Den Schutz eingeimpft

<< Krankheiten vermeiden. Impfungen sind neben der Betriebshygiene, den Haltungsbedingungen, der Fütterung sowie der Biosicherheit eine der wichtigsten Säulen im Tiergesundheitsmanagement. >> Illustration: Matthias Moser

<< Krankheiten vermeiden. Impfungen sind neben der Betriebshygiene, den Haltungsbedingungen, der Fütterung sowie der Biosicherheit eine der wichtigsten Säulen im Tiergesundheitsmanagement. >> Illustration: Matthias Moser 1

Impfstoffentwicklung in der Veterinärmedizin, Illustration: Matthias Moser

Impfstoffentwicklung in der Veterinärmedizin, Illustration: Matthias Moser 2

Aus VETMED 01/2021 – Entstehung der Vakzination

Es begann mit einem britischen Landarzt, einer Kuh und einem Virus. 184 Jahre später, im Jahr 1980, erklärte die WHO das Pockenvirus im Menschen für ausgerottet. Der britische Arzt Edward Jenner hatte die Beobachtung genutzt, dass Menschen, die engen Kontakt mit Kühen und den für Menschen relativ ungefährlichen Kuhpocken hatten, nicht am gefürchteten menschlichen Pockenvirus erkrankten. Aus heutiger Sicht medizinethisch unvorstellbar impft Jenner am 14. Mai 1796 dem achtjährigen Sohn seines Gärtners das Pustelsekret aus der Hand einer an Kuhpocken erkrankten Magd ein. Als er den Jungen sechs Wochen später mit echten Pocken in Berührung bringt, zeigt dieser sich als immun. Die Idee der Impfung mit abgeschwächten Erregern war geboren. Der Fachbegriff „Vakzination“ für Impfungen erinnert noch heute an den Ursprung der medizinischen Erfindung: Vacca, lateinisch die Kuh.

Schon jahrhundertelang hatte es im Orient die Praxis gegeben, auf „Pockenpartys“ Gesunde gezielt mit dem menschlichen Pockenvirus anzustecken, einer sogenannten Variolation oder Inokulation. Eine teilweise erfolgreiche, aber auch gefährliche und umstrittene Methode, bei der Pustelsekret der Pocken in eingeritzte Haut übertragen wird. Erzherzogin Maria Theresia brachte die Inokulation 1768 nach Wien, zuvor war sie selbst an den Pocken erkrankt und hatte Familienangehörige sowie drei ihrer Kinder durch die Infektionskrankheit verloren. 1798 publizierte Edward Jenner schließlich seine Erkenntnisse zur weitaus weniger gefährlichen Impfung mit Kuhpocken, am 10. Dezember 1800 fand in Österreich die erste öffentliche Massenimpfung statt.

Übertragungswege zwischen Tier und Mensch

Dass Erkrankungen bei Mensch und Tier miteinander verbunden sind, hatte auch Maria Theresia erkannt und 1765 angewiesen, eine „Lehrschule zur Heilung der Viehkrankheiten“, die heutige Veterinärmedizinische Universität Wien, zu gründen. Gesunde Tiere bedeuten gesunde tierische Lebensmittel und eine Verminderung der Gefahr von zoonotischen – zwischen Mensch und Tier übertragbaren – Erregern. „Gegen mehr als 100 verschiedene Tierkrankheiten gibt es inzwischen Impfstoffe“, sagt Armin Saalmüller, Leiter des Instituts für Immunologie an der Vetmeduni Vienna. Die Leitlinie dabei, so Saalmüller: „Mehr Tiere impfen, dafür das einzelne nur so häufig wie nötig.“ Durch die sogenannte Herdenimmunität werden bei einer Impfrate von 70 Prozent das Einzeltier und die Population geschützt, Epidemien letztendlich verhindert. Die Kontrolle von Zoonosen, wie Tollwut oder durch Lebensmittel übertragene Infektionen wie Salmonellen, schützt wiederum auch den Menschen. Durch die Verwendung von Köderimpfungen bei Füchsen konnte in Teilen Europas die Tollwut eingedämmt werden. Jährlich sterben dennoch mehr als 50.000 Menschen an der Krankheit, insbesondere in Asien und Afrika. Nach Angaben der Weltorganisation für Tiergesundheit könnte durch eine Vakzination von 70 Prozent der weltweiten Hundepopulation das Risiko einer Tollwutinfektion für den Menschen eliminiert werden.

