirtschaftlichen Betriebwiederfindet. Dadurch sind wir ein Forschungs- und Lehrbetrieb, der auch Milch produziert, aber kein ‚normaler‘ Milcherzeugerbetrieb.

Aigner: Genau, es gilt der Primat der veterinärmedizinischen Forschung und Lehre. Der Erfolg der VetFarm wird sich an den Fortschritten in diesen Bereichen messen. Wir sehen die VetFarm sowohl in der Lehre als auch in der Forschung als maßgeblichen Knoten innerhalb eines Netzwerks von außeruniversitären Praxisbetrieben. Wir  können und wollen keine landwirtschaftlichen Modellbetriebe abbilden, denn dafür bekommen unsere Studierenden ausreichend Praxiserfahrung, indem sie Praktika machen oder mit Lehrenden zu Höfen fahren, um dort externe landwirtschaftliche Betriebe zu sehen.

Ist dies ein Aspekt, der durch die Neuausrichtung weiter vorangebracht wird?


Aigner: Ja, wir sehen uns als Ergänzung zu den Praxisbetrieben. Am Hof Medau haben wir den ursprünglichen Gedanken, einen kompletten Betrieb abzubilden, von der Ferkelproduktion über die Zucht bis zur Mast, und innerhalb dieses Komplettbetriebes veterinärmedizinische Lehre und Forschung. Diesen Gedanken haben wir dahingehend adaptiert, dass wir sagen, wir müssen nicht mehr einen Komplettbetrieb darstellen, weil hier seitens der Universität gar nicht der Bedarf gegeben ist. Was wir abbilden müssen, sind für die Tierärztinnen und Tierärzte relevante Auszüge davon. Es ist etwas, das sich einpendeln wird, wie etwa beim Hof Kremesberg, der sozusagen einen historischen Entwicklungsvorsprung hat. Dort ist das Verhältnis von Lehre, Forschung und landwirtschaftlicher Produktion deutlich ausgereifter.

Welche Veränderungen sind bereits jetzt sichtbar?

Drillich: Es ist ganz wichtig zu betonen, dass sich in den letzten Jahrzehnten bereits sehr viel positiv an jedem einzelnen unserer Höfe weiterentwickelt hat. Ich denke, wir haben einen Punkt erreicht, an dem wir das Ganze noch weiter Richtung Forschungsunterstützung drehen können.Aigner: Unsere Universität hat in den letzten Jahren viele Entwicklungen an der VetFarm vorangetrieben und Expertisen aufgebaut, die im Nutztierbereich gefragt sind. Besonders auch am Hof Medau, etwa durch das Projekt ProSAU zur Evaluierung von Abferkelbuchten. Die Schweineanlage Medau stellt einen besonderen Mehrwert für den Standort VetFarm dar. Generell ist anzumerken, dass die Vetmeduni Vienna seit Übernahme der Höfe in der Nachkriegszeit eine enorme positive Entwicklung verantwortet hat.

Drillich: Ich denke, dass es auch eine Selbstverständlichkeit für die Universität ist, dass es natürlich ‚immer noch besser‘ gehen kann. Sei es in der Ausbildung, sei es in der Forschung, sei es in der Nutzung der Strukturen. Besser muss es immer gehen. Wir würden uns nie hinstellen und sagen, ‚jetzt haben wir alles erreicht‘, gerade weil sich in der Landwirtschaft vieles immer wieder verändert. Wenn ich mir ansehe, wie heute moderne Rinderhaltung aussieht und wie sie vor 20 Jahren oder vor 40 Jahren ausgesehen hat, dann ergeben sich schon starke Unterschiede. Ich bin mir sicher, dass wir in zehn Jahren auch wieder neue Ansätze haben werden, wo wir sagen, ‚wir müssen wieder etwas Neues schaffen, wieder einen neuen Schub kriegen‘. Und so wird sich auch die VetFarm immer weiterentwickeln müssen, denn das ist einfach systemimmanent, sowohl, was die Universität angeht, als auch die Nutztierhaltung.

 

Armin Aigner

Armin Aigner studierte Mathematik und Philosophie an der Universität Wien. Von 2005 bis 2007 war er Direktor der Spanischen Hofreitschule in Wien und des Bundesgestüts Piber. Gleichzeitig baute er einen Betrieb und Reitstall in Niederösterreich auf. Seit 2009 ist Aigner an der Vetmeduni Vienna, zunächst als Leiter der Internen Revision, ab 2014 als Kaufmännischer Leiter. Zwischen 2012 und 2014 unterrichtete Aigner nebenberuflich als AHS-Lehrer Mathematik. Mit November 2017 übernahm er die Leitung der VetFarm.

 

Marc Drillich

Marc Drillich ist seit 2010 Professor für Bestandsbetreuung bei Wiederkäuern und Leiter der gleichnamigen Abteilung der Klinik für Wiederkäuer. Dissertation und Habilitation hat er an der Freien Universität Berlin abgeschlossen. Seine Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich Fortpflanzungsstörungen und Herdenmanagement beim Rind. Drillich ist Diplomate des European Colleges for Animal Reproduction (ECAR), des European College for Bovine Health Management (ECBHM) sowie Fachtierarzt für Wiederkäuer.

 

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