Kluge Handwerker: Kakadus sparen Herstellungsaufwand durch unterschiedlich lange Werkzeuge

07.11.2018: Situationsbedingt ein passendes Werkzeug zu fertigen, ist selbst für die wenigen Tierarten wie den Goffin-Kakadu, die die Werkzeugherstellung beherrschen, eine große, kognitive Herausforderung. Eine neue Studie von Forschenden der Vetmeduni Vienna und der Universität Wien bestätigt nun, dass diese cleveren Vögel sich flexibel auf die Distanz einstellen können und je nachdem längere oder kürzere Stöckchen aus Pappe herstellen. Aus ihrer Sicht unpassende Werkzeuge verwerfen sie. Aber auch diese Papageienart stößt an ihre Grenzen, speziell wenn es um die Breite der Testöffnungen geht. Dies scheint jedoch dem Umstand geschuldet, dass sie durch ihren Schnabel, den sie zur Werkzeugherstellung als Stanze benutzen, breitentechnisch eingeschränkt sind.

Nur sehr wenige Tierarten wie etwa Menschenaffen und einige Vögel können Werkzeuge benützen und vor allem herstellen, um Futter außer Reichweite zu erlangen. Forschende der Vetmeduni Vienna und der Universität Wien studieren diese Fähigkeiten am Beispiel eines indonesischen Kakadus, dem Goffin-Kakadu, dessen Cleverness bei Einsatz und Fertigung von Futter- oder Testwerkzeugen kürzlich bestätigt wurde. Die klugen Vögel waren dabei in unterschiedlichen Studien in der Lage, spontan mit ihren Schnäbeln aus verschiedenen, plattenförmigen Materialien, wie Karton, nützliche „Stäbchen“zu beißen. Das machen sie, indem sie zuerst wie ein Locher aktiv eine große Anzahl paralleler Bissmarkierungen entlang der Materialkante platzieren. Dann schneiden sie mit ihrem geschwungenen oberen Schnabel das längliche Stück aus der größeren Fläche.

Nun konnte ein Forschungsteam um Alice Auersperg vom Messerli Forschungsinstitut der Vetmeduni Vienna zeigen, dass die Kakadus dabei sogar auf spezifische Funktionsmerkmale, wie etwa den Abstand zur sonst unerreichbaren Futtergabe, achten. Die in der Fachzeitschrift PlosONE veröffentlichten Ergebnisse deuten jedoch auch Grenzen dieser Flexibilität an, diese scheinen aber einem anatomischen Umstand geschuldet.  

Kakadus sind Weitenmesser, wenn es um den Abstand zur Belohnung geht

Für die vorliegende Studie wurden die getesteten Goffin-Kakadus mit unterschiedlichen Versuchsaufbauten konfrontiert. Zum einen mussten sie die notwendige Länge ihrer Werkzeuge richtig einschätzen, zum anderen auch die Breite der kleinen Öffnung durch die sie mit ihrem selbst gebastelten Tool eine Futtergabe manipulieren konnten. Die Distanz stellte dabei für die cleveren Vögel kaum eine Herausforderung dar. „Sie  fertigten deutlich längere Kartonstreifen, wenn eine Belohnung weiter entfernt war, und kürzere Streifen, wenn die Futtergabe dem Loch der Testbox näher lag", erklärt Carina Köck die von ihr im Goffin-Labor durchgeführten Versuche. „Sie entsorgen dabei Werkzeuge, die nicht lang genug sind, bevor sie überhaupt versuchen, sie in die Box zu stecken, und sogar zu lange Werkzeuge, allerdings eher wenn das Essen weit weg ist, als wenn es nahe ist".

Die Art und Weise, wie die Tiere Flexibilität in ihrem Werkzeugherstellungsverhalten zwischen verschiedenen Entfernungen zeigen, deutet laut Alice Auersperg, der Leiterin des Goffin Labors darauf hin, dass sie lernen können, auf unterschiedliche Bedingungen zu achten. „Längere Kartonstreifen erfordern mehr parallele Beißmarken, was eine steigende, zeitliche Investition in der Herstellung bedeutet. Die Studie zeigte jedoch, dass die Kakadus ihren Aufwand reduzieren konnten. Nach einiger Zeit  entwickelten sie allerdings eine neue Strategie, aufgrund derer sie hauptsächlich längere Hilfswerkzeuge herstellten, so Auersperg. Das kann darauf hindeuten, dass sie entweder ihre eigene Fertigungsmethode verbesserten oder dass sie das Risiko vermeiden wollten, zwischendurch zu kurze Streifen herzustellen, die sie dann entsorgen müssten.

Der anatomisch festgelegte Herstellungsweg scheint Werkzeugbreite zu limitieren

Dennoch hatte die Flexibilität der Tiere ihre Grenzen, wenn es darum ging, den Durchmesser ihrer Kartonstreifen anzupassen. Auch wenn der Durchmesser des Sondierungslochs variierte, fertigten die Tiere immer wieder Streifen mit ähnlicher Breite. In dieser Hinsicht dürfte die Schnabelform das limitierende Element sein, da die Tiere eine spezielle Technik zur Herstellung verwendeten. "Die Unterkante des oberen Schnabelteils nimmt eine steile Kurve von der Schnabelspitze bis zum Mundwinkel ein. Die Kante des Kartonblocks wird beim Werkzeugbau in den tiefstmöglichen Punkt dieser Kurve gedrückt. Dies geschieht wahrscheinlich für die bestmögliche Druckunterstützung", so Köck. „Die Schnabelspitze wurde gleichzeitig jedoch auch dazu verwendet, um das Material zu durchtrennen. Das bedeutet, dass der Abstand zwischen der Schnabelspitze und der Kurve die Breite ihrer Werkzeuge einschränkte."

Der Artikel „Tool making cockatoos adjust the lengths but not the widths of their tools to function” von Alice Auersperg, Carina Köck, Mark O’Hara und Ludwig Huber wurde in PlosONE veröffentlicht. 1

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Weitere Informationen

Zur wissenschaftlichen Publikation 1

Zur englischen Presseinformation

Video Link 2


 

Pressefoto

Die cleveren Goffin Kakadus basteln sich abhängig von der Distanz längere und kürzerer Stäbchen aus Pappe, um an Futter zu gelangen. (Foto: ©Bene Croy)
Bastelnder Goffin-Kakadu

 

Rückfragehinweis

Dr.rer.nat. Alice Auersperg

Abteilung für Vergleichende Kognitionsforschung

Messerli Forschungsinstitut

Veterinärmedizinische Universität Wien (Vetmeduni Vienna)

T +43 676 9390392

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Aussender

Mag.rer.nat. Georg Mair

Wissenschaftskommunikation / Öffentlichkeitsarbeit und Kommunikation

Veterinärmedizinische Universität Wien (Vetmeduni Vienna)

T +43 1 25077-1165

Email an Georg Mair senden