Frosch-Weibchen: Kannibalen aus gutem Grund

11.04.2019: Nicht nur Männchen, sondern auch Weibchen der Pfeilgiftforschart Allobates femoralis zeigen Kannibalismus bei arteigenen Gelegen. Eine nun veröffentlichte wissenschaftliche Studie der Vetmeduni Vienna legt nahe, dass es dafür aus evolutionärer Sicht gute Gründe geben könnte.

Kannibalismus ist im Tierreich weit verbreitet. Dazu zählt auch das Fressen von Jungtieren durch erwachsene Artgenossen. Und auch wenn man es auf den ersten Blick nicht vermuten würde, hinter dem vordergründigen Grauen scheint ein tieferer evolutionärer Sinn zu stecken: Mögliche Gründe für das kannibalistische Vorgehen sind zum Beispiel der Erhalt von Nährstoffen, eine Verringerung des Konkurrenzdrucks auf die eigenen Nachkommen sowie zusätzliche Paarungsmöglichkeiten. Viele Fragen im Zusammenhang mit Kannibalismus bei Tieren sind jedoch noch ungeklärt.

Als Kannibalen bekannt: Männliche Pfeilgiftfrösche

Grund genug für ein Forschungsteam der Vetmeduni Vienna, die – ungiftige – Pfeilgiftfroschart Allobates femoralis genauer zu untersuchen, bei denen bereits zuvor Kannibalismus an arteigenen Gelegen beobachtet wurde. Vorangegangene Experimente bei A. femoralis zeigten, dass männliche Frösche sich um Gelege in ihrem eigenen Territorium kümmern, selbst wenn es nicht die eigenen Nachkommen sind – übernehmen sie jedoch ein neues Territorium, fressen sie die dort vorhandenen Gelege. Kannibalismus durch Weibchen wurde bisher jedoch noch nicht beobachtet.

Brutverhalten genau unter die Lupe genommen

Ziel der soeben veröffentlichten Studie war zu untersuchen, ob und in welchen Situationen weibliche Frösche der Art A. femoralis die Gelege anderer Weibchen fressen. Dazu Studienleiterin Eva Ringler vom Messerli Forschungsinstitut der Vetmeduni Vienna: „Wir führten Verhaltensversuche im Labor durch, in denen wir die Anwesenheit des Vaters beim fremden Gelege, den Reproduktionsstatus des Weibchens, sowie die Vertrautheit des Weibchens mit der Umgebung – bekanntes oder unbekanntes Terrarium – veränderten.“ Im Regelfall transportiert das Männchen die Kaulquappen nach dem Schlüpfen zu kleinen Wasserstellen. Fällt das Männchen jedoch aus, so wird der Kaulquappentransport von den Weibchen übernommen. Aus früheren Laborversuchen weiß man zudem, dass Weibchen ihre eigenen Gelege an der exakten Position erkennen und in der Lage sind, sich diese über mehrere Wochen hinweg zu merken.

Erstmaliger Nachweis: Kannibalismus auch bei weiblichen Pfeilgiftfröschen

Mit ihrer Forschungsarbeit gelang den WissenschafterInnen der Vetmeduni Vienna nun der erstmalige Nachweis, dass Kannibalismus auch unter weiblichen Pfeilgiftfröschen üblich ist. Demnach fressen A. femoralis Weibchen eindeutig Gelege anderer Weibchen. „Dies geschah in unserer Studie häufiger, wenn das Weibchen zuvor kein eigenes Gelege produziert hatte und der Vater des fremden Geleges nicht anwesend war. Ob sich die Weibchen in ihrem gewohnten oder einem neuen Terrarium befanden, hatte – im Gegensatz zu den Männchen – keinen Einfluss auf das Auftreten und die Häufigkeit von kannibalistischem Verhalten“, so Sandra Spring, die Erstautorin der Studie.

Evolution der Brutpflege: Wichtige Rolle der männlichen Territorialität

Mögliche Gründe für das beobachtete kannibalistische Verhalten können der Erhalt von wertvollen Nährstoffen durch den Verzehr von Gelegen der eigenen Art sowie die daraus resultierende Steigerung der Fitness im Vergleich zu anderen Weibchen sein. Die Tatsache, dass die Anwesenheit des Vaters ausreicht, um Kannibalismus durch Weibchen zu reduzieren, lässt darüber hinaus den Schluss zu, dass männliche Territorialität für die Evolution der Brutpflege eine wichtige Rolle spielt. Dazu Ringler: „Die Tatsache, dass die bloße Anwesenheit des Vaters ausreichte, um Kannibalismus von Weibchen zu reduzieren, unterstreicht die wichtige Rolle von Territorialität für die Evolution der Brutpflege bei Männchen.“

Der Artikel „Oviposition and father presence reduce clutch cannibalism by female poison frogs“ von Sandra Spring, Marion Lehner, Ludwig Huber und Eva Ringler wurde in Frontiers in Zoology veröffentlicht. 1

 

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Pressefoto

© Eva Ringler/Vetmeduni Vienna
© Eva Ringler/Vetmeduni Vienna

 

Rückfragehinweis

Dr. Eva Ringler

Messerli Forschungsinstitut

Abteilung für Vergleichende Kognitionsforschung

Veterinärmedizinische Universität Wien (Vetmeduni Vienna)

T +43 650/9780208

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Aussender

Mag. Nina Grötschl

Wissenschaftskommunikation / Öffentlichkeitsarbeit und Kommunikation

Veterinärmedizinische Universität Wien (Vetmeduni Vienna)

T +43 1 25077-1187

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