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Die Vetmeduni bietet ihren über 2.500 Studierenden ein breites Spektrum – vom Diplom- und Doktoratsstudium der Veterinärmedizin über Biomedizin bis hin zu Masterprogrammen in Mensch-Tier-Beziehung oder Wildtierökologie und Wildtiermanagement. Und diese Vielfalt hat Tradition. Fast seit Beginn der Geschichte der modernen Wiener Tiermedizin bot die Institution verschiedene Studienangebote für unterschiedliche Studierendentypen an. Die Curricula reagierten hierbei auf Anforderungen des Militärs und der Gesundheitspolitik, auf den Bedarf von Tierhalter:innen sowie auf Veränderungen im Bildungswesen. Viele der frühen Hörer waren militärische Schmiede, andere kamen aus der Medizin, wiederum andere aus der Land- und Forstwirtschaft. Gemeinsam war ihnen, dass sie Männer waren: Frauen war das Studium erst ab 1919 erlaubt. So blieb der Campus lange eine männliche Domäne, in der Menschen mit unterschiedlichem sozialem Hintergrund und Bildungsstand aufeinandertrafen.


Von der Gründung 1765 bis zum Ende des Ersten Weltkriegs prägten die Spannungen zwischen militärischer und ziviler Ausbildung die Institution. Militär-Kurschmiede – also im Militärdienst stehende Schmiede mit Grundkenntnissen in der Pferdeheilkunde – waren die ersten Studenten an der Wiener Veterinärmedizin. Zumeist waren sie Anfang bis Mitte zwanzig und erhielten hier eine Zusatzausbildung. Sie wurden bereits mit der Gründung der Pferde-Curen- und Operationsschule zugelassen und lernten Anatomie, Pathologie, Hufbeschlag sowie Operationslehre. Viele verfügten nur über eine begrenzte schulische Bildung, was später in gemischten Klassen mit zivilen Hörern zu Schwierigkeiten führte.

Das Tierspital unter Wolstein nahm ab 1777 auch Zivilhörer auf. Sie kamen primär von den medizinisch-chirurgischen Fakultäten der Monarchie, um sich hier in der Viehseuchenlehre fortzubilden. Dieser Studienzweig war Pflicht, wenn man ein öffentliches Amt, etwa als Kreisphysicus, anstrebte. Diese Studenten kamen aus zumeist bürgerlichen Familien und verfügten über eine höhere Schulbildung. Die Zahl von Medizinern und Chirurgen unter den Hörern war durchaus beachtlich. Im Revolutionsjahr 1848/49 etwa waren es über 200 Personen.

Doch trotz ihrer zahlenmäßigen Überlegenheit gegenüber den Militärhörern waren sie im Studienalltag benachteiligt: So hatten Militärvertreter das Privileg auf die vordersten Sitzplätze im Hörsaal, waren von Studiengebühren befreit und erhielten einen vollwertigen Abschluss bei verkürzter Studiendauer. Der daraus entstehende Konflikt zwischen Zivilisten und Militärangehörigen prägte das gesamte 19. Jahrhundert.

Zur Eskalation kam es zwischen 1897 und 1914. Höhepunkt war der Streik im März 1914, bei dem es zu schweren Ausschreitungen kam. Über 700 Studierende drangen in die Hochschule ein; Polizei und Militär mussten eingreifen, zahlreiche Personen wurden verletzt. Die Forderungen nach Entmilitarisierung und Unterstellung unter das k. k. Ministerium für Kultus und Unterricht blieben zunächst unerfüllt. Erst 1918 mit der Niederlage im Ersten Weltkrieg und dem Ende der Monarchie endete die Zulassung von Schmieden, die Matura wurde zur allgemeinen Voraussetzung für die Studienzulassung, und die Hochschule wurde dem 1919 gegründeten Bundesministerium für Inneres und Unterricht unterstellt.

Neben den beiden Hauptstudentengruppen gab es noch eine breite Palette an Studierendentypen im 19. und 20. Jahrhundert, die aus praktischen Gewerben stammten. Förster, Jäger, Fleischbeschauer, Hirten und noch weitere Berufsgruppen belegten am Tierarznei-Institut Fortbildungskurse. Die Zahl war zwar nicht hoch, etwa im Studienjahr 1847/48 gerade einmal fünf Viehhirten und Schafmeister und zwei Vieh- und Fleischbeschauer, doch trugen sie zur Vielfalt in diesem Mikrokosmos bei.

Der Grund für das Angebot dieser Fortbildungskurse liegt wiederum in der Prävention und Bekämpfung von Tierseuchen. Zum Aufgabenbereich von Förster:innen zählte damals wie heute die Eindämmung von Wildkrankheiten, um die Tierbestände nicht zu gefährden. Die Qualitätskontrolle durch Fleischbeschauer diente vor allem dem Schutz der Bevölkerung und ist bis zur Gegenwart ein zentraler Aspekt der österreichischen