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„Ich habe beschlossen, hier eine Lehranstalt zur Heilung der Viehseuchen errichten zu lassen."

Mit diesen Worten beginnt die Geschichte der Veterinärmedizinischen Universität Wien im Jahr 1765, vor mehr als 260 Jahren. Damit ist die heutige Vetmeduni die drittälteste Institution ihrer Art weltweit, nach Lyon und Alfort bei Paris. Die „Auftraggeberin“ war keine Geringere als Kaiserin Maria Theresia (1717–1780), Ehefrau von Franz Stephan I. (1708–1765), Kaiser des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation und Erzherzogin von Österreich. Und die Herrscherin hatte für diesen Schritt gute Gründe: verlorene Kriege, Viehseuchen, Hungersnöte und eine generell reformbedürftige Monarchie. Die Reformierung des Habsburgerreiches und dessen Umwandlung in einen modernen, aufgeklärt-absolutistischen Staat war das Gebot der Stunde, und hierzu gehörte auch ein funktionierendes Veterinärwesen.


Die Einrichtung einer Veterinärschule diente mehreren Zielen: der Sicherung der landwirtschaftlichen Produktion, der Eindämmung von Tierseuchen und nicht zuletzt der militärischen Leistungsfähigkeit. Tierseuchen waren freilich kein Novum des 18. Jahrhunderts, sondern – ähnlich wie menschliche „Seuchen“ – seit der Sesshaftwerdung vor vielen Jahrtausenden eine Geißel der Menschheit. So drohte bei Ausbruch von Pferderotz oder Rinderseuchen sowie beim Aufkommen von Schmerzen im Bewegungsapparat von Pferden der Zusammenbruch von Wirtschaft und Kriegsmaschinerie.

Die vorindustrielle Wirtschaft des 18. Jahrhunderts basierte primär auf der Landwirtschaft. Nutzvieh spielte hier eine essenzielle Rolle, lieferte es doch Lebensmittel und Kleidung und unterstützte zudem die Bauern bei der Bestellung der Äcker. Eine epidemische Seuche unter den Tieren bedeutete nicht nur einen massiven wirtschaftlichen Verlust, sondern häufig auch eine Hungersnot für die gesamte Bevölkerung. Schlimmstenfalls bedrohte sie gleich die allgemeine Gesundheit, denn zoonotische Epidemien, das sind von Tier auf Menschen übertragbare Krankheiten, waren ebenso verbreitet. Die fehlende Qualitätskontrolle von Lebensmitteln war eine weitere Ursache für zoonotische Erkrankungen, die nicht nur für Tiere, sondern auch für Menschen tödlich enden konnten. Schon damals wurde die gesellschaftliche Relevanz von Veterinärmedizin und One Health offenbar – freilich ohne die modernen Begrifflichkeiten.

Zugleich zeigten die drei Schlesischen Kriege, insbesondere der dritte, der sogenannte Siebenjährige Krieg (1756–1763), die Schwachstellen des habsburgischen Heeres schmerzhaft auf. Die Verpflegung der Militärpferde war eine davon. Die Tiere waren ein Schlüssel für jede militärische Unternehmung bis ins frühe 20. Jahrhundert. Sie bildeten das Rückgrat der militärischen Logistik, ermöglichten sie doch Transport, Versorgung, Mobilität und Kommunikation zwischen Front und Hinterland. Tiere, die aufgrund von Krankheit oder physischen Beeinträchtigungen infolge von schlechtem Hufbeschlag nicht mehr oder nur noch vermindert einsatzfähig waren, bedeuteten folglich ein ernsthaftes Problem für die gesamte Kriegslogistik und für militärische Operationen. Es war daher unerlässlich, auf dem neuesten Stand des Wissens geschultes Fachpersonal – Militär- und Fahnenschmiede – zu haben, das sich auf die korrekte Pflege und Behandlung der Pferde verstand.

Ein weiteres Problem war die Qualität der human- und veterinärmedizinischen Versorgung und Behandlung. Neben dem an Universitäten oder Hochschulen ausgebildeten Personal gab es noch eine große Zahl von unqualifizierten Praktiker:innen, deren Methoden sich zwischen Kräuterheilkunde, Scharlatanerie und religiösen Wundern bewegten. Operationen waren für menschliche wie tierische Patient:innen häufig mit erheblichen, teils lebensbedrohlichen Risiken verbunden, und anstelle wirksamer Arzneien kamen nicht selten religiös aufgeladene Mittel wie gesegnete Schluckbilder aus Papier zum Einsatz.

