Wolfsforschung: Der Partnerschaft zwischen Mensch und Hund auf der Spur

Foto © Rooobert Bayer/Wolf Science Center/Vetmeduni Vienna

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Charakterfrage: Wölfe sind aufmerksam, tolerant, kooperativ – und manchmal auch verspielt. Foto © Rooobert Bayer/Wolf Science Center/Vetmeduni Vienna

Charakterfrage: Wölfe sind aufmerksam, tolerant, kooperativ – und manchmal auch verspielt. 2

Wolf Science Center: Aus drei Forschenden und vier Wölfen wurden 27 Wölfe und Hunde und über 40 MitarbeiterInnen, die gemeinsam am Wolfsforschungszentrum in Ernstbrunn leben und arbeiten. Foto © Rooobert Bayer/Wolf Science Center/Vetmeduni Vienna

Wolf Science Center: Aus drei Forschenden und vier Wölfen wurden 27 Wölfe und Hunde und über 40 MitarbeiterInnen, die gemeinsam am Wolfsforschungszentrum in Ernstbrunn leben und arbeiten. 3

Aus VETMED 01/2019 - Etwa 40 Kilometer nördlich von Wien ist das WOLF SCIENCE CENTER (WSC) im Wildpark Ernstbrunn angesiedelt. In dieser weltweit einzigartigen Forschungseinrichtung erkunden Forschende, was die sozialen Wesen Mensch, Wolf und Hund verbindet, was sie trennt und wie es zur besonderen Partnerschaft zwischen Hund und Mensch kam.

Drei Forschende, vier Wölfe und ein ehemaliger Ziegenstall ohne Warmwasser. Was sich wie der Beginn eines Abenteuerromans liest, ist die Geburtsstunde des Wolf Science Centers (WSC). Sieht man heute die Infrastruktur des Wolfsforschungszentrums, ist es schwer vorstellbar, dass für Friederike Range, Zsófia Virányi und Kurt Kotrschal zu Beginn die Zukunft und die Rahmenbedingungen dieses Forschungsprojekts unsicher waren. Zu dritt gründeten die Forschenden das Wolf Science Center als einen Verein im Jahr 2008. „Zu diesem Zeitpunkt hatten wir zwar konkrete Forschungsziele, aber weder Geld noch Wölfe“, erklärt Friederike Range, Projektmitinitiatorin und heutige Leiterin des WSC. „Förderungen sind oft an die Erfahrung im jeweiligen Forschungsgebiet geknüpft. Für uns ein Teufelskreis, denn ohne Geld keine Wölfe, ohne Wölfe keine Fördergelder. Schließlich hatten wir jedoch eine Zusage für ein Gehege in Grünau im Almtal und mit Zsófia Virányi eine erfahrene Wolfsaufzieherin mit an Bord.“

Im Juni 2009 zog das WSC von Grünau nach Ernstbrunn, das etwa 40 Kilometer von Wien entfernt liegt. Dort stellte Heinrich XIV. Reuss den Forschenden ein ehemaliges Dienstbotenhaus und den Küchengarten des Schlosses mit der alten Orangerie zur Verfügung. „Das war für uns von der Infrastruktur her ein wahnsinniger Fortschritt“, erinnert sich Range lachend zurück. „Erstmals hatten wir etwas Komfort und auch zukünftige Forschungsprojekte schienen gesichert.“ In den Ernstbrunner Wildpark ist das Forschungszentrum seit 2010 integriert, am 21. Oktober desselben Jahres erfolgte die offizielle Eröffnung durch Landesrätin Petra Bohuslav. Durch Wolfspatenschaften, private Spenden, ein Besuchsprogramm und Drittmittelprojekte lukrierten die Forschenden Gelder, die dem Ausbau des Forschungszentrums sukzessive zugutekamen. Vor zwei Jahren wurde das WSC schließlich in die Vetmeduni Vienna eingegliedert, um die Zukunft abzusichern.

