Elefanten bilden sich kein Urteil über Menschen

11.02.2021: Elefanten sind sehr kooperative Tiere. WissenschafterInnen der Vetmeduni Vienna untersuchten deshalb, wie Elefanten mit Menschen zusammenarbeiten, und ob sie dafür Schlüsse aus Beobachtungen ziehen. Im Experiment zeigte sich, dass die Tiere bei der Entscheidung zur Kooperation nicht zwischen kooperativen und nicht kooperativen Menschen unterscheiden – ein für die WissenschafterInnen überraschendes Ergebnis, für das möglicherweise Herausforderungen beim Studiendesign verantwortlich sein könnten. Denn andere wissenschaftliche Belege deuten durchaus darauf hin, dass sich Elefanten über Menschen Urteile bilden.

„Eavesdropping“, also durch lauschendes Beobachten nützliche Informationen zu gewinnen, ist im Tierreich gang und gäbe. Studien zu diesem Phänomen umfassen typischerweise Tiere, die Mensch-Mensch-Interaktionen in einer Bettelsituation beobachten, d.h. eine großzügige Person, die einem menschlichen Bettler Nahrung gibt, und eine selbstsüchtige Person, die dies nicht tut. Mensch-Mensch-Interaktionen sind jedoch ökologisch nicht relevant. Das Beobachten von Mensch-Tier-Interaktionen könnte durchaus relevanter sein für mit dem Menschen lebende Tiere, da Menschen ihnen häufig wertvolle Ressourcen wie Nahrung und Schutz zur Verfügung stellen. Das ist der Fall für domestizierte aber auch für nicht domestizierte Arten, die so wie der Elefant bereits seit langem mit dem Menschen zusammenleben.

Elefanten kooperieren stark mit Artgenossen

In einer soeben in der Fachzeitschrift „Frontiers in Psychology“ erschienenen Studie hat nun ein internationales ForscherInnenteam unter Leitung der Vetmeduni Vienna zum ersten Mal die Fähigkeit asiatischer Elefanten getestet, sich aufgrund ihrer Erfahrung mit Menschen Urteile zu bilden und daraus entsprechende Handlungen abzuleiten. Denn Elefanten sind sehr kooperativ und haben auch bereits im Experiment bewiesen, dass sie mit ihren Artgenossen zur Zielerreichung gleichsam „an einem Strang ziehen“: Bei diesem Test müssen zwei Enden einer Schnur gleichzeitig gezogen werden, um eine Plattform mit Lebensmittelbelohnungen in Reichweite zu holen. Wenn nur an einem Ende der Schnur gezogen wird, löst sich jedoch die Schnur und die Belohnung wird unzugänglich.

Menschliche Partner werden nicht gezielt gewählt

Die WissenschafterInnen adaptierten dieses Experiment nun dahingehend, dass die Elefanten mit einem Menschen zusammenarbeiten mussten. Ihre Erfahrungen sammelten sie im Experiment entweder direkt oder sie beobachteten ein anderes Tier in Interaktion mit einem Menschen. Die Resultate zeigten, dass die Tiere aus den Beobachtungen keine Entscheidungen ableiteten und die menschlichen Partner nicht gezielt wählten. „Entgegen unserer Annahme fanden wir keine Unterstützung für die Hypothese, dass Elefanten durch indirekte oder direkte Erfahrung zwischen einem kooperativen und einem nicht kooperativen Menschen unterscheiden können“, so Erstautorin Hoi-Lam Jim vom Konrad-Lorenz-Institut der Vetmeduni Vienna.

Herausforderungen beim Studiendesign als möglicher Grund

Aus diesem Grund wurde eine Folgestudie durchgeführt, in der keine Zusammenarbeit erforderlich war. Ziel war es, zu untersuchen, ob Elefanten in einer Bettelsituation zwischen einer großzügigen und einer selbstsüchtigen Person unterscheiden können. Das Ergebnis: Die Elefanten zeigten auch hier keine Präferenzen für einzelne Personen. „Wir schließen daraus, dass unsere Ergebnisse möglicherweise eher auf Herausforderungen bei der Versuchsplanung als auf eine mangelnde Fähigkeit der Tiere zurückzuführen sind. Aus diesem Grund schlagen wir vor, dass zukünftige Experimente stärker berücksichtigen müssen, wie Elefanten multimodale sensorische Informationen zur Entscheidungsfindung nützen“, so Jim. Eine der von den WissenschafterInnen genannten Herausforderungen beim Studiendesign besteht demnach insbesondere darin, die Motivation und Aufmerksamkeit von Elefanten zu bewerten. Ein weiterer Grund könnte zudem darin liegen, dass die Elefanten im Experiment nicht genügend Erfahrungen sammeln konnten, um daraus entsprechende Entscheidungen abzuleiten. Denn andere wissenschaftliche Belege deuten – entgegen der vorliegenden Studie – laut den ForscherInnen darauf hin, dass Elefanten durchaus in der Lage sind, sich über Menschen Urteile zu bilden.

Der Artikel „Investigating Indirect and Direct Reputation Formation in Asian Elephants (Elephas maximus)“ von Hoi-Lam Jim, Friederike Range, Sarah Marshall-Pescini, Rachel Dale und Joshua M. Plotnik wurde in Frontiers in Psychology veröffentlicht.  1

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Hoi-Lam Jim, MSc. 

Konrad-Lorenz-Institut für Vergleichende Verhaltensforschung 

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