Ein Fall für(s) VETMED: Keine „BLEI“benden Schäden?

Bleivergiftung: Auf den ventrodorsalen Röntgenbild, bei demdas Tier gelagert wird, zeigt sich im Bereich des Kropfes das angelagerte Blei (hell). Foto: Vetmeduni Vienna

Ventrodorsales Röntgenbild Ziervogel 1

Post-OP: Bei Limon wurden chirurgisch Bleipartikel aus dem Kropf entfernt. Foto: Vetmeduni Vienna

Nachuntersuchung Ziervogel 2

Aus VETMED 02/2018 – Ob Vorhangbeschwerer, Tiffany-Lampen, Deko-Elemente oder Keramikglasuren: Metallische Gegenstände ziehen unsere gefiederten Mitbewohner magisch an. Doch gerade beim Freiflug von Wellensittichen und anderen Ziervögeln ist Vorsicht geboten, da sich hinter der Oberfläche oft eine Gefahr für die Tiere verbirgt.

Mit eingezogenen Beinen, verkrampften Zehen und starrem Blick sitzt der kleine gelbe Wellensittich Limon auf dem Behandlungstisch. Vorsichtig untersucht Tierärztin Cornelia Konicek den Jungvogel. Eine Vermutung hat die Tierärztin der Abteilung Interne Medizin Kleintiere schon, doch eine Blutuntersuchung und ein Röntgenbild werden mehr zeigen: „Bei Symptomen wie Schwäche und Lähmungen in den Hinterextremitäten, Apathie oder Veränderungen im Allgemeinverhalten sowie Blut in Harn und Kot liegt der Verdacht einer Metallvergiftung nahe“, erklärt Konicek. „Wenn nicht bekannt ist, was die Tiere aufgenommen haben, gehen wir dem Verdacht durch einen Blut-Schnelltest nach.“

Neurologische Symptomatik

Limons BesitzerInnen waren von einer anderen Praxis an die Universitätsklinik für Kleintiere und Pferde der Vetmeduni Vienna überwiesen worden. Der Wellensittich hatte ein klinisches Bild mit Orientierungslosigkeit und Krämpfen sowie Würgen gezeigt. „Wenn die Tiere auf der Brust liegen und Beine und Zehen eindeutig in der sogenannten Fauststellung anziehen, ist dies ein Hinweis in Richtung einer Bleivergiftung. Die neurologische Symptomatik äußert sich häufig durch Im-Kreis-Gehen, Umfallen oder sogar Flugunfähigkeit“, sagt Konicek. Gewissheit verschaffen in solchen Fällen eine Blutuntersuchung sowie ein sogenanntes Übersichtsröntgen, das ohne Narkose, bei Ziervögeln etwa in einer kleinen Schachtel sitzend, durchgeführt werden kann.

Schnelltest: Blei im Blut

„Bereits im Schnelltest bei uns auf der Station zeichnete sich bei Limon ein stark erhöhter Bleiwert im Blut ab“, berichtet Tiermedizinerin Konicek. „Wir entschieden, eine weitere Probe zur genauen Befundung in ein externes Labor zu schicken und durch ein Übersichtsröntgen das Ausmaß an angelagerten Bleipartikeln zu bestimmen.“ Der Befund für Limon zeigte deutlich bleidichtes Material im Kropf sowie einige wenige Partikel im Magen-Darm-Trakt. Herz- und Leberschatten, Lunge und Nieren sowie die Knochenstrukturen zeigten sich jedoch radiologisch unauffällig. Der detaillierte Blutbefund bestätigte schließlich mit einem Wert von 141 µg/dl im Vergleich zum Normalwert von unter 5 µg/dl eine starke Erhöhung des üblichen Bleigehalts im Blut. „Befindet sich, wie in diesem Fall, zu viel Blei im Blut, wird dies medikamentös behandelt“, erläutert Konicek. „Zusätzlich haben wir nach dem detaillierten Röntgen chirurgisch den Kropf geöffnet, um die Bleipartikel zu entfernen.“

