Ein Fall für(s) VETMED: Dem Pferd ins Maul geschaut

Beim Pferdezahnarzt: Auch Pferde brauchen mitunter Zahnbehandlungen. Hubert Simhofer führt eine endoskopische Untersuchung mit einer Oralkamera durch (Symbolbild). Foto: Michael Bernkopf/Vetmeduni Vienna

Beim Pferdezahnarzt: Auch Pferde brauchen mitunter Zahnbehandlungen. Hubert Simhofer führt eine endoskopische Untersuchung mit einer Oralkamera durch (Symbolbild). 1

Die röntgenologische und computertomografische Untersuchung des Traberhengstes offenbarte eine Zyste als Ursache für die Schwellung der rechten Gesichtsseite (links oben im Bild). Foto: Vetmeduni Vienna

Die röntgenologische und computertomografische Untersuchung des Traberhengstes offenbarte eine Zyste als Ursache für die Schwellung der rechten Gesichtsseite (links oben im Bild).  2

Zahnverlagerung: Durch die mehr als tennisballgroße Zyste hatten sich einige der Mahlzähne im Oberkiefer des Hengstes verlagert und waren deutlich verformt. Foto: Vetmeduni Vienna

Zahnverlagerung: Durch die mehr als tennisballgroße Zyste hatten sich einige der Mahlzähne im Oberkiefer des Hengstes verlagert und waren deutlich verformt.  Foto: Vetmeduni Vienna 3

Aus VETMED 01/2018 – Ob Zahnschmerzen, Kieferprobleme oder Wurzelentzündungen, auch Pferde müssen dann und wann zum Zahnarzt. Doch wie läuft die Behandlung bei den großen Vierbeinern ab? Hubert Simhofer ist Spezialist für Pferdezahnheilkunde in der Klinischen Abteilung für Pferdechirurgie. Das VETMED hat Simhofer bei einem Fall begleitet.

Geht ein Pferd zum Zahnarzt … . Das ist nicht der Beginn eines verstaubten Witzes, sondern steht für eine anerkannte Behandlungsroutine der Huftiere, die an der Vetmeduni Vienna in den Händen von Hubert Simhofer und seinem Team von der Klinischen Abteilung für Pferdechirurgie liegt. Zu den Hauptaufgaben des Zahnheilkunde-Spezialisten zählen neben „einfachen“ Behandlungen, wie der Korrektur der Pferdezähne durch Beschleifen, vor allem operative Eingriffe. Die tierischen Patienten kommen dabei nicht immer nur aus Österreich, sondern – aufgrund des guten Rufs des Teams – auch aus anderen europäischen Staaten, wie etwa der ukrainische Traberhengst Gaboy, dem das chirurgische Geschick der ZahnmedizinerInnen des Campus eine erfolgreiche Zukunft im Rennsport sicherte.

Schwellung unter dem Auge

Der knapp drei Jahre alte Gaboy wurde mit einer deutlichen Schwellung an der rechten Kopfseite unterhalb des Auges in die Klinik eingeliefert. Sie beeinträchtigte nicht nur das Aussehen, sondern auch die Atmung des Hengstes. „Gaboy wurde schon in seiner Heimat wegen einer größer werdenden Wucherung im rechten Nasengang und den Nebenhöhlen behandelt. Weil sich die Schwellung trotz dieser Erstmaßnahmen Gaboy hatte eine gesteigerte Herzrate, geschwollene Lymphknoten und Atemprobleme. „Über das Endoskop konnten wir sehen, dass der rechte Nasengang nach etwa 20 Zentimetern fast komplett blockiert war“, sagt der Zahnmediziner. „Außerdem hatte sich bei ihm ein sogenanntes Treppengebiss gebildet. Sprich, die oberen rechten Mahlzähne waren deutlich versetzt.“ Nach der Röntgenuntersuchung und Computertomografie wurde schließlich eine mehr als tennisballgroße Zyste als Ursache für die Schwellung und die Wucherung identifiziert. Diese war außen bereits verkalkt, hatte also eine feste Hülle. „Wir mussten den rechten Gesichtsschädel von Gaboy chirurgisch öffnen, um zur Zyste vordringen zu können“, so Simhofer. „Dabei konnten wir auch sehen, dass der Oberkieferknochen verdickt war und sich im Stirnhöhlenbereich Flüssigkeit durch die Entzündung angesammelt hatte.“ Die Zyste selbst war nicht nur, wie bereits festgestellt, verkalkt, sondern auch an der rechten Augenhöhle festgewachsen. Zuerst öffnete das Operationsteam die Zyste, die bereits die ganze rechte Nasennebenhöhle ausfüllte, und leitete die Flüssigkeit ab. Im Anschluss konnten die SpezialistInnen einen Großteil der verkalkten Zystenwand erfolgreich entfernen.

