Im Gespräch: »Wir wollen Wölfe besser verstehen«

Interaktion: Wolfsforscherin Friederike Range und Wolf Chitto haben eine besondere Vertrauensbeziehung zueinander, die die Kooperation in wissenschaftlichen Tests ermöglicht. Foto © Rooobert Bayer/Wolf Science Center/Vetmeduni Vienna

Interaktion: Wolfsforscherin Friederike Range und Wolf Chitto haben eine besondere Vertrauensbeziehung zueinander, die die Kooperation in wissenschaftlichen Tests ermöglicht. 1

Kooperationspartner: Wie der Hund zum engsten Begleiter des Menschen wurde, ist eine zentrale Forschungsfrage am WSC. Foto © Rooobert Bayer/Wolf Science Center/Vetmeduni Vienna

Kooperationspartner: Wie der Hund zum engsten Begleiter des Menschen wurde, ist eine zentrale Forschungsfrage am WSC. 2

Genetik: Für die Forschungsarbeiten am WSC werden amerikanische Grauwölfe verwendet, da diese im Gegensatz zum europäischen Wolf ein geringeres Misstrauen gegenüber Menschen haben. Foto © Rooobert Bayer/Wolf Science Center/Vetmeduni Vienna

Genetik: Für die Forschungsarbeiten am WSC werden amerikanische Grauwölfe verwendet, da diese im Gegensatz zum europäischen Wolf ein geringeres Misstrauen gegenüber Menschen haben. 3

Foto © Rooobert Bayer/Wolf Science Center/Vetmeduni Vienna

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Vertrauensbasis: Wölfe sind im Vergleich mit Hunden aufmerksamer, toleranter und kooperativer untereinander, Wölfe haben hingegen mehr Angst vor Neuem. Im Bild Friederike Range mit Wolf Aragorn, den die Forscherin im Jahr 2008 per Hand aufzog. Foto © Rooobert Bayer/Wolf Science Center/Vetmeduni Vienna

Vertrauensbasis: Wölfe sind im Vergleich mit Hunden aufmerksamer, toleranter und kooperativer untereinander, Wölfe haben hingegen mehr Angst vor Neuem. Im Bild Friederike Range mit Wolf Aragorn, den die Forscherin im Jahr 2008 per Hand aufzog. 5

Foto © Rooobert Bayer/Wolf Science Center/Vetmeduni Vienna

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Bezugsperson: Die Wölfe und Hunde am WSC leben zwar im Rudel, werden aber per Hand aufgezogen, um ihnen die Angst vor Menschen zu nehmen und eine Bindung aufzubauen. Foto © Rooobert Bayer/Wolf Science Center/Vetmeduni Vienna

Bezugsperson: Die Wölfe und Hunde am WSC leben zwar im Rudel, werden aber per Hand aufgezogen, um ihnen die Angst vor Menschen zu nehmen und eine Bindung aufzubauen. 7

Aus VETMED 01/2019 - Wann und warum kooperieren Wölfe und weshalb versöhnen sich Hunde untereinander seltener als Wölfe? Am Wolf Science Center in Ernstbrunn gehen Forschende den entscheidenden Fragen nach dem Unterschied zwischen Wolf und Hund auf den Grund, um die Domestikation des Hundes besser zu verstehen. FRIEDERIKE RANGE, Leiterin des Domestikations Labs und assoziierte Professorin an der Vetmeduni Vienna, erzählt im Gespräch mit VETMED von der Forschung am weltweit einzigartigen Wolfsforschungszentrum.

VETMED: Am WSC leben 16 Wölfe und 11 Hunde. Wie werden die Tiere aufgezogen und sozialisiert, sodass die Forschung möglich ist?

Friederike Range: Wölfe haben ein sehr kurzes „Sozialisierungsfenster“. Sobald sie die Augen öffnen, meist in einem Alter von etwa zehn bis zwölf Tagen, beginnt bei uns am WSC die Sozialisierung mit Menschen. Ab dann werden die Welpen 24 Stunden am Tag betreut, das heißt, jemand schläft auch bei den Tieren. Das ist absolut notwendig, um ihnen die Angst vor dem Menschen zu nehmen. Und hier entstehen oft ganz besondere Beziehungen zwischen den Tieren und den HandaufzieherInnen.

Wie geht es danach weiter?

Range: Nach etwa drei bis vier Wochen lernen die Tiere Kommandos wie „Sitz“ oder „Platz“ anhand von positiver Verstärkung. Dies ist wichtig für den späteren Umgang und das tägliche Training. Nach vier bis fünf Monaten werden die Welpen schließlich in ein Rudel mit erwachsenen Tieren derselben Art eingegliedert. Um einen Vergleich mit Hunden zu ermöglichen, verläuft die Sozialisierung bei unseren Hundewelpen auf dieselbe Weise.

Welche Besonderheiten gibt es dabei?

