Winterschlaf und Reproduktion bei Siebenschläfern (Glis glis)

Siebenschläfer mit Jungen

 

Birgit Rotter und Karin Lebl im Forschungs- gebiet

Dr.C. Bieber besichtigt einen Nistkasten

Siebenschläfer lieben Eicheln

Von Nistkasten zu Nistkasten mit der Leiter

Dr.Ruf holt Siebenschläfer aus der Nestbox

Siebenschläfer (Glis glis) sind kleine (100 g) Winterschläfer mit einem ungewöhnlichen Lebenszyklus: Sie reproduzieren erst spät im Sommer und nur in Jahren in denen Buchen ausreichend Bucheckern als Nahrung für die Jungenaufzucht produzieren. Fehlen die Bucheckern, können ganze Populationen nicht-funktionelle Geschlechtsorgane während des Sommers beibehalten und die Fortpflanzung aussetzen. Durch Zufütterung bei einem Teil einer Siebenschläferpopulation im Wienerwald konnten wir zeigen, dass die Tiere die Verfügbarkeit energiereicher Nahrung (z.B. Fruchtknospen) im Frühling zur Vorhersage einer bevorstehenden hohen Samenproduktion der Bäume nutzen. Interessanterweise scheint die Nahrung in diesem Fall als reines Umweltsignal genutzt zu werden und nicht als Quelle für Energievorräte (wie etwa Fettspeicher). Wir fanden auch, dass Weibchen zur Feinabstimmung ihrer Investition in Fortpflanzung die lokale Verfügbarkeit alter Buchen nutzen, die auch in Jahren generell  moderater Samenproduktion noch ausreichend Futter liefern. Diese Ergebnisse belegen, dass Siebenschläfer extrem gut an „pulsierende Ressourcen“, also stark schwankende Nahrungsverfügbarkeit angepasst sind.

Unsere Ergebnisse zeigen auch, dass – sofern in aufeinanderfolgenden Jahren reichlich Nahrung vorhanden ist – Siebenschläfer häufig reproduzieren und früh sterben. Entgegen unseren Erwartungen tritt der Tod aber nicht während des Winterschlafs – etwa aufgrund aufgebrauchter Energievorräte – ein. Ein Vergleich von Populationen in ganz Europa zeigte, dass Siebenschläfer den Winter extrem gut überleben und hauptsächlich im Frühjahr und Sommer sterben, wenn der Beutegreiferdruck am höchsten ist. In Jahren, in denen sie die Fortpflanzung aussetzen, können die Tiere sogar in ihre Winterschlafbauten zurückkehren und den ganzen Sommer im „Schlafzustand“ verbringen, womit sie sich ihren Raubfeinden entziehen. Siebenschläfer, die sich nur selten fortpflanzen, können folglich ein Lebensalter erreichen, das für ein Tier dieser Größe enorm hoch ist.

In einer Folgestudie stellte sich heraus, dass Überlebensraten während des Winterschlafs bei Säugetieren generell sehr hoch sind. Diese vergleichende Untersuchung zeigte auch, dass insbesondere kleine Winterschläfer deutlich länger leben als nicht-winterschlafende Säugetiere und eine langsamere „Lebensgeschwindigkeit“ haben, d.h. sie reproduzieren seltener, erreichen die Geschlechtsreife später und haben längere Generationszyklen.

Unsere Ergebnisse wecken daher Zweifel an der üblichen Sicht von Winterschlaf als einer „Strategie des letzten Auswegs“, die nur bei Nahrungsknappheit eingeschlagen werden sollte. Die Ergebnisse diese Projekts lassen vielmehr darauf schließen, dass die Vermeidung von Raubfeinden – und die damit erhöhte Langlebigkeit – eine der wichtigsten Selektionskräfte während der Evolution des Winterschlafs gewesen sein könnte.

 

 

Laufzeit 2009-2012

 

Wissenschaftlicher Kontakt am FIWI:

A.Univ.Prof.Dr.rer.nat Thomas Ruf, Forschungsinstitut für Wildtierkunde und Ökologie / Vetmeduni Vienna, Tel.:+43 (1) 4890915150, Email: thomas.ruf@fiwi.at [Link 1]

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Der Lebensraum der Siebenschläfer im Herbst

 

Projektpartner

Gefördert durch den Fonds zu Förderung der wissenschaftlichen Forschung (FWF) Projekt Nummer P20534-B17


 

Fritz-Frank-Preis für exzellente Forschung

Im Rahmen der 85. Jahreskonferenz der Deutschen Gesellschaft für Säugetierkunde wurde Frau Dr. Karin Lebl vom Forschungsinstitut für Wildtierkunde und Ökologie der Veterinärmedizinischen Universität der Fritz-Frank-Preis 2011 verliehen, welcher exzellente Forschungsarbeit von jungen WissenschaftlerInnen auszeichnet. Dr. Lebl erhielt den Preis für ihre Dissertationsarbeit über Reproduktion, Winterschlaf und Life-history-Strategie des Siebenschläfers. Mehr Info [Link 3]


 

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