Infusionen und Operation als lebensrettende Maßnahme

Narkosen beinhalten immer ein Restrisiko, insbesondere für kleine Tiere. Mit einem Gewicht von 37 Gramm ist das junge Wellensittichweibchen Limon zwar ein Leichtgewicht, die Operation und Behandlung hat sie allerdings gut überstanden. Nach der erfolgreichen Operation legte das Team der Abteilung Interne Medizin Kleintiere weitere Therapiemaßnahmen für Limon fest. Die Wellensittichdame wurde zwei Wochen lang mit Infusionen behandelt, um das Blei aus dem Blut auszuschwemmen. Dabei setzten die TiermedizinerInnen sogenannte Chelatbildner ein, die das Blei im Blut banden, sodass mit Infusionen die Ausscheidung gefördert werden konnte. Nach einigen Tagen war der Bleiwert im Blut fast auf den Normalwert gesunken. Ein Kontrollröntgen wies nur mehr zwei sichtbare bleidichte Teilchen im Verdauungstrakt aus. Eine Nachuntersuchung in der Universitätsklinik zeigte einen Blut-Bleiwert im Rahmen der Norm und, da Limon inzwischen ihren Appetit wiedergefunden hatte, ein stabiles Gewicht. In Zukunft gilt es für die BesitzerInnen, Gefahrenquellen im Haushalt einzudämmen. „Vögel lieben alles, was metallisch ist, seien es Ohrringe, Bleilampen, Batterien oder Vorhangbeschwerer. Leider können freifliegende Ziervögel dabei ja nicht unterscheiden, ob es sich um einen gefährlichen Gegenstand für sie handelt“, so Tierärztin Konicek. „Bei einer länger andauernden Vergiftung mit Schwermetallen, etwa durch wiederholte Aufnahme, können bleibende Schäden entstehen. Das Blei kann dabei zu Verätzungen an der Schleimhaut führen, Erythrozyten schädigen und deren Produktion hemmen und auch die Niere sowie die Schilddrüse schädigen. In weiterer Folge kommt es zu Schädigungen des Nervensystems, Lähmungen in den Hinterextremitäten und im schlimmsten Fall sogar zum Tod der Tiere.“ Wichtig ist daher, im Haus einen Blick auf metallische Gegenstände zu haben und Ziervögel von diesen fernzuhalten.

Bleivergiftung bei Ziervögeln

Eine der häufigsten Vergiftungen von Ziervögeln entsteht durch Blei. Die Aufnahme erfolgt durch Benagen von Metallgegenständen wie Bleischnüren in Gardinen, Bleifassungen von Tiffany-Lampen, Lametta, Rostschutzfarben, Linoleum, bleihaltiger Wandfarbe, Keramikglasuren, Bleiprofilen, Batterien sowie Dichtungsmaterialien. Da Blei oft versteckt und nicht offensichtlich ist, sollten die Vögel am Anknabbern von jeglichem Inventar gehindert werden.

Die Symptome einer Vergiftung reichen von Apathie, Krämpfen und Lähmungen über Schwäche, Orientierungslosigkeit, Fressunlust, Erbrechen bis hin zu Durchfall und sogar plötzlichen Todesfällen. Durch ein Röntgenbild können metalldichte Schatten, meist im Kropf oder Muskelmagen, identifiziert werden. Anhand eines Bluttests wird der Bleigehalt im Blut direkt bestimmt. In bestimmten Fällen können chirurgisch Bleistücke, z.B. aus dem Magen oder dem Kropf, entfernt werden. Eine (medikamentöse) Behandlung zur Ausleitung des Bleis aus dem Blut muss so lange durchgeführt werden, bis die Bleikonzentration im Körper wieder gesunken ist. Auch wenn röntgenologisch kein Blei mehr darstellbar ist, dauert es eine Weile, bis alles ausgeschieden ist, eine Speicherung des Bleis in den Knochen ist ebenfalls möglich.

 

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