Range: Die Welpen werden als sogenannte Peergroups aufgezogen. Dabei nehmen wir zwei Welpen pro Wurf, jeweils ein Männchen und ein Weibchen, und ziehen sie dann in einer Gruppe von mehreren Welpen im selben Alter per Hand auf. Wichtig ist uns, dass wir Menschen zwar soziale PartnerInnen, aber keine Rudelmitglieder sind. Das heißt, wir sind nicht Teil der Gruppe, sondern KooperationspartnerInnen. Das Training und auch wissenschaftliche Studien sind Teil der Interaktion und finden für die Tiere auf freiwilliger Basis statt. Die Freude an der Arbeit mit uns baut wiederum ein Vertrauen seitens der Tiere auf und führt dazu, dass sie auch bei den Studien begeistert mitmachen. Wenn jedoch ein Test begonnen wurde, sind wir konsequent. Da kann es schon einmal passieren, dass der Wolf und wir bis in die Nacht brauchen, um den Test zu beenden (lacht).

Wann beginnen die Tiere mit ihrer Rolle in der Kognitionsforschung?

Range: Im Alter von drei bis vier Wochen können die Welpen an den ersten Tests teilnehmen. Forschungsfragestellungen sind dabei für uns etwa: Wie nehmen sie die Umgebung oder neue Objekte wahr? Sind sie aufmerksam? Was ist bekannt oder unbekannt? Oder: Wie reagieren die Welpen jeweils? Der Vorteil an der Handaufzucht und unserer Haltung der Wölfe und Hunde am WSC unter gleichen Bedingungen liegt darin, dass wir genau wissen, womit die Tiere Erfahrung haben, und so einen Vergleich zwischen Hund und Wolf ziehen können.

Was ist der größte Unterschied in der Arbeit mit Wölfen und Hunden?

Range: Generell sind Wölfe neophob, sie haben mehr Angst vor Neuem, gehen aber wiederum viel explorativer damit um. Sowohl Hunde als auch Wölfe haben bei uns von Anfang an Kontakt mit Haushunden – den Hunden unserer TiertrainerInnen –, die als soziale Unterstützung oder Demonstratoren bei neuen Tests dienen. So wird etwa ein Hebelmechanismus für eine Box von solch einem Tier vorgezeigt und beobachtet, ob die Hunde oder Wölfe dies nachahmen können, um an Futter zu gelangen.

Und was ist das Ergebnis?

Range: Während alle Wölfe die Box zumindest einmal selbst geöffnet haben – und zwar meistens mit derselben Methode, die der Demonstratorhund vorgezeigt hat –, waren die Hunde nicht erfolgreich und nur einige wenige konnten die Box öffnen. Allerdings war dies dann auch nur zufällig, da die erfolgreichen Hunde es beim zweiten Mal nicht schafften. Ganz im Gegensatz zu den Wölfen, die, bis auf einen, auch ein zweites Mal die Box geöffnet haben.

Am WSC werden verschiedene wissenschaftliche Tests durchgeführt. Was ist das übergeordnete Ziel der Forschung?

Range: Wir wollen schlussendlich die Domestikation des Wolfs und die kognitiven Fähigkeiten von Wölfen und Hunden besser verstehen. Dies würde uns auch erlauben, die Partnerschaft zwischen Hund und Mensch besser nachzuvollziehen. Wie unterscheiden sich Wolf und Hund (Anm. d. Redaktion: Vergleich der Hunde und Wölfe am WSC) in ihrem Verhalten und ihrer Intelligenz und inwieweit wird das Verhalten durch Sozialisierung beeinflusst (Anm. d. Redaktion: Vergleich zwischen Hund am WSC und Haushund)? Um unsere Daten vergleichen und validieren zu können, haben wir begonnen, auch Freilandforschung einzubeziehen. In einem Forschungsprojekt werden freilebende Hunde in Marokko analysiert, in einem anderen wird das Verhalten von freilebenden Wölfen in Italien beobachtet und ausgewertet. Anschließend werden die Ergebnisse mit jenen am Wolf Science Center verglichen, um zu prüfen, ob unsere Ideen zur Domestikation stimmen und die Forschung in Gehegen repräsentativ ist.

Welche konkreten Ergebnisse gibt es in dieser Richtung bereits?

Range: Im Gegensatz zu den gängigen Ideen zur Domestizierung haben wir herausgefunden, dass Wölfe aufmerksamer, toleranter und kooperativer miteinander sind als Hunde. Dies macht Sinn im Hinblick auf die soziale Ökologie von Wölfen und Hunden. Wölfe leben in Familiengruppen und kooperieren bei der Jagd, der Verteidigung der Territorien und der Aufzucht des Nachwuchses. Hunde dagegen leben meist von Abfall und je nachdem, wie viel Futter vorhanden ist, allein oder in kleinen Gruppen. Sie kooperieren nicht mehr wirklich bei der Aufzucht und jagen sehr selten. Diese Verschiebung der sozialen Ökologie wurde bisher nicht wirklich beachtet. In der Hundeforschung wird auch meist von Haushunden ausgegangen, obwohl 80 Prozent der Hunde weltweit freilebende Hunde sind. Für die Domestikation bedeutet es aber vor allem, dass viele der sozialen Fähigkeiten des Hundes, die wir so schätzen, nicht während der Domestizierung entstanden sind, sondern dass der gemeinsame Vorfahre von Wolf und Hund diese schon besessen hat.