Doch selbst bei den studierten Medizinern erwiesen sich die Behandlungsmethoden häufig als wirkungslos: Die Humoralpathologie oder Vier-Säfte-Lehre nach Hippokrates (ca. 460–370 v. Chr.) und Galenos von Pergamon (2. Jahrhundert n. Chr.) war der Maßstab für Menschen wie für Tiere. Gängige Behandlungsmethoden waren Aderlass, Einläufe oder Brechmittel, um das vermeintlich ‚natürliche‘ Säftegleichgewicht wiederherzustellen. Die Patient:innen erlebten oft wahre Torturen, die nur selten gegen die eigentliche Krankheit Abhilfe verschafften. Da bis in die letzten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts weder die Ursache von Krankheiten (z. B. Bakterien, Viren) noch ihrer Verbreitung bekannt waren, konnte auch keine wirksame Gegenmaßnahme getroffen werden.

Doch das 18. Jahrhundert war optimistisch: Die Aufklärung versprach im Gefolge der wissenschaftlichen Revolution (des 17. Jh.) „vernunftbasierte“ Lösungen für nahezu alle Probleme, auch für die Medizin. Wie in allen Wissensdisziplinen vollzog sich auch in der Medizin ein Paradigmenwechsel: Evidenz und ratio sollten den Prozess des Erkenntnisgewinns leiten, was notwendigerweise zur Revision von etablierten Lehrmeinungen führte; selbst wenn sie von antiken Autoritäten wie Hippokrates oder Galen stammten.

Hinzu kam noch das Vorhaben Maria Theresias, die Habsburgermonarchie zu reformieren und in einen modernen Staat umzuwandeln. Wichtige Teile dieses Reformprogrammes betrafen die Medizin und ihre Ausbildung. Spitäler und Ärzte gab es zwar bereits seit der Antike, doch ein staatliches Medizinalwesen mit reglementierter Ausbildung gab es nicht. Ein solches war allerdings Grundvoraussetzung, um eine qualitativ hochwertige öffentliche Gesundheitsversorgung zu gewährleisten. Öffentliche Gesundheit oder Public Health sind hierbei allerdings anachronistische Begriffe, vielmehr sprach man in dieser Zeit von Medicinal-Policey oder Veterinär-Policey.

Die Universitäten der Monarchie lagen zu dieser Zeit noch in der Verantwortlichkeit der katholischen Kirche, vor allem des Jesuitenordens. Die starren Strukturen der kirchlichen Kontrolle behinderten jedoch häufig den wissenschaftlichen Fortschritt. Doch auch hier griff die Kaiserin durch und entzog der Kirche und dem Orden die Verantwortung und legte sie im Bereich der medizinischen Reformen in die Hände ihres Vertrauten und Leibarztes Gerard van Swieten (1700–1772).

Der im niederländischen Leiden geborene van Swieten studierte Medizin ebendort bei Herman Boerhaave (1668–1738). Dieser vollzog geradezu eine Revolution in der medizinischen Ausbildung. Waren im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit das medizinische Studium und die medizinische Praxis noch von Observation und Theorie geprägt, galt bei Boerhaave das Prinzip „hands on“: Der Unterricht wurde an das Krankenbett verlegt, Studierende und approbierte Mediziner sollten Hand an die Patient:innen anlegen, das Spital wurde zu einem Studien- und Forschungsraum. Das Abhören, Abtasten und Abklopfen, heutige Standards der Diagnostik, hielten Einzug. Die Veterinärmedizin sollte ebenfalls nach diesem Modell aufgebaut werden.

Van Swieten notierte nicht nur eifrig die Vorträge seines Mentors und veröffentlichte sie nach dessen Ableben, sondern er brachte sein Wissen auch nach Wien mit, wo er 1744 Leibarzt der Kaiserin und Präfekt der Hofbibliothek wurde. Seine revolutionären Ideen stießen beim medizinischen Stab des Wiener Hofes auf Ablehnung, da dieser nach wie vor in den alten Paradigmen verhaftet war. Das Vertrauen Maria Theresias gewann van Swieten jedoch rasch, hatte die Kaiserin ihm doch bereits bei seiner Ankunft das Problem der medizinischen Ausbildung und des Medizinalwesens zur Lösung übertragen.

