Seitensprung mit Folgen: Untreue und Vaterschaft beim Teichrohrsänger

16.05.2013 - Affären und Seitensprünge sind auch im Tierreich nicht ausgeschlossen. Manche Tierarten, die eigentlich monogam leben, suchen sich ab und zu Paarungspartner außerhalb der festen Bindung. So eine sexuelle Begegnung erhöht potenziell den Fortpflanzungserfolg der Tiere. Wie kann jedoch ein Männchen sicher gehen, ob die gezeugten Nachkommen im Nest auch von ihm selbst abstammen und nicht von einem erfolgreicheren Nebenbuhler? Herbert Hoi und seine Kollegen vom Konrad-Lorenz-Institut für Vergleichende Verhaltensforschung der Vetmeduni Vienna haben gemeinsam mit Forschern der Slowakischen Akademie der Wissenschaften dazu eine Reihe an Experimenten mit dem Teichrohrsänger durchgeführt. Sie fanden heraus, dass die Männchen ihre Mitbewerber mit aggressivem Verhalten verjagen und versuchen „ihre“ Partnerinnen zu überwachen. Sind die Nachkommen aber erst einmal da, sind die Väter mit vollem Einsatz für die Jungen da, ganz egal wer der Erzeuger war.

Teichrohrsänger (Acrocephalus scirpaceus) leben prinzipiell monogam, verteidigen ihr Territorium und ziehen ihre Nachkommen partnerschaftlich groß. Die Wissenschafter am Konrad-Lorenz-Institut für Vergleichende Verhaltensforschung der Vetmeduni Vienna untersuchten in ihrer Studie erstmals das Verhalten der Teichrohrsänger nach einem potenziellen Seitensprung der Weibchen. Wie geht das Männchen mit einem Mitbewerber um und wirkt sich eine Affäre auf die Pflege der Nachkommen aus? Um diese Fragen zu beantworten wurden 31 Teichrohrsänger-Vogelpärchen während der fruchtbaren Tage des Weibchens potenzielle männliche Sexualpartner in einem Käfig präsentiert. Zusätzlich spielten die Forscher männlichen Vogelgesang ein. Die Wissenschafter beobachteten einerseits die Nestbauaktivität der Vögel, die Fütterung der Nachkommen und bestimmten über DNA-Analysen auch die Vaterschaftsverhältnisse.

Kampf gegen den Nebenbuhler

Aus vorangegangenen Beobachtungen ist bekannt, dass Teichrohrsänger ihr Territorium vehement vor Eindringlingen verteidigen. Dieses Verhalten wird als Schutz vor Fremdvaterschaft interpretiert. Herbert Hoi und seine Kollegen konnten beobachten, dass alle Männchen sofort auf den Eindringling im Käfig reagierten. Wenn sich dann auch noch das entsprechende Weibchen für den Mitbewerber interessierte, wurden die Männchen umso aggressiver und griffen auch ihre Partnerinnen an. Die Hälfte der beobachteten Weibchen begab sich allerdings nicht einmal in die Nähe des Eindringlings. Hoi meint hierzu: „Wir denken, dass Männchen umso aggressiver agieren, wenn die eigene Partnerin anwesend ist. Einerseits geht es hier um ein Zurschaustellen der eigenen Männlichkeit in Gegenwart des Weibchens, andererseits muss das Männchen darum kämpfen, seine Partnerin nicht an den Herausforderer zu verlieren.“

„Kuckuckskinder“ im Nest

Die Forscher stellten fest, dass viele der untersuchten Nester Küken, die außerhalb der festen Paarbindung gezeugt wurden, beherbergten. Auch in der Kontrollgruppe, in der kein männlicher Eindringling präsentiert wurde, konnten fremde Nestlinge nachgewiesen werden. Weibchen, die sich sehr um die Aufmerksamkeit des Eindringlings bemühten, wiesen später eine höhere Zahl an „Fremd-Nachkommen“ im Nest auf. Zusätzlich konnten die Forscher beobachten, dass größere Weibchen tendenziell öfter zum Seitensprung neigen als kleinere.

Betrogene Männchen sind fürsorgliche Väter

Anschließend untersuchte das Forscherteam, ob fremde Küken im Nest das Fürsorgeverhalten der Eltern beeinflussen. Die Ergebnisse waren überraschend: Männchen scheinen die Nachkommen mit derselben Sorgfalt zu pflegen, egal ob es ihre eigenen sind oder nicht. Weibchen hingegen, die zuvor mit einem zweiten Bewerber konfrontiert wurden, sorgten signifikant schlechter für ihre Jungen. Möglicherweise kümmern sich Männchen gleichwertig um alle Nachkommen, weil sie nicht nachvollziehen können, ob die Jungen ihre eigenen sind oder nicht. Weibchen hingegen stufen ihren Partner, der den Kontrahenten nicht erfolgreich abwehren konnte, eher als schwach ein. Deshalb investieren die Mütter wahrscheinlich weniger in die gemeinsamen Nachkommen. Den männlichen Teichrohrsängern bleibt also nichts anderes übrig, als einen potenziellen Nebenbuhler so schnell wie möglich zu vertreiben, um so die eigene Nachkommenschaft zu sichern.

„Experimentally Simulating Paternity Uncertainty: Immediate and Long-Term Responses of Male and Female Reed Warblers Acrocephalus scirpaceus.“ von Herbert Hoi, Ján Krištofík, and Alžbeta Darolová wurde am 29. April 2013 im Online Journal PLOS ONE publiziert. 8(4): e62541. doi:10.1371/journal.pone.0062541.

 

 
 

Pressefoto

Teichrohrsänger (<i>Acrocephalus scirpaceus</i>) (Foto: Matthias Barby)
Foto eines Teichrohrsängers

 

Rückfragehinweis

Dr. Herbert Hoi
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Aussenderin

Mag. (FH) Felizitas Theimer
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