Für die Forschung werden amerikanische Grauwölfe und Mischlingshunde verwendet. Was sind die Überlegungen dahinter?

Range: Der europäische Wolf wurde in der Vergangenheit stark bejagt. Daher haben die scheuesten Tiere überlebt, was wiederum bedeutet, dass die Tiere vermutlich trotz Handaufzucht ein größeres Misstrauen gegenüber dem Menschen hätten. Um diesen Stress für die Tiere zu vermeiden, haben wir uns für amerikanische Wölfe entschieden. Diese leben noch dazu in größeren Gruppen in freier Wildbahn und haben daher ein stark ausgeprägtes Sozialgefüge. Auch die Genetik spielt eine Rolle, denn beim europäischen Wolf haben sich häufig Hunde und Wölfe gekreuzt, sodass die Wölfe aus den USA und Kanada ursprünglicher sind. Unsere Hunde stammen aus Tierschutzhäusern, überwiegend aus Ungarn, und sind Mischlinge, um ein möglichst breites Spektrum des Genpools von Hunden abbilden zu können.

Welchen Themen widmen sich aktuelle Forschungsprojekte und was möchten Sie noch erforschen?

Range: Ein großes Thema, das wir in den letzten Jahren intensiv erforscht haben, ist die Kooperation der Tiere untereinander und mit dem Menschen. Hier untersuchten wir nicht nur, ob die Tiere kooperieren, sondern auch, worauf sie bei der Kooperation mit dem Partner achten. Zum Beispiel haben wir gezeigt, dass Wölfe und Hunde darauf achten, dass sie dieselbe Belohnung für die Arbeit bekommen wie ihr Partner. Die Tiere unterscheiden auch, ob sie einen Partner brauchen, um ein Problem zu lösen oder nicht. Wenn sie einen Partner brauchen, gehen sie und öffnen eine Tür für den Partner. Allerdings wissen wir bisher nur einen Bruchteil über das Verständnis der Tiere – wie sie ihre Umwelt wahrnehmen, über ihre individuellen Lernfähigkeiten oder ihr physikalisches Verständnis. In Zukunft werden wir vor allem auch an diesen letzteren Punkten arbeiten und untersuchen, inwieweit Haushunde repräsentativ für Hunde insgesamt sind. Diese Forschung ist sehr kostspielig und kann nur zu einem gewissen Teil über Drittmittel finanziert werden, daher ist auch private Unterstützung sehr wichtig für uns.

Wie können die Erkenntnisse in der Praxis genutzt werden?

Range: Vor allem für den Umgang mit Hunden sind unsere Forschungsergebnisse relevant. Zentrale Fragen sind dabei: Welcher Umgang ist der richtige? Wofür haben wir die Tiere selektiert und welches Training ist daher angemessen? Was ist wichtig für den Hund? Und schlussendlich auch: Was können wir vom Hund erwarten? Tatsache ist, dass Hunde untereinander nicht sehr tolerant sind. Dies ist besonders wichtig für HundehalterInnen mit mehr als einem Hund, denn gerade beim Thema Ressourcen und deren Verteidigung kann es zu Problemen kommen. Generell scheint es so, als wenn wir den Hund danach selektiert haben, dass er leicht einschätzbar und lenkbar ist. Dennoch kommunizieren Hunde – im Vergleich mit dem Wolf – viel weniger, weshalb wir aufmerksam sein müssen. Wenn wir ein besseres Verständnis davon haben, was und wie Hunde wahrnehmen und verstehen, können wir das Training daran anpassen und so die Partnerschaft zwischen Mensch und Tier fördern.

Zu Person

Friederike Range ist assoziierte Professorin am Konrad-Lorenz-Institut für Vergleichende Verhaltensforschung, Leiterin des Domestikations Labs und des Wolf Science Centers (WSC). Nach ihrem Biologiestudium an der Universität Bayreuth und ihrem Doktorat an der University of Pennsylvania habilitierte sie im Jahr 2013 an der Vetmeduni Vienna. Zusammen mit Zsófia Virányi und Kurt Kotrschal gründete Range im Jahr 2008 das Wolf Science Center. Von 2011 bis 2018 arbeitete sie am Messerli Forschungsinstitut der Vetmeduni Vienna, vor allem im Clever Dog Lab, das sie mit Ludwig Huber und Zsófia Virányi im Jahr 2007 gründete. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Verhalten und Kognition mit einem Fokus auf Kooperation.

Dreieck Hund-Mensch-Wolf

Am Wolfsforschungszentrum erkunden Forschende die Gemeinsamkeiten zwischen Wolf, Hund und Mensch. Intensiv wird vor allem das Thema Kooperation, der Tiere untereinander sowie mit dem Menschen als Kooperationspartner, untersucht.

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Wolfsforschung: Der Partnerschaft zwischen Mensch und Hund auf der Spur 8

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Kategorie: Magazin, Service, Forschung