Erforschung von Domestikation: Die Beziehung zwischen Mensch, Hund und Wolf

Medizinisches Training: Einmal in der Woche werden die Wölfe und Hunde am WSC von einer Tierärztin durchgecheckt. Durch spezielles Training werden diese Abläufe regelmäßig mit den Tieren geübt. Foto © Rooobert Bayer/Wolf Science Center/Vetmeduni Vienna

Medizinisches Training: Einmal in der Woche werden die Wölfe und Hunde am WSC von einer Tierärztin durchgecheckt. Durch spezielles Training werden diese Abläufe regelmäßig mit den Tieren geübt. 1

Kooperation: Wölfe ziehen in einer sogenannten String-Pulling-Aufgabe an einem Strang, um gemeinsam an Nahrung zu gelangen. Foto © Rooobert Bayer/Wolf Science Center/Vetmeduni Vienna

Kooperation: Wölfe ziehen in einer sogenannten String-Pulling-Aufgabe an einem Strang, um gemeinsam an Nahrung zu gelangen. 2

Familienbande: Bei einem freilebenden Welpen wird eine DNA-Probe entnommen, um die Verwandtschaftsgrade der Rudelmitglieder zu bestimmen. Foto © Martina Lazzaroni/Vetmeduni Vienna

Familienbande: Bei einem freilebenden Welpen wird eine DNA-Probe entnommen, um die Verwandtschaftsgrade der Rudelmitglieder zu bestimmen. 3

Routine: Die Tiere am WSC sind darauf trainiert, bestimmte Kommandos zu befolgen, um beispielsweise die Durchführung medizinischer Kontrollen oder wissenschaftlicher Tests zu ermöglichen. Foto © Rooobert Bayer/Wolf Science Center/Vetmeduni Vienna

Routine: Die Tiere am WSC sind darauf trainiert, bestimmte Kommandos zu befolgen, um beispielsweise die Durchführung medizinischer Kontrollen oder wissenschaftlicher Tests zu ermöglichen. 4

Messung der Herzrate beim Training auf dem Freiluft-Laufband. Foto © Rooobert Bayer/Wolf Science Center/Vetmeduni Vienna

Messung der Herzrate beim Training auf dem Freiluft-Laufband 5

Durch das Antrainieren des sogenannten "Chin Rest" kann eine Speichelprobe entnommen werden. Foto © Rooobert Bayer/Wolf Science Center/Vetmeduni Vienna

Durch das Antrainieren des sogenannten "Chin Rest" kann eine Speichelprobe entnommen werden. 6

Auch andere medizinische Kontrollen sind möglich, wie Abtasten, Fiebermessen oder Pfotenkontrolle (im Bild), die Verabreichung von Medikamenten wie Salben oder Augentropfen. Foto © Rooobert Bayer/Wolf Science Center/Vetmeduni Vienna

Auch andere medizinische Kontrollen sind möglich, wie Abtasten, Fiebermessen oder Pfotenkontrolle, die Verabreichung von Medikamenten wie Salben oder Augentropfen. 7

Wissenschaftlicher Test: Berühren des Touchscreen. Foto © Rooobert Bayer/Wolf Science Center/Vetmeduni Vienna

Wissenschaftlicher Test: Berühren des Touchscreen 8

Caroline Ritter Foto © Rooobert Bayer/Wolf Science Center/Vetmeduni Vienna

Caroline Ritter 9

Aus VETMED 01/2019 - Am Wolfsforschungszentrum in Ernstbrunn leben 11 Hunde und 16 Wölfe. Im Dienste der Wissenschaft arbeiten die Tiere im Freien und in einem Forschungsgebäude, dem sogenannten Testhaus, in kooperativen Trainingseinheiten mit Forschenden des WSC. Das VETMED hat die Forschungseinrichtung besucht und sich Einblicke in die Arbeit mit den Tieren und in die Wissenschaftskommunikation im Rahmen des Besuchsprogramms geben lassen.