Basis für die Tiergesundheit

Die Art und Weise, wie Impfstoffe Tieren verabreicht werden, ist vielfältig. „Ein effektiver Vakzinationserfolg entsteht, wenn alle Teile des Immunsystems angesprochen und aktiviert werden“, erklärt Immunologe Saalmüller. In der Tiermedizin wird eine Vielzahl von verschiedenen Impftechniken etwa oral, über die Schleimhaut (Nase, Auge, Maul, Rachen) oder mittels Injektion in die Haut oder den Muskel angewendet. „Bei großen Tierbeständen und in hohen Populationsdichten ist der Infektionsdruck sehr groß“, so Saalmüller. Impfungen sind daher eine wichtige prophylaktische Maßnahme zur Verhinderung von Infektionen und tragen bei Nutztieren wesentlich zur sicheren und nachhaltigen Versorgung mit tierischen Lebensmitteln bei.

Erfolgsgeschichten aus dem Tierreich gibt es inzwischen einige. So etwa durch einen – nach Impfdosen gerechnet – weltweit am häufigsten verwendeten Impfstoff, der Hühner vor der Infektiösen Bronchitis schützt. Ausgelöst wird die Erkrankung durch ein Coronavirus. „Anders als bei SARS-CoV-2, das der Gruppe der Betacoronaviren zugeordnet wird, handelt es sich jedoch um ein Gammacoronavirus“, erklärt Michael Hess, Leiter der Universitätsklinik für Geflügel und Fische. Die Impfung selbst erfolgt als Spray, meist schon in der Brüterei. In Österreich werden, so Hess, jährlich etwa 100 Millionen Dosen zur Bekämpfung dieser Infektionskrankheit verimpft.

Ein Ausbruch der Pferdeinfluenza in Australien im Jahr 2007 zeigt, dass auch bei Haustieren Epidemien möglich sind. „Zu diesem Zeitpunkt gab es keinen Impfschutz, 75.000 Pferde wurden infiziert“, erklärt Jessika-M. Cavalleri, Leiterin der Klinischen Abteilung für Interne Medizin Pferde. Erst nach vier Monaten konnte die Epidemie durch Isolation, Sperrzonen, Hygienemaßnahmen und die Impfung von 140.000 Pferden gestoppt werden. „Daran sehen wir: Impfen schützt das Einzeltier, den Bestand und die Population“, so Cavalleri. Krankheitserreger wie das Staupevirus beim Hund, Influenzaviren beim Pferd, oder die klassische Geflügelpest (Aviäre Influenza) zirkulieren nach wie vor in heimischen Wildtierpopulationen oder werden aus dem Ausland eingeschleppt. Durch Immunisierung können schwere Folgeerkrankungen, der Einsatz von Medikamenten und die Übertragung verhindert werden.

Einhalten von Richtlinien

Sicherheit und Effizienz sind die wichtigsten Kriterien einer Impfung, so Immunologe Saalmüller. Ein umsichtiger Gebrauch von Vakzinen und Vorinformationen über die Patienten seien essenziell. Welche Impfungen bei Haustieren empfehlenswert sind, hängt von den jeweiligen Lebensumständen des Tiers ab. Sind Reisen geplant, können zusätzliche Impfungen ratsam oder sogar erforderlich sein. Generell richten sich TiermedizinerInnen sowohl bei Nutz- als auch bei Haustieren nach Empfehlungen zum Beispiel seitens der Ständigen Impfkommission Veterinärmedizin (StIKo Vet) und erstellen individuelle Impfstrategien. „Es muss immer zwischen Risiken und Nutzen abgewogen werden“, so Saalmüller. „In den allermeisten Fällen überwiegt allerdings der Nutzen einer Impfung."

 

Der Artikel zur Nachlese im VETMED Magazin 01/2021 3

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Kategorie: Magazin