Van Swieten implementierte das Leidener Modell: Unterricht am Krankenbett  („bedside teaching“) wurde Standard, neue Professoren wurden vom Hof und nicht mehr von der Universität allein bestimmt, Studierende aus allen Teilen der Monarchie hatten nun Zugang zum Studium in Wien und nicht mehr ausschließlich jene aus Wien. Van Swieten selbst sicherte sich hier viel Mitspracherecht und Entscheidungsbefugnisse, unter denkbar großem Protest des jesuitischen Universitätskollegiums und des etablierten Beraterstabs der Kaiserin. Der Erfolg gab ihm jedoch Recht: Die Erste Wiener Medizinische Schule (ab ca. 1745) wurde europaweit ein Vorbild medizinischer Ausbildung und Krankenversorgung.

Wahrscheinlich aufgrund seiner Expertise und Erfolge bei der Reformierung der Humanmedizin in Wien erhielt van Swieten von Maria Theresia auch den Auftrag, eine Schule zur Heilung der Viehseuchen zu gründen. Man folgte hier bereits Vorbildern aus Frankreich: In Lyon wurde 1761 die École nationale vétérinaire auf Geheiß des französischen Hippologen Claude Bourgelat (1712–1779) gegründet, gefolgt von einer weiteren in Alfort bei Paris im Jahr 1765. Ziele beider Schulen waren gleichsam die Bekämpfung der Viehseuchen und die Stärkung der Landwirtschaft. Die Lyoner Schule wurde ausdrücklich als Vorbild genannt, als sich Feldmarschallleutnant Heinrich de la Reintrie 1763 an Maria Theresia wandte:

Frankreich dienet zu einem Exempel, da sein König eine Academie seith einigen Jahren unter der Direction des Sieur Bourgelat Mit-Glied der königlichen Academie der Wißenschaften  in Lion gerichtet hat […]: Allda wird das Medicinische Studium, und die Anatamie derer Pferde so gelehret, wie man sonsten pfleget von die Menschen solches zu lehren, und zu erlernen; Daher erstrecket sich so gar dießes Studium biß auf die Curen des Horn-Viehs; Wovon der Nutzen um so beträchtlicher als bekant ist, daß öfters durch eine Contagion das Land in betrübtere Umstände als durch den schwersten Krieg versetzet wird.

Doch in Wien konzentrierte man sich, wahrscheinlich wegen der jüngsten Kriegserfahrungen des Siebenjährigen Krieges, zunächst auf das Militärpferd: So brachen zunächst die Militärschmiede Ludwig Scotti (1728-1806) und Joseph Heller zusammen mit dem Apotheker Eduard Mengmann (die exakten Lebensdaten sind unbekannt) zum Studium nach Lyon auf. Die 1767 eröffnete Pferde-Curen- und Operationsschule unter der Leitung Scottis richtete sich vor allem an Kuren- und Fahnenschmiede, also Hufschmiede im Militärdienst, die auch Behandlungen am Pferd durchführten. Ziel war die Pflege, Erhaltung und Zucht von Militärpferden. De la Reintrie versprach sich bereits 1763 eine enorme Einsparung an Kosten von dieser Schule. Die Absolventen sollten ebenso ihr Wissen in den anderen Teilen der Monarchie verbreiten, ein charakteristisches Merkmal der Wiener Veterinärschule in ihren ersten Jahrzehnten.

Der eigentliche Kampf gegen die Viehseuchen begann erst ein Jahrzehnt später mit der Einrichtung eines kurzlebigen Lehrstuhls für Viehseuchenkunde an der medizinisch-chirurgischen Fakultät (heute: Medizinische Universität Wien). Lehrstuhlinhaber war Paul Adami (1739–1814), und seine Studierenden waren nicht mehr allein Schmiede wie noch in der Schule Scottis, sondern (Human-)Medizinstudenten. Ziel war es vermutlich, jenen angehenden Humanmedizinern, die in den Staatsdienst wollten, wesentliche Grundkenntnisse in der Behandlung und Handhabung von Viehseuchen zu geben. Doch ist wenig bekannt über diesen Lehrstuhl, zumal sich zu dieser Zeit bereits eine weitere Gesandtschaft in Frankreich befand.