Forschungsprojekt: Mechanismen der Kooperation

Das Herzstück der Forschung am Wolf Science Center (WSC) bildet die Ergründung von Kooperationsmechanismen bei Wölfen und Hunden. In einer Reihe von Studien innerhalb eines Großprojekts, gefördert durch den European Research Council (ERC), analysieren Forschende unter der Leitung von Friederike Range das Kooperationsverhalten. Sie stellten fest, dass Wölfe eher Risiken eingehen und, obwohl sie länger brauchen, um sich nähern, explorativer und hartnäckiger sind als Hunde, wenn sie versuchen, ein Problem zu lösen. „In ihren Interaktionen mit Artgenossen sind Wölfe aufmerksamer, prosozialer und toleranter als Hunde und versöhnen sich nach Konflikten, während Hunde Konflikte vermeiden und einander aus dem Weg gehen“, erklärt Projektleiterin Friederike Range. Die Ergebnisse deuten somit auf unterschiedliche Konfliktmanagementstrategien von Wölfen und Hunden hin. „Interessanterweise erklären diese sozialen Strategien auch die Tatsache, dass Wölfe ihre Aktionen bei einer kooperativen sogenannten String-Pulling-Aufgabe so koordinieren können, dass sie gleichzeitig an zwei Seilenden ziehen. Das führt in diesem wissenschaftlichen Test zum Erfolg, einer Futtergabe“, so Range. „Hunde wiederum ziehen abwechselnd an den Seilen und haben dadurch keinen Erfolg.“neuen Objekten zu.

Die Forschenden vermuten hinter diesem Verhalten der Hunde die Vermeidung eines möglichen Wettbewerbs um das Gerät, was die Kooperation mit Partnern einschränkt. Wölfe hingegen lernen schnell, gemeinsam komplexe Aufgaben zu lösen. „In der Kooperation mit Menschen waren sowohl Wölfe als auch Hunde erfolgreich“, berichtet Range über weitere Studien des Projekts. „Mehrere Tests zeigten, dass an Menschen gewöhnte Wölfe diese als KooperationspartnerInnen akzeptierten, um gemeinsam an Nahrung zu gelangen. Unsere Ergebnisse weisen darauf hin, dass wir Hunde darauf selektiert haben, unsere Führungsrolle anzuerkennen und nicht jede unserer Entscheidungen in Frage zu stellen.“ Wölfe kooperieren eher auf gleicher Augenhöhe und gehen Konflikten nicht unbedingt aus dem Weg. „Ein enges Zusammenleben mit ihnen würde wohl doch um einiges komplizierter werden als mit Hunden“, so Range.

Forschungsprojekt: Problemlösefähigkeit von Hunden

Seit 2016 forscht ein Team unter der Leitung von Sarah Marshall-Pescini und Friederike Range an freilebenden Hunden in Marokko. Fokus ist dabei eine Reihe von kognitiven Tests zur sozialen und physikalischen Kognition, die mit freilebenden Hunden durchgeführt werden und mit Ergebnissen von Haushunden sowie von Hunden und Wölfen des Wolfsforschungszentrums verglichen werden. „Der Vergleich zwischen Hundepopulationen mit unterschiedlichen Graden menschlicher Sozialisation sowie zwischen Hunden und Wölfen soll ermöglichen, die Auswirkungen von Sozialisation und Domestikation auf kognitive Fähigkeiten von Hunden zu verstehen“, erklärt Projektmitarbeiterin Martina Lazzaroni. „In einer aktuellen Studie haben wir festgestellt, dass Haushunde hartnäckiger als freilebende Hunde sind, wenn sie versuchen, an eine Belohnung in einem verschlossenen Behälter zu gelangen. Wölfe wiederum sind generell hartnäckiger als alle Hunde.“ Die Ergebnisse zeigen, wie Unterschiede in der Sozialisation das Verhalten der Tiere beeinflussen können. Konkret geht es dabei darum, wie Haushunde, die vom Menschen angeleitet werden, mit Objekten interagieren im Vergleich zu freilebenden Hunden. Und vor allem auch darum, wie sich die Ernährungsökologie freilebender Hunde, die sich hauptsächlich von Abfall ernähren, und jene jagender Wölfe unterschiedlich auf Verhalten und Kognition auswirken. Zusätzlich wird eine Reihe kleinerer Studien mit unterschiedlichen Aspekten von Studierenden vor Ort durchgeführt, um zum einen die Kognition und das soziale Verhalten von freilebenden Hunden besser zu verstehen und zum anderen die Einstellung der lokalen und touristischen Bevölkerung gegenüber Hunden zu erforschen und deren Auswirkung auf das Verhalten der Hunde zu analysieren.

