Reproduktionsstrategien des Wildschweins (Sus scrofa): Grundlagen für ein effektives Wildtiermanagement

Frischling
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Wildschwein- bachen
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Das Forschungs- gehege
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Forscherin im Gehege
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Schlamm- suhlendes Wildschwein
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Suhlende Bache mit Frischlingen
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Wildschwein im Schnee
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Wildschwein- spuren im Schnee
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Ein neugieriger Blick
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Das Wildschwein (Sus scrofa) ist eine Tierart mit enormen Reproduktionspotential. Dabei ist die Reproduktion stark beeinflusst von der Nahrungsverfügbarkeit (z.B. Buchen- oder Eichelmast). Wildschweine reagieren außerordentlich schnell und stark auf diese, sich ständig ändernden Nahrungsverfügbarkeiten (pulsed resources) und können zudem auch noch ein sehr hohes Alter erreichen. Die Kombination aus diesen extrem schwankenden life-history Parametern macht das Wildschwein zu einer außerordentlich spannenden Tierart um Wechselwirkungen (sog. trade offs) und langfristige Effekte von unterschiedlichen Umweltbedingungen auf die Populationsentwicklung zu untersuchen.

Mit Hilfe eines experimentellen Ansatzes untersuchen wir in diesem Forschungsprojekt gezielt die Reproduktionsstrategien des Wildschweins, insbesondere den Einfluss der frühen Reproduktion.

Ein Grundsatz der life-history-Theorie ist, dass eine hohe Investition in die aktuelle Fortpflanzung mit geringerem zukünftigem Reproduktionserfolg oder auch mit einer kürzeren Lebenszeit ‚bezahlt’ werden muss. Neuere Untersuchungen belegen jedoch, dass es auch Individuen gibt, die beides haben können: ein langes Leben und viel Nachwuchs. Aus evolutionsbiologischer Sicht stellt sich nun natürlich die Frage, warum solche Genotypen, mit offensichtlich hoher fitness im evolutionsbiologischen Sinn, sich in einer Population nicht vollständig durchsetzen. Eine mögliche Erklärung für diese Befunde ist, dass wechselnde Umweltbedingungen dazu führen, dass jeweils verschiedenen Genotypen (und auch Phänotypen) in einer Population wechselnde Vorteile haben. Diese evolutionsbiologische und ökologische Grundlagenforschung hat ein hohes Potential an praktischer Bedeutung für das Management von Populationen.

In Mastjahren der Buche oder Eiche finden Wildschweine Futter im Überfluss und reagieren mit einer frühen Reproduktion (Weibchen < 1 Jahr). Allerdings kommen nur etwa 50% der jungen Weibchen (Frischlingsbachen) zur Reproduktion. Wie aber ist der Reproduktionserfolg dieser Jungtiere in den Folgejahren? Ist ein später Beginn der Fortpflanzung nur die unausweichliche Folge schwacher Kondition bei einem Teil der Tiere, oder gibt es tatsächlich unterschiedliche life-history Strategien (Genotypen), die durch die Vor-und Nachteile eines frühen bzw. verzögerten Reproduktionsbeginns gekennzeichnet sind? Da fast all unsere Kenntnisse über die Reproduktion bei Wildschweinen auf Jagdstreckenanalysen basieren, wissen wir praktisch nichts über langfristige Effekte (z.B. trade offs) unterschiedlichen Reproduktionsbeginns bei dieser Tierart.

Um diese Fragen zu beantworten haben wir drei methodische Ansätze gewählt:

A) Konsequenzen früher Reproduktion

In einem Fütterungsexperiment (Mastsituation im ersten Lebensjahr) sollen in zwei Gehegen gleichaltrige Bachen gehalten werden. Während in dem Kontrollgehege die Tiere natürlich mit der Reproduktion beginnen, soll im Versuchsgehege die Reproduktion im 1. Lebensjahr verhindert werden (keine Männchen im Gehege). Parameter wie Wurfzeitpunkte und Wurfgröße sollen dabei über drei Jahre registriert und verglichen werden, ebenso wie die Gewichtsentwicklung der Tiere und Umweltfaktoren.

B) Vererbung: Die im Zuchtgatter geborenen Jungtiere sollen über mehrere Jahre untersucht werden, um die Erblichkeit verschiedener Reproduktionsparameter (z.B. Wurfzeitpunkt, Reproduktionsbeginn) zu erfassen. Die Jungtiere (Nachzucht) werden dazu jedes Jahr in ein Jagdgehege entlassen und beobachtet. In den jährlichen Jagdstrecken soll der Genitaltrakt der geschossenen Nachzuchttiere untersucht werden (Erfassung der potentiellen Wurfgröße).

C) Populationsdynamik: Mit den gewonnenen Daten wollen wir evolutionsbiologische und populations-ökologische Prozesse modellieren. Diese Modelle sollen als Grundlage für effiziente Managementpläne des Wildschweins dienen.

Wirtschaftlicher Nutzen

Das gezielte und wissenschaftlich fundierte Management von freilebenden Wildschweinpopulationen, das eine Kontrolle, bzw. die Dezimierung überhöhter Bestände zum Ziel haben muss, ist von großem volkswirtschaftlichem Interesse. Hohe Dichten des Wildschweins sind z.B. Infektionsquellen und Reservoirs der Klassischen Schweinepest und damit ein Gefahrenpotential für Schweinemastbetriebe. Felder und Grünflächen werden durch Wildschweine in beträchtlichem Umfang zerstört. Insgesamt belaufen sich die durch Wildschweine verursachten Schäden derzeit in Europa auf mehrere Millionen Euro pro Jahr. Bei der Entwicklung geeigneter Jagdstrategien ist es jedoch wichtig zu wissen, welche Tiere einer Population in welcher Intensität und zu welchem Zeitpunkt bejagt werden sollten. Je nach Umweltbedingung können diese Zielvorgaben unterschiedlich sein, sind aber essentiell, um die Populationsentwicklung möglichst effizient in die gewünschte Richtung zu lenken. Die Tatsache, dass etwa 20 Arbeitsstunden benötigt werden, um in der Ansitzjagd ein Wildschwein zu erlegen, macht deutlich wie wichtig es ist, gezielt solche Alters- bzw. Größenklassen zu eliminieren, die je nach aktuellen Bedingungen einen besonders hohen Beitrag zum Populationswachstum leisten.   

Neben der volkswirtschaftlichen Bedeutung haben die erwarteten Forschungsergebnisse auch ein hohes Potential zur Optimierung der Bewirtschaftung von Wildschweinen in  jagdwirtschaftlichen Betrieben. Wildschweine werden europaweit in Jagdgehegen gehalten und gezüchtet. In Jagdgehegen könnten durch die Auswahl von geeigneten Zuchttieren und einer angepassten Fütterung  Jagderfolge maximiert und der Gewinn gesteigert werden. Hier ist z.B. von Interesse ob und in welchem Ausmaß Merkmale wie Wurfgröße und Kondition vererbt werden. Darüber hinaus ist in diesem Zusammenhang  die Kenntnis langfristiger Auswirkungen unterschiedlicher Reproduktionsstrategien wichtig, da die frühe Reproduktion kurzfristig zwar den Zuchterfolg steigern, dauerhaft eventuell aber deutliche Nachteile (etwa hinsichtlich Anzahl und Kondition späterer Nachkommen) mit sich bringen könnte. Es kann daher davon ausgegangen werden, dass diese Grundlagenforschung zur life-history von Wildschweinen europaweit auf großes Interesse stoßen wird.

Projekt Laufzeit 2011-2015

 
Wildschweinbachen mit Frischlingen
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