Schutz für europäische Alpen: Auf der Suche nach den großen Fragen

Foto eines typisches Alpentals mit durch menschliche Nutzung stark fragmentierten Lebensräumen für Pflanzen und Tiere

Typisches Alpental mit durch menschliche Nutzung stark fragmentierten Lebensräumen für Pflanzen und Tiere (Foto: L. Fureder)

Eine der wichtigsten Aufgaben von Wissenschaftern ist es, die richtigen Fragen zu stellen. Besonders schwierig wird das dann, wenn das Forschungsfeld so breit ist wie zum Beispiel das der Erhaltung von Biodiversität. Erstautor Chris Walzer vom Forschungsinstitut für Wildtierkunde und Ökologie der Vetmeduni Vienna und eine Reihe internationaler Kollegen haben nun die fünfzig wichtigsten Fragen veröffentlicht, die ihrer Einschätzung nach für die Erhaltung und Wiederherstellung eines ökologischen Kontinuums in den europäischen Alpen wichtig sind. Ihr Artikel ist soeben in der angesehenen Onlinezeitschrift „PLoS ONE“ erschienen.

Die europäischen Alpen erstrecken sich über acht Länder, von Frankreich bis Slowenien. Sie bieten eine enorme Vielfalt an Lebensräumen für Pflanzen und Tiere, die nirgendwo sonst zu finden sind. Damit werden sie als eine der bedeutendsten Regionen für die Erhaltung von Artenvielfalt, Biodiversität genannt, in Europa angesehen. Doch sind sie nicht nur ein Naturparadies, denn sie dienen auch als Arbeitsplatz für 14 Millionen Menschen und sind zudem Reiseziel für über 100 Millionen Touristen pro Jahr. Die Nutzung der alpinen Landschaft durch den Menschen führt zu einer immer stärkeren Fragmentierung der Lebensräume von Pflanzen- und Tierpopulationen. Um diese Prozesse aufzuhalten oder gar umzukehren, braucht man Forschungsarbeit. Doch welcher der vielen möglichen Themen sollen sich die Forschenden in Zukunft bevorzugt annehmen?

Fragen im Team erarbeitet

Gemeinsam mit 15 Kolleginnen und Kollegen aus sechs europäischen Ländern (Österreich, Frankreich, Italien, Liechtenstein, Schweiz und Großbritannien) berichtet Chris Walzer vom Forschungsinstitut für Wildtierkunde und Ökologie der Veterinärmedizinischen Universität Wien (Vetmeduni Vienna) jetzt über ihr Projekt, die fünfzig wichtigsten Fragen für die Erhaltung der Biodiversität in den Alpen zu finden. Im Rahmen eines Workshops wählte ein Team aus 48 Vertretern aus der Forschung, der Arterhaltungspraxis, von Nichtregierungsorganisationen, der Politik und der Verwaltung in der Alpenregion die 50 wichtigsten Fragen aus knapp 500 ursprünglichen Fragen aus und ordnete sie nach bestimmten Themengebieten.

Fragmentierte Strukturen

Wenig überraschte, dass sich knapp die Hälfte der Fragen mit Fragen der Natur beschäftigte, und hier besonders mit den Themen Management und Recht, der Politik und der Planung. Nur fünf der Fragen betreffen den Menschen selbst. Mehr als die Hälfte der ausgewählten Fragen befassten sich mit mehreren Themengebieten, was die Wichtigkeit transdisziplinärer Zusammenarbeit bei der Beantwortung unterstreicht. Auf dem Workshop wurde zudem eine Grafik erarbeitet, die die Verbindungen zwischen den einzelnen Fragen darstellt. Walzer beschreibt die Darstellung zwar als „visuelles Chaos“, stellt aber fest, dass sie damit die fragmentierte Struktur von Gesellschaft, Politik und Verwaltung widerspiegelt, wenn es um Umweltfragen geht. Die Studie sollte letztlich eine Fragenliste ohne Reihung nach Wichtigkeit der Themen liefern. Dennoch machte die Tatsache, dass die Beantwortung bestimmter Fragen Antworten auf  andere der Fragen voraussetzten, eine bestimmte Reihung nötig.

Hilfe beim Setzen von Prioritäten

Die nun vorliegende Auswahl der „50 wichtigsten Fragen“ ist wohl auch subjektiv. Beispielsweise hat nur ein Vertreter der Politik an dem Workshop teilgenommen, wie die Autoren bedauern. Die Vielfalt der Sprachen, die am Workshop gesprochen wurden, war eine weitere Schwierigkeit dabei, die Fragen präzise zu formulieren. Dennoch hat die Liste an Forschungsfragen, die aus dem Workshop hervorgegangen ist, eine große Bedeutung dafür, welche Prioritäten bei der Bewahrung und Wiederherstellung der Biodiversität im Alpenraum gesetzt werden.

„Keine einfachen Antworten“

Walzer fühlt sich durch die Ergebnisse des Workshops bestätigt und ermutigt: „Das gesamte Verfahren verlief zwar schnell und kostengünstig, hat uns aber dennoch wichtige Hinweise darauf gegeben, in welche Richtung die Biodiversitätsforschung in Zukunft gehen kann. Viele der Umweltprobleme in den Alpen sind schwierig zu beantworten, manche sogar super-schwierig. Da gibt es keine einfachen Antworten, die einer allein geben kann. Bisher haben wir solche Antworten eher in die Zukunft verschoben, obwohl die Zeit dafür mittlerweile knapp wird. Dank des Workshops haben wir nun eine Idee davon, wie wir beginnen können, die Fragen mit Forschung zu beantworten.“

 

Die Studie “The 50 most Important Questions relating to the Maintenance and Restoration of an Ecological Continuum in the European Alps” der Autoren Chris Walzer, Christine Kowalczyk, Jake M. Alexander, Bruno Baur, Giuseppe Bogliani, Jean-Jacques Brun, Leopold Füreder, Marie-Odile Guth, Ruedi Haller, Rolf Holderegger, Yann Kohler, Christoph Kueffe, Antonio Righetti, Reto Spaar, William J. Sutherland, Aurelia Ullrich-Schneider, Sylvie N. Vanpeene-Bruhier und Thomas Scheurer ist soeben in der Open-Access-Zeitschrift “PLoS ONE“ erschienen.

(Web-Redaktion am 15.01.2013)

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