Ein Fall für(s) VETMED: Verwechslung mit schweren Folgen - Schildkröte durch Hundebiss verletzt

Erstversorgung: In der Abteilung Interne Medizin Kleintiere, Service für Vögel und Reptilien wurde die zehnjährige griechische Landschildkröte nach einem Hundebiss behandelt. Foto: Vetmeduni Vienna

Erstversorgung 1

Regelmäßige medizinische Kontrollen dokumentierten auch Wochen später noch die Fortschritte in der Wundheilung. Foto: Vetmeduni Vienna

Ambulante Versorgung 2

Aus VETMED 03/2018 - Mit heftigen Bissverletzungen am Panzer wurde eine zehnjährige Griechische Landschildkröte an die Vetmeduni Vienna gebracht. Das Tier wurde vom hauseigenen Hund im Wintergarten attackiert. Tierärztin Martina Konecny und das Team der Abteilung Interne Medizin Kleintiere, Service für Vögel und Reptilien versorgten die Wunden der Schildkröte.

„Insbesondere im Sommer kommt es häufig vor, dass Schildkröten, die sich in einem nicht geschützten Freigehege im Garten befinden, von Hunden verletzt werden“, erklärt Tierärztin Martina Konecny von der Abteilung Interne Medizin Kleintiere, Service für Vögel und Reptilien. „Das Problem besteht darin, dass Hunde in den Tieren eine Art umherwandernden ,Kauknochen‘ sehen und die Schildkröten ihnen leider aufgrund ihrer Geschwindigkeit ausgeliefert sind.“

Auch Schildkröte Minnie ereilte ein solches Schicksal. Die zehnjährige Griechische Landschildkröte war vom hauseigenen Hund verletzt worden. „Teile des Rücken- und Bauchpanzers der Schildkröte fehlten. Zusätzlich war die Körperhöhle auf beiden Seiten des Tieres eröffnet, sodass die Lunge nur durch ein feines Häutchen – das Peritoneum – geschützt freigelegt worden war“, schildert Konecny den Zustand des Patienten. „Schildkröten sind jedoch erstaunlich zäh und zeigen nach solchen Angriffen eher selten heftige Schmerzreaktionen. Der klinische Allgemeinzustand ist zumeist gut und die Tiere haben, so wie auch in diesem Fall, kaum Bewegungseinschränkungen, wenn die Extremitäten nicht betroffen sind. Wenn keine inneren Organe verletzt werden, versuchen wir die Wunden der Tiere bestmöglich zu versorgen“, fügt die Tierärztin hinzu.

Erstversorgung im Tierspital

Das Team der Abteilung Interne Medizin Kleintiere, Service für Vögel und Reptilien versorgte Minnie direkt nach der Aufnahme mit starken Schmerzmitteln, Antibiotika und Infusionen, um den Blutverlust zu kompensieren. „Da die Schildkröte trotz der Verletzungen recht fit war, legten wir sie bereits am selben Nachmittag in Vollnarkose, um die Wunden mit verdünnter Betaisodona-Lösung zu reinigen und vom Schmutz zu befreien“, berichtet Konecny. „Auch am Panzer muss diese Reinigung mit Unterstützung einer kleinen Bürste vorgenommen werden, da sich in den oberflächlichen Verletzungen Schmutz ansammelt. Abgebrochene Zähne, Haare und auch der Speichel des Hundes stellen ein Infektionsrisiko dar.“ Eine kleine Überraschung erlebten die TierärztInnen übrigens bei der Erstversorgung von Minnie, denn die als weiblich angegebene Schildkröte entpuppte sich als männlich und wurde so flugs in „Micky“ umgetauft.

