Sexuelle Konflikte bei Enten – ein evolutionäres Wettrüsten

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Bisher galt bei Enten (Anatidae) die Annahme „Großer Penis, Zwangskopulation, große Eier“. Eine aktuelle Studie unter Leitung des Konrad-Lorenz-Instituts für Vergleichende Verhaltensforschung an der Veterinärmedizinischen Universität Wien konnte diese Hypothese nun widerlegen. Demnach scheint eher das Gegenteil der Fall zu sein: Penislänge und Eigröße korrelieren negativ, je größer der Erpel-Penis, desto kleiner sind also die Enteneier. Dies deutet darauf hin, dass das evolutionäre Wettrüsten mit Zwangskopulationen auf der einen Seite und anatomischen Gegenmaßen auf der anderen bei Enten nicht unbeschränkt weitergehen kann.

Enten: Vaginalverkehr statt Kloakenkuss

Bei den meisten Vögeln besteht der Geschlechtsakt aus einem Kloakenkuss. Dabei pressen Männchen und Weibchen ihren gemeinsamen Körperausgang für Harn, Darm und Fortpflanzung aneinander, wodurch die Spermien in die Kloake des Weibchens gelangen. Nicht so bei den Enten: Der Erpel besteigt das Weibchen und drückt es unter Wasser. Was man nicht sieht: Im Gegensatz zu den meisten anderen Vögeln wird beim Geschlechtsakt aus der Kloake ein Penis herausgestülpt. Weiterer großer Unterschied: Nicht selten sind diese Kopulationen erzwungen und führen oft zu schweren Komplikationen bei den Weibchen – bis zum Tod, etwa durch Ertrinken.

Wissenschaftlich erklärt werden diese Zwangskopulationen als ein offener sexueller Konflikt und ein evolutionäres Wettrüsten zwischen den Geschlechtern. So haben Weibchen als Abwehrmaßnahme beispielweise Windungen im weiblichen Geschlechtstrakt, die sich im Uhrzeigersinn drehen, während die Windungen am Penis der Erpel dem Uhrzeigersinn entgegengesetzt sind.

Wettrüsten der Geschlechter

Ein größerer Datensatz als in früheren Studien ermöglichte es den Forschern, den Zusammenhang zwischen Penisgröße, Zwangskopulationen und der Größe der gelegten Eier zu testen. Die Ergebnisse widersprechen bisher getroffenen Annahmen, wie Hans Winkler vom Konrad-Lorenz-Institut für Vergleichende Verhaltensforschung der Vetmeduni Vienna erklärt: „Die Resultate unserer Studie zwingen uns, die bisherige Hypothese abzulehnen, da die Eigröße negativ mit der Länge der korkenzieherartig gewundenen Penisse und der Anzahl der Vaginalspiralen korreliert. Der offensichtliche Kompromiss zwischen Eigröße und morphologischer Abwehr der Weibchen, die gegenspiralig gewundenen Vaginaltrakte, ist besonders bei monogamen Arten stark.“ Demnach kann also das Wettrüsten mit großen Erpel-Penissen und damit verbundenen Zwangskopulationen und Vaginalspiralen nicht unbeschränkt eskalieren. Insgesamt nehmen die Forscher an, dass es Faktoren gibt, die eine Untergrenze für die Eigröße festlegen. Dadurch schränken sie auch die morphologische Abwehr von Weibchen (die Anzahl der Vaginalspiralen je länger der durchschnittliche Erpel-Penis ist) und damit das Wettrüsten zwischen den Geschlechtern ein.

Spannendes Forschungsgebiet

Viele Aspekte der Reproduktionsbiologie von Wasservögeln sind aufgrund ihres kommerziellen Werts gut erforscht. Dennoch bleiben wichtige Details unklar. Es gibt zum Beispiel noch viel zu tun, um die Morphologie, die Abwehr und die Auswahlmechanismen von Weibchen besser zu verstehen. „Wir können mit zahlreichen überraschenden Erkenntnissen rechnen, wenn mehr Details über das Verhalten anderer Wasservogelarten in freier Wildbahn bekannt werden. Insbesondere gehen wir davon aus, dass Studien zur Verhaltensökologie von Wasservögeln weiterhin spannende Ergebnisse und Einblicke in die evolutionäre Dynamik sexueller Konflikte liefern werden“, erläutert Hans Winkler, seine soeben in der Zeitschrift „Journal of Avian Biology“ erschienene Forschungsarbeit mit Erstautor Bernd Leisler vom Max-Planck-Institut für Ornithologie, Radolfzell, Deutschland.

Warum akzeptieren Weibchen Zwangskopulationen?

Als weitere Abwehrmaßnahme gegen Zwangskopulationen könnten Weibchen außerdem aus einem solchen Paarungsakt entstandene Eier aufgeben und nicht bebrüten. Dies ist allerdings nicht der Fall. Warum sie Ihr Gelege nicht aufgeben, erklärte die Wissenschaft (Briskie und Montgomerie 1997, 2007) bisher folgendermaßen: Weibchen, die im Verhältnis zu ihrer Körpermasse große und damit „kostspielige“ Eier produzieren, seien nicht geneigt, ihre „Investition“ – also ein großes Ei – aufzugeben, selbst wenn sie Opfer einer Zwangskopulation waren. Dies würde die Männchen aus evolutionärer Sicht sozusagen dazu einladen, weiterhin große Penisse auszubilden und Zwangskopulationen aufrechtzuerhalten. Eine Annahme, welche durch die nun vorliegende Studie widerlegt wurde.

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