Der Chirurg und Militärarzt (für Menschen!) Johann Gottfried Wolstein (1738–1820) und ein gewisser Franz Wolfgang Schmied, ein Schüler Scottis und damit vermutlich Kurschmied (Hufschmied mit rudimentären Kenntnissen in der Behandlung von Pferdekrankheiten), wurden 1769 auf Befehl von Kaiser Joseph II. (1741–1790) wiederum nach Lyon geschickt. Ziel war eher die Übernahme der Pferde-Curen- und Operationsschule von Scotti, der aufgrund permanenter Remontierungsreisen, gleichsam Reisen zur Musterung von Jungpferden für den militärischen Pferdebestand, kaum Zeit zur Leitung der Schule hatte. Doch Wolstein schlug bei seiner Rückkehr die Gründung eines eigenen Tierspitals vor. Dieses sollte für Militärschmiede ebenso wie für Medizinstudenten offenstehen. Wie auch in der Wiener (Human-)Medizin Schule wandte das Spital die durch van Swieten etablierte Methode der Lehre am Krankenbett – hier eher an der Krankenbucht – an.

Das Tierspital öffnete schließlich 1777 seine Pforten. Im gleichen Jahr schloss die Pferde-Curen- und Operationsschule die ihrigen. Der Lehrstuhl für Viehseuchen blieb noch vier Jahre erhalten und wurde dann aufgelöst. Das Tierspital wurde in der Folge zum Zentrum für vielfältige tiermedizinische Ausbildung und Forschung in der Habsburgermonarchie und darüber hinaus. Damit endete auch formal die erste turbulente Gründungsphase der Wiener Veterinärschule.

Die drei Gründungsinstitutionen bilden zusammen die Grundpfeiler der heutigen Veterinärmedizinischen Universität Wien, die im Lauf ihrer Geschichte unter verschiedenen Namen firmierte (Militair-Thierarzneyschule; Militär-Tierarzneiinstitut und Tierärztliche Hochschule). Doch auch die folgenden Jahrzehnte blieben turbulent: Die Spannung zwischen Militär und Zivilisten sowie der ausbleibende wissenschaftliche Erfolg stellten die Existenz der Institution und ihre inhaltliche Ausrichtung während des „langen“ 19. Jahrhunderts wiederholt in Frage.

Quellen

Gründungsschreiben Maria Theresias an Graf Rudolph Chotek: Österreichisches Staatsarchiv, Allgemeines Verwaltungsarchiv, Studienhofkommission, Unterricht Teil 1, Karton 19, Signatur 4 Med. Tierarznei, 17 ex 1765 (24.03.1765).

 

Zitat de la Reintries: Österreichisches Staatsarchiv, Kriegsarchiv, Karton 488, Faszikel 253, Schreiben Heinrich de la Reintries an Maria Theresia (12.12.1763), 2r-3r.

 

Literatur

Bynum, William. Geschichte der Medizin. Reclams Universal-Bibliothek 18736. Reclam, 2010.

 

 

Haarmann, Daniela. „Einleitung. Politik, Wissenschaft und Veterinärmedizin in 250 Jahren Geschichte“. In 250 Jahre Veterinärmedizinische Universität Wien. Verantwortung für Tier und Mensch. Festschrift, herausgegeben von Daniela Haarmann und Veterinärmedizinische Universität Wien. Holzhausen Verlag, 2015: 9–22.

 

Lohff, Brigitte. „Gedanken zum Begriff ‚Wiener Medizinische Schule‘“. In Strukturen und Netzwerke: Medizin und Wissenschaft in Wien 1848–1955, herausgegeben von Daniela Angetter, Birgit Nemec, Herbert Posch, Christiane Druml, und Paul Weindling. 650 Jahre Universität Wien - Aufbruch ins neue Jahrhundert, Band 5. V&R unipress, Vienna University Press, 2018: 41–72. https://doi.org/10.14220/9783737009164.

 

Van den Tweel, Jan G, und Roland Sedivy. „Gerard van Swieten, the Dutch Personal Physician of Empress Maria Theresia (1700–1780)“. Wiener Medizinische Wochenschrift 170, Nr. 11–12 (2020): 320–24. https://doi.org/10.1007/s10354-020-00775-w.


 

Konzept, Text und Recherche: Dr.in Daniela Haarmann, Historikerin
Lektorat: Dr.in Sonja Schreiner