Faszination Wolf und Hund

Durch die vom Winter noch kahlen Bäume fallen Sonnenstrahlen auf den blätterbedeckten Waldboden des Wolfsforschungszentrums. Am oberen Ende des Hügels hat ein Wolf den Besuch entdeckt und macht sich durch ein Heulen bemerkbar, zwei weitere Wölfe fallen mit ein, während aus der Ferne Hundegebell ertönt. Auf 20.000 Quadratmeter Fläche leben und arbeiten hier Tiere und Forschende, um die Partnerschaft zwischen Wölfen, Hunden und Menschen zu ergründen. Vor allem die Gemeinsamkeiten zwischen diesen drei sozialen Wesen stehen dabei im Fokus. Die Forschungsergebnisse des WSC kommen in der Praxis unter anderem der optimalen Haltung von Hunden zugute. Mit den insgesamt 27 Wölfen und Hunden, die in verschiedenen kleinen Rudeln von bis zu vier Tieren leben, wird partnerschaftlich zusammengearbeitet. Für die Forschungen stehen ein Arbeitsgebäude und zwei Testgehege bereit. Mittels eines Einwegspiegels, der nur von einer Seite durchsichtig ist, bekommen auch BesucherInnen des Wildparks einen Einblick in die Arbeit der VerhaltensforscherInnen. Um einen fairen und objektiven Vergleich zu ermöglichen, werden Wölfe und Hunde gleichartig aufgezogen und gehalten. „Die Tiere sind ab dem Welpenalter daran gewöhnt, mit uns zu kooperieren“, sagt Friederike Range. „Die Trainingsund Testsituationen fördern ihre vertrauensvolle Beziehung zu uns und halten sie mental und körperlich fit, während wir Einblicke in ihre geistige Welt bekommen.“

Kognitive und kooperative Fähigkeiten

Konkret wird auf diese Weise erforscht, wie sich Hunde durch die Domestikation in den sozialen und geistigen Fähigkeiten von ihren nächsten Verwandten – den Wölfen – unterscheiden. „Hunde gewöhnen sich schnell an den Menschen. Wölfe wiederum vertrauen meist nicht jedem, haben aber insbesondere zu ihren HandaufzieherInnen eine Vertrauensbeziehung“, so Range. „Dadurch sind diese Menschen wichtige KooperationspartnerInnen in schwierigen Situationen und können auch medizinische Untersuchungen vorab mit den Tieren trainieren.“ Trotz einer Reihe bereits abgeschlossener Studien bleibt die Hunde- und Wolfsforschung ein höchst relevantes und spannendes Forschungsgebiet. Es ist noch immer unklar, worin genau der Unterschied zwischen Hund und Wolf liegt und wie der Hund zum engsten Begleiter des Menschen wurde. Fakt ist, dass der Wolf auch mit dem Menschen einiges gemeinsam hat. Denn sowohl Wölfe als auch Menschen kooperieren gut innerhalb ihrer Klane: auf der Jagd, bei der Fürsorge für ihren Nachwuchs, aber auch in teils blutigen Konkurrenzkämpfen mit den NachbarInnen.

Weiterentwicklung des Forschungszentrums

Ob Tiertraining, Administration, Forschung oder sogar Fotografie: Heute arbeiten am Wolf Science Center mehr als 40 Personen in den verschiedensten Rollen und ermöglichen so vielfältige Forschung. Für die rund 3.200 EinwohnerInnen umfassende Marktgemeinde Ernstbrunn ist das WSC von großer Bedeutung. Forschende, Studierende und PraktikantInnen aus aller Welt unterstützen die Forschungstätigkeit und tragen so zu einer regionalen Wertschöpfung bei: „Das Wolfsforschungszentrum hat sich mit seinem vielfältigen Besuchsprogramm auch als Tourismusattraktion innerhalb der Marktgemeinde Ernstbrunn etabliert“, sagt Bürgermeister Horst Gangl. „Viele Gäste kommen von weit her, um die Wölfe in der Region ‚Leiser Berge‘ hautnah zu erleben oder sich für ganz spezielle Programme anzumelden. Als Bürgermeister bin ich sehr stolz auf das Wolf Science Center im Wildpark Ernstbrunn und gratuliere den GründerInnen Kurt Kotrschal, Friederike Range und Zsófia Virányi zu ihrem großartigen Erfolg.“ Auch Heinrich XIV. Reuss sieht viele positive Aspekte des Forschungsprojekts und hebt die Bereicherung durch die Synergien zwischen Wildpark und WSC hervor: „Als Partner des Wolfsforschungszentrums schaue ich zufrieden auf zehn Jahre fruchtbare Zusammenarbeit zurück, die aus meiner Sicht beinahe so vertraulich ist wie unter Freunden. Für unseren Wildpark hat die Kooperation einen enormen Innovationsschub ausgelöst, der noch immer anhält. Ich freue mich auf weitere gemeinsame Jahrzehnte von WSC, unserer Familie und dem Wildparkteam.“ Im April 2019 feiert das Wolf Science Center sein zehnjähriges Bestehen mit einem Festakt. Wissenschaftliche Vorträge, Interviews mit den GründerInnen und eine Live-Präsentation der Arbeit mit den Wölfen geben Einblicke in die Forschung. Denn auch weiterhin bleiben die Forschenden des WSC den Fragen zur Domestikation des Wolfes auf der Spur und teilen ihre Erkenntnisse mit der Öffentlichkeit.

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Kategorie: Magazin, Service, Forschung