Die Siedler im Darm

31.05.2013 - Dass Darmbakterien nicht nur unangenehme Krankheiten verursachen können, sondern auch nützliche Eigenschaften für die Gesundheit von Mensch und Tier haben, ist nicht mehr neu. Im Darm findet sich ein komplexes Ökosystem von Bakterien, das sich innerhalb der ersten Lebensjahre etabliert. Wie sich diese Bakteriengesellschaften bei Wildvögeln entwickeln und welche Bakterien sich bevorzugt im Darm ansiedeln, war Gegenstand der wissenschaftlichen Arbeit von Wouter van Dongen von der Vetmeduni Vienna. Die Ergebnisse der Studie wurden vor kurzem im Journal BMC Ecology veröffentlicht.

Gastrointestinale Bakterien haben wichtige Funktionen für die Verdauung, das Immunsystem und die Gesundheit allgemein. Wissenschafter vom Konrad-Lorenz-Institut für Vergleichende Verhaltensforschung der Vetmeduni Vienna haben gemeinsam mit Kollegen am Labor für Biodiversität und Evolution (Universität Toulouse) und dem US Amerikanischen Geological Survey in Anchorage die bakterielle Zusammensetzung im Darm von wild lebenden Dreizehenmöwen (Rissa tridactyla) studiert.

Unterschiedliche Darmbakterien bei Jung und Alt

Die Wissenschafter untersuchten 22 Erwachsene und 21 Küken der Dreizehenmöwe, um die Besiedlung des Darmes zu verschiedenen Zeitpunkten im Leben der Wildvögel zu erforschen. Zur Überraschung der Forscher fanden sich im Darm von Küken vorwiegend andere Bakterien als im Darm der erwachsenen Vögel. Lediglich sieben Bakterienstämme aus einer Gesamtzahl von 64 gefundenen Arten kamen in allen Altersgruppen vor. Zudem konnten die Forscher in den Küken generell eine größere Vielfalt verschiedener Bakterien identifizieren als in den älteren Tieren. Erwachsene Vögel verfügten insgesamt über eine höhere Gesamtzahl an Bakterien im Vergleich zu jungen Tieren.

Vom Sammelsurium in der Jugend zur stabilen Kultur im Erwachsenenalter

Insgesamt fanden die Forscher eine reiche Vielfalt verschiedenster Bakterien in den Küken der Federtiere. Im Vergleich dazu nahm diese Diversität bis zum Erwachsenenalter der Tiere ab. Die Forscher erstaunte, dass Küken und erwachsene Vögel sich lediglich in sieben Bakterienstämmen, von insgesamt 64 identifizierten Stämmen, ähnelten. Van Dongen erklärt: „Wir waren sehr überrascht, dass die Bakterien, die wir im Verdauungstrakt der Küken nachweisen konnten, so verschieden von denen bei erwachsenen Vögeln sind. Angesichts der Tatsache, dass die Küken ein Nest mit den erwachsenen Eltern teilen und auch  vorgekaute Nahrung ihrer Eltern aufnehmen, erwarteten wir eine größere Übereinstimmung.“ Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass Jungvögel vielen verschiedenen Bakterienquellen ausgesetzt sind. Werden die jungen Vögel älter, verringert sich auch die Vielfalt der Bakterien im Darm. Bestimmte Bakteriengruppen bleiben erhalten und entwickeln sich zur stabilen Gesellschaft, andere wiederum verschwinden.

Ursachenforschung der Darmbesiedelung

Bereits in früheren Studien wurde die Veränderung der Bakterienkomposition im Darm im Laufe des Alterns von Vögeln untersucht. Der Wandel im Laufe der Reifung der Vögel könnte mit der veränderten chemischen Zusammensetzung, die sich mit dem Alter der Tiere einstellt, einhergehen. Ebenso könnte die Nahrungsumstellung eine Rolle spielen.  Auch der Überlebenskampf zwischen den verschiedenen Bakterienstämmen könnte ausschlaggebend für die Unterschiede bei der Darmbesiedelung sein. Darüber hinaus könnte ein weiter entwickeltes Immunsystem bei den erwachsenen Tieren Druck auf die Mikroben im Darm ausüben. In jedem Fall sind weitere Studien nötig, um die Ursachen der Besiedelung und die entsprechenden Auswirkungen auf die Gesundheit und Krankheit bei Wildvögeln zu erforschen.

 

Der Artikel “Age-related differences in the cloacal microbiota of a wild bird species“ von Wouter van Dongen, Joël White, Hanja Brandl, Yoshan Moodley, Thomas Merkling, Sarah Leclaire, Pierrick Blanchard, Étienne Danchin, Scott Hatch und Richard Wagner wurde im Journal BMC Ecology publiziert. 13:11 doi:10.1186/1472-6785-13-11.  [Link 1]

 
 

Pressefoto

Dreizehenmöwe mit ihren Jungen (<i>Rissa tridactyla</i>) (Foto: Joel White)
Dreizehenmöwe mit ihren Jungen (Rissa tridactyla)

 

Rückfragehinweis

Wouter van Dongen PhD.


 

Aussenderin

Mag.phil. Heike Hochhauser
E-Mail an Heike Hochhauser senden  [Link 3]