Ein Arbeitstag mit Caroline Ritter: Tiertrainiern am Wolf Science Center

8:00 Uhr
„Animal Care“: Für Caroline Ritter und die anderen Tiertrainerinnen beginnt der Arbeitstag mit einer Kontrolle der Gehege von Wölfen und Hunden. Sie überprüfen die Tiere auf ihren Gesundheitszustand, verabreichen etwaig nötige Medikamente und reinigen die Tränken. Im Rahmen des „Enrichments“ versteckt Ritter Fleischstücke und Leckerlis für die Tiere.

9:00 Uhr
Besuchsprogramm: Nach der Morgenroutine stehen, je nach Tag, Programmpunkte mit BesucherInnen an. Ritter wählt für das Wolfstraining ein Tier und die Trainingsroutine, zum Beispiel einen Spaziergang zur Beziehungsarbeit zwischen Trainerin und Wolf. Anschließend erfolgt ein Rudelbesuch, bei dem für die Wölfe Routine und Entspannung in der Anwesenheit von Menschen trainiert wird. Hierbei können bis zu drei BesucherInnen teilnehmen. Im Zuge dieses Programms erklärt Ritter die wissenschaftlichen Tests und beantwortet Fragen.

10:30 Uhr
Wissenschaftlicher Test 1: Beim Touchscreen-Test zum (Un-)Gerechtigkeitssinn soll herausgefunden werden, ob Wölfe und Hunde eine gleichmäßige Belohnungsverteilung einer ungleichmäßigen, bei der ein Tier eine bessere Belohnung erhält, vorziehen. Die Tiere treffen ihre Wahl, indem sie mit der Nase den Touchscreen berühren und eines von zwei dargebotenen Symbolen drücken.

12:30 Uhr
Mittagspause

13:30 Uhr
„Midday Meeting“: Die Tiertrainerinnen und Studierenden besprechen den weiteren Tagesablauf und den darauffolgenden Vormittag. Die Futterliste wird festgelegt und das Futter für die nächsten Tage in der Futterküche des Testhauses vorbereitet.

14:00 Uhr
Wissenschaftlicher Test 2: In einer Studie soll herausgefunden werden, wann bei Hunden und Wölfen das Hormon Oxytocin ausgeschüttet wird. Dafür nehmen die Tiere an einer kooperativen Aufgabe teil. Das jeweilige Tier darf die Aufgabe entweder gemeinsam mit einem Menschen oder allein lösen. Anschließend wird mit dem Tier ein Spaziergang gemacht, bei dem eine Urinprobe gesammelt wird, über die der Oxytocin-Level gemessen wird.

15:30 Uhr
„Wolf-Dog-Work“: In der letzten Einheit des Tages festigt Ritter mit Wölfen oder Hunden das medizinische Training, übt neue Kommandos oder gewöhnt Tiere an das Testhaus. Zum Programm gehören Kommandos wie das „Chin Rest“, um Speichelproben entnehmen zu können, oder das Gewöhnen an ein Herzratenmessgerät und das 2,5 Meter mal 10 Meter große Freiluft-Laufband.

16:00 Uhr
„Dog Feeding and Finishing up“: Zum Abschluss des Tages füttert Ritter zusammen mit den Tiertrainerinnen die Hunde und verabreicht etwaig nötige Medikamente. Wölfe werden, je nach Speiseplan, alle zwei bis drei Tage gefüttert. Im Tagesbericht und „Daily Log“ werden besondere Vorkommnisse oder medizinische Maßnahmen festgehalten und der Futterplan protokolliert.

16:30 Uhr
Feierabend

Zur Person

Caroline Ritter arbeitete das erste Mal 2011 am WSC. Innerhalb eines Praktikums wirkte sie bei einem Projekt zu Toleranzverhalten bei Hunden und Wölfen mit. Ritter schloss zuvor ihren Bachelor in Biologie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg ab. Ihren Master in Verhaltens-, Neuro und Kognitionsbiologie absolvierte sie 2014 an der Universität Wien mit einer Spezialisierung auf Kognition und Kooperation bei Rabenvögeln. Neben ihrem Studium arbeitete sie erneut am Wolf Science Center. Inzwischen hat Ritter zusätzlich eine Ausbildung als Hundetrainerin abgeschlossen und arbeitet als Tiertrainerin am WSC sowie als Hundetrainerin in ihrer eigenen mobilen Hundeschule.

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Kategorie: Magazin, Service, Forschung