Unterstützung der Wundheilung durch ungewöhnliche Maßnahmen

In einem weiteren Schritt begann das Team der Internen Medizin Kleintiere, Service für Vögel und Reptilien mit der Wundabdeckung. Um die durch den Hundebiss verursachten Wunden verschließen zu können, mussten kleine Löcher in den Panzer gebohrt werden. Über diese war es nun möglich, die Haut mit Nähten über die Wunde zu ziehen und zu fixieren“, so Konecny über den Behandlungsverlauf. „Außerdem haben wir an den unversehrten Stellen des Brustpanzers eine Gitterstruktur mit einem Zwei-Komponenten-Kleber fixiert, um daran die Haut befestigen zu können. Durch diese spezielle Wundabdeckung ist eine schnellere Heilung möglich, da die offenen Areale durch eigene Haut geschützt werden.“

Stationäre Versorgung für Micky

Micky wurde insgesamt zwei Wochen lang stationär in der Abteilung Interne Medizin Kleintiere, Service für Vögel und Reptilien versorgt. Tägliche Wechsel des Schutzverbands sowie eine Spülung der Wundhöhlen mit verdünntem Braunol in den ersten drei Tagen gehörten für die zehnjährige Schildkröte ebenso zur Tagesordnung wie die Behandlung mit einem Hydrokolloid-Gel, das in die tiefen Wunden im seitlichen Bereich appliziert  wurde. „Dieses hält das Gewebe feucht, um es so zur Heilung anzuregen“, so Konecny. „Während dieser Behandlungsschritte haben wir eine Schmerzabdeckung sowie ein zweites Antibiotikum eingesetzt, um das Prozedere möglichst schmerzfrei und erfolgreich für Micky zu gestalten.“ Bereits nach wenigen Tagen begann Micky wieder zu laufen, wenn auch noch etwas wackelig auf den Beinen. Zur weiteren Therapie gehörten eine Woche nach der OP weitere Salbenverbände sowie Manuka-Honig zur Anregung der Wundheilung.

Schließlich begann Micky auch wieder alleine zu fressen. „Die eigenständige Nahrungsaufnahme ist für uns ein wichtiges Zeichen“, erklärt Konecny. „Danach konnten wir ihn nach Hause entlassen, haben jedoch zweimal wöchentlich für weitere drei Wochen die Wunden ambulant versorgt“, so die Tierärztin. Nach vier Wochen zeigten sich Fortschritte in der Wundheilung. Die offene Körperhöhle an den Seiten des Tieres wuchs zu diesem Zeitpunkt schon langsam zu. Dabei granuliert das Gewebe von innen heraus und die Haut wächst langsam darüber. Micky hatte noch einmal Glück im Unglück. Auch wenn besondere Achtsamkeit, Pflege und weitere Behandlungen mit Käsepappeltee und Salben gegen Infektionen notwendig sind, stehen seine Chancen auf ein langes Leben gut.Wenn die Wunden vollends verschlossen sind, darf Micky auch wieder in sein Freigehege in den Garten einziehen. Eine einmalige Pause der Winterstarre sollte eingehalten werden, um die Genesung zu forcieren. Der fehlende Panzer in den betroffenen Arealen wird jedoch nicht mehr wieder nachwachsen, da es sich hier um Knochen handelt. Alles weitere wird heilen“, so Konecny.

Schwieriges Zusammenleben

Wenn sich Schildkröten und Hunde im gleichen Haushalt oder in unmittelbarer Nachbarschaft befinden, ist besondere Vorsicht geboten. Hunde können Schildkröten leicht als „potenzielles Kauspielzeug“ wahrnehmen und so den Tieren starke Verletzungen zufügen.

Diagnose und Behandlung

Wurden durch den Angriff keine lebenswichtigen Organe der Schildkröte verletzt, ist es möglich, die Wunden zu versorgen und offene Stellen am Panzer mittels Schutzverbänden abzudecken. Zu Komplikationen im Heilungsprozess gehören Infektionen sowie das Auftreten von Pilzinfektionen, die mit Antibiotika sowie antimykotischen Salben behandelt werden.

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Kategorie: Magazin