Erfolgreiche Operation

Gaboy überstand diesen Eingriff ohne große Probleme. Er wurde anschließend für zehn Tage mit Antibiotika und Entzündungshemmern therapiert. Etwa eine Woche nach der Operation entfernten die SpezialistInnen auch noch einen durch die Zystenbildung verformten Mahlzahn. Der Traberhengst blieb noch knapp einen Monat zur Überwachung der Wundheilung in den Stallungen der Universitätsklinik für Pferde, bis er wieder in seinen Heimatstall entlassen werden konnte. Davor bekam Gaboy noch eine Zahnkorrektur, bei der scharfe Überstände an den Backenzähnen abgeraspelt wurden. „Diese Behandlung sollte man regelmäßig durchführen, vor allem, wenn erkrankte Backenzähne entfernt werden mussten“, rät Simhofer. Dass die Behandlungen und die Wundheilung ausgezeichnet verlaufen waren, bestätigte der Hengst durch seine folgenden Rennleistungen. Neben Platzierungen konnte Gaboy sogar schon ein Rennen gewinnen.

 

Pferdezahnheilkunde im Wandel

„Erkrankungen an Zähnen und Nebenhöhlen kommen bei Pferden recht häufig vor. Die Heilungschancen sind in diesen Fällen meist sehr hoch“, erklärt Pferdezahnarzt Hubert Simhofer die Erfolgsaussichten. Diese behandlungstechnische Zuversicht und die dadurch vermittelte Routine fußt jedoch auf einem relativ kurzen Entwicklungszeitraum. Denn im Vergleich zur Zahnheilkunde bei Kleintieren war der Aufschwung beim Pferd erst ab Mitte der 1990er Jahre merkbar. Anders als bei Hund und Katze, bei denen vieles aus der menschlichen Zahnmedizin übernommen wurde, mussten eigene Instrumente und Untersuchungstechniken erst entwickelt werden. Dies war nicht nur der Größe der Tiere, sondern vor allem der im Vergleich zu Mensch, Katze oder Hund komplett unterschiedlichen Anatomie, Physiologie und Pathologie des equinen Gebissapparates geschuldet. Viele Zahn- und Kiefererkrankungen der Huftiere mussten erst ausreichend erforscht sowie anschließend die Behandlungstechniken dafür erprobt und weiterentwickelt werden. Einige Techniken, wie eine Wurzelbehandlung an den Schneidezähnen, gelten mittlerweile als etabliert. Bei den Backenzähnen ist dieser zahnerhaltende Ansatz dagegen noch in einer frühen Entwicklungsphase.

Stetige Weiterentwicklung

Auch die bei Eingriffen notwendige Sedierung oder lokale Betäubung sowie die Schmerzbehandlung wurden in den letzten Jahren stetig weiterentwickelt. „Mittlerweile können wir die Zähne am stehenden, sedierten oder lokal betäubten Pferd tiergerecht und schmerzlos durchführen. Auch das Verletzungsrisiko bei der Aufwachphase fällt damit weg“, sagt Simhofer. Durch diese Entwicklungen wurde die Pferdezahnmedizin in den letzten Jahren eine in der Veterinärmedizin anerkannte Spezialdisziplin. So gibt es mittlerweile eine eigene postgraduale Ausbildung zum Diplomate, dem international anerkannten Grad eines Spezialisten durch ein entsprechendes European College und ein mehrjähriges Ausbildungsprogramm.

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