Pestivirus als Erreger des epidemischen „Ferkelzitterns“ in Österreich identifiziert

13.01.2017: Wenn direkt nach der Geburt ein heftiges Zittern bei Ferkeln auftritt, dann ist nicht immer Kälte die Ursache. Auch in Österreich tritt seit Jahrzehnten eine Form des Ferkelzitterns auf  die durch eine schon im Mutterleib auftretende, neurologische Schädigung der Feten verursacht wird.  Als Auslöser für diese Veränderungen wurde schon seit langem ein infektiöses Agens vermutet. Forschende der Vetmeduni Vienna konnten nun dank eines neu entwickelten Tests atypische porzine Pestiviren bei Zitterferkeln in Österreich nachweisen. Obwohl erkrankte Ferkel meist innerhalb von Wochen genesen, bleibt das Virus über Monate in Speichel und Sperma nachweisbar. Daher besteht die Möglichkeit der sexuellen Übertragung des atypischen Pestivirus. Die Ergebnisse dieser Untersuchungen wurden in der Fachzeitschrift Veterinary Research veröffentlicht.

Berichte über „Zitterferkel“ gibt es bereits seit etwa 100 Jahren. Aufgrund der Epidemiologie wurde seit Längerem eine infektiöse Ursache für das angeborene Zittern der Saugferkel  (kongenitaler Tremor) vermutet. Einem Forschungsteam der Vetmeduni Vienna ist es nun gelungen, sogenannte „atypische porzine Pestiviren“ (APPV) als wahrscheinliche Ursache der rätselhaften Krankheit zu bestätigen. Diese Erreger konnten mit einem neu entwickelten Testverfahren in sieben betroffenen österreichischen Betrieben nachgewiesen werden.

Angeborenes Zittern kann lebensbedrohlich sein

„Abhängig von der Ausprägung erschwert das angeborene Zittern die Milchaufnahme“, sagt Erstautor Lukas Schwarz, Veterinärmediziner der Universitätsklinik für Schweine. „Die frühzeitige Versorgung mit Muttermilch ist aber überlebenswichtig“, erklärt Schwarz die Situation. Bei Ferkeln, die trotz des Zitterns überleben, gehen die Symptome nach den ersten drei bis vier Wochen zurück. Bis zu 30 Prozent Ausfälle bei betroffenen Saugferkeln sind möglich, wobei zusätzlich ein erhöhter Pflegeaufwand für die SchweinezüchterInnen besteht.

Sexuelle Übertragung wahrscheinlich

Bei den früher häufigen Ausbrüchen der klassischen Schweinepest wurden regelmäßig zitternde Ferkel beobachtet. „Die ersten verfügbaren Sequenzen der in den USA entdeckten atypischen Pestiviren brachte uns auf die Spur“, so die zweite Erstautorin, Virologin Christiane Riedel. „Durch die Sequenzdaten konnten nun auch österreichische APPV-Stämme identifiziert werden", berichtet Letztautor Benjamin Lamp. APPV wurde dabei nicht nur regelmäßig in akut erkrankten Zitterferkeln gefunden, sondern das Virus blieb darüber auch noch Monate nach der Genesung in den Tieren nachweisbar. „Vor allem der Nachweis in der Samen- und Speichelflüssigkeit eines geschlechtsreifen Ebers wirft ein völlig neues Licht auf die Ausbreitung des Erregers“, so Riedel. „Das Virus scheint dauerhaft in manchen Tieren zu persistieren, selbst wenn keine Symptome mehr sichtbar sind. Da wir den Erreger im Sperma eines ehemaligen Zitterferkels nachweisen konnten besteht die Möglichkeit der sexuellen Übertragung des Virus.“

Zittern als Folge von Schäden im zentralen Nervensystem 

Das Virus infiziert die Ferkel während der Trächtigkeit und stört wahrscheinlich die Entwicklung des zentralen Nervensystems. Darauf lassen Veränderungen im Bereich der Nervenfasern schließen. Zum Geburtszeitpunkt zeigen Zitterferkel im Rückenmark eine unzureichende Ausbildung von Myelinscheiden. Myelinscheiden umgeben die Nervenfasern und beschleunigen die Reizleitung. Es bleibt zu klären, wie genau APPV das Nervensystem schädigt. Pränatale Schädigungen des ZNS werden auch von weiteren Mitgliedern der Familie der Flaviviridae, wie z.B. dem humanmedizinisch relevanten Zikavirus, hervorgerufen.  

Interdisziplinäre Kooperation führte zu Ergebnis

Das Ergebnis der Studie führt Schwarz vor allem auf die effiziente Zusammenarbeit der KooperationspartnerInnen aus der Universitätsklinik für Schweine, des Instituts für Virologie, des Instituts für Pathologie und Gerichtliche Veterinärmedizin sowie der niedergelassenen TierärztInnen zurück. „Mit den jetzt zur Verfügung stehenden diagnostischen Möglichkeiten können wir klären, wie weit das Virus in Österreich verbreitet ist und ob es möglichwerweise auch für weitere Krankheiten beim Schwein verantwortlich ist.“

Der Artikel „Congenital infection with atypical porcine pestivirus (APPV) is associated with disease and viral persistence“ von Schwarz L., Riedel C., Högler S., Sinn LJ., Voglmayr T., Wöchtl B., Dinhopl N., Rebel-Bauder B., Weissenböck H., Ladinig A., Rümenapf T´., Lamp B. wurde im Journal Veterinary Research publiziert. [Link 1]

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Pressefoto

Neugeborene Ferkel können an einem auffälligem Zittern leiden. Die Ursache dafür ist ein bislang nicht identifizierbares Virus, ein atypisches porzines Pestivirus. (Foto: Michael Bernkopf/Vetmeduni Vienna)
Ferkel
Der Tremor kann mitunter so heftig sein, dass die Ferkel nicht an den Zitzen der Muttersau saugen können. Direkt nach der Geburt ist der erste Schluck Milch aber überlebenswichtig. (Foto: Universitätsklinik für Schweine/Vetmeduni Vienna)
Wurf

 

Rückfragehinweis

Wissenschaftlicher Kontakt

Dr.med.vet. Lukas Schwarz

Universitätsklinik für Schweine

Veterinärmedizinische Universität Wien (Vetmeduni Vienna)

T +43 25077 6848

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und

Dr.med.vet. Benjamin Lamp, PhD

Institut für Virologie

Veterinärmedizinische Universität Wien (Vetmeduni Vienna)

T +43 25077 2709

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T +43 1 25077-1165
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