Symposium am Messerli Forschungsinstitut

Taking Ethical Considerations Into Account? Methods to Carry Out the Harm-Benefit Analysis According to the EU Directive 2010/63/EU.

Das neue Tierversuchsgesetz, mit dem Ende 2012 die EU-Richtlinie 2010/63/EU in nationale Gesetzgebung umgesetzt wurde, schreibt vor, dass bis 2015 ein Kriterienkatalog zur Beurteilung von Tierversuchsanträgen vorliegen muss. Dieser Kriterienkatalog soll dazu dienen, eine ethische Abwägung zwischen den „Kosten“ für die Versuchstiere in Form von Schmerzen, Leiden, Ängsten und dauerhaften Schäden und einem „Nutzen“ für die Menschen in Form von Erkenntnisgewinn zu treffen.

Das Messerli Forschungsinstitut wurde vom Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung (BMWF) mit der Entwicklung dieses Kriterienkataloges betraut.

Am 27.03.2013 veranstaltete das Messerli Forschungsinstitut ein internationales Symposium, zu dem zahlreiche namhafte ExpertInnen aus dem Bereich der ethischen Evaluierung von Tierversuchsanträgen geladen waren. Ziel dieses Treffens war die Erarbeitung einer umfassenden Wissensbasis als Grundlage für die optimale Gestaltung des österreichischen Kriterienkataloges. 22 Vortragende aus acht europäischen Ländern und den USA referierten über ihre Erfahrungen mit der Problematik bzw. mit der Umsetzung der EU-Richtlinie im eigenen Land. Im Vordergrund stand die Erarbeitung einer Methode zur Schaden-Nutzen-Analyse von Tierversuchsanträgen. Die Herausforderungen im Zusammenhang mit der Entwicklung des Kriterienkataloges zeigten sich in den angeregten Diskussionen der einzelnen Vorschläge und Erfahrungsberichte.

Ein zentraler Vorschlag im Hinblick auf die Erstellung eines Kriterienkataloges war die Einführung von verschiedenen Entscheidungsebenen bei der Beurteilung von Tierversuchsanträgen. Es wurde empfohlen, sowohl die bisherigen Beurteilungen von Tierversuchsanträgen unter Anwendung der aktuellen gesetzlichen Vorgaben bzw. Rahmenbedingungen als auch eine Schaden-Nutzen-Analyse einzuschließen. Des Weiteren sollte eine verpflichtende retrospektive Beurteilung von Tierversuchen integriert werden. Letztere würde einen sehr wichtigen Beitrag hinsichtlich der stetigen Optimierung zukünftiger Evaluationen von Tierversuchsanträgen leisten.

Im Laufe des Tages wurden unterschiedliche Konzepte wie Checklisten, Punktesysteme („Scoring Systems“) oder komparativ angelegte Methoden vorgestellt. Die Mehrheit der ExpertInnen betonte hierbei die Wichtigkeit unabhängiger und ausgewogen besetzter Kommissionen. Diese geben ein Votum darüber ab, ob die Anträge einer angemessenen ethischen Evaluation standhalten. In diesem Zusammenhang wurde auch die Einbindung der Öffentlichkeit, das heißt fachfremder Personen, sowie von VertreterInnen der Tierschutzorganisationen diskutiert. Die Bedeutung der Einbindung der Öffentlichkeit wurde insbesondere im Sinne von mehr Transparenz im Zusammenhang mit Tierversuchen gesehen. Darüber hinaus würde die Berücksichtigung der Meinung der BürgerInnen dazu beitragen, bei der ethischen Evaluation von Tierversuchsanträgen dem Zeitgeist zu folgen.

Im Zuge der intensiven Debatten wurden jedoch nicht nur Standpunkte dargelegt und erörtert. Viel wichtiger schienen häufig die aufgeworfenen Fragen zu sein, deren Beleuchtung und Beantwortung ein essentieller Teil des Projektes am Messerli Forschungsinstitut sein wird. So wurde als Antwort auf die Frage nach dem Ziel, das mithilfe eines Kriterienkataloges und einer Schaden-Nutzen-Analyse erreicht werden soll, sowohl die Verbesserung der Forschung angeführt (u. a. durch eine Evaluation der Methoden) als auch der Schutz der Versuchstiere (u. a. durch eine Abwägung des zu erwartenden Nutzens durch einen Tierversuch und seine Gegenüberstellung mit den Belastungen der Versuchstiere).

Auf die Frage nach der möglichen Form einer optimalen Schaden-Nutzen-Analyse wurden als erste Anregung die bereits erwähnten Checklisten genannt. Diese würden die ethische Abwägung erleichtern und das Treffen einheitlicher Entscheidungen fördern. Als weiterer Vorschlag wurde eine Kombination aus Checkliste und Punktesystem diskutiert. Beide Werkzeuge werden bei der Evaluation von Tierversuchsanträgen bereits in unterschiedlichen Formen eingesetzt. Ein dritter Vorschlag war eine Strategie, bei der anhand paradigmatischer Fälle einzelne Programme vergleichend bewertet werden. Die Herausforderung für das Messerli Forschungsinstitut besteht darin, die Vor- und Nachteile der Methoden abzuwägen und vor dem Hintergrund der österreichischen Gesetzgebung ein adäquates Modell zu erstellen.

Eine große Gefahr, die es bei der Entwicklung eines Kriterienkataloges zu vermeiden gelte, sei laut ExpertInnen eine Überbürokratisierung. Der Katalog müsse nutzerInnenfreundlich und ein Hilfsmittel bei der Schaden-Nutzen-Analyse sein, das zum intensiveren Nachdenken über den einzelnen Tierversuch einlädt.

Ein bedeutender Punkt wurde am Ende des Symposiums genannt: Bei der Entwicklung des österreichischen Kriterienkataloges muss es dem Messerli Forschungsinstitut gelingen, einen Katalog zu erstellen, der auch auf längere Sicht als optimales Werkzeug bei der Schaden-Nutzen-Analyse von Tierversuchsanträgen fungieren kann. Hierzu bedarf es einer gewissen Flexibilität in der „Werkzeugkiste“, die Spielraum für neue ethische Fragestellungen und Entwicklungen in der Forschung lässt.

In einer resümierenden Abschlussrunde stellten die ExpertInnen des Symposiums fest, dass der tatsächliche Einfluss, den die Evaluation von Tierversuchsanträgen selbst anhand des besten Kriterienkataloges auf die Qualität der Forschung und den Tierschutz haben wird, letztendlich ganz entscheidend von den rechtlichen Grundlagen und vom politischen Willen abhängt.

Programm 1

Liste der ReferentInnen 2

 

Am 28.03.2013 folgte ein Workshop, bei dem sich einige ReferentInnen über aktuelle Fragen in der angewandten Tierehik austauschten.

Programm des Workshops mit TeilnehmerInnenliste 3

  

Informationen für JournalistInnen

Rückfragen:

Karoline Bürger, BSc 4

Tel.: +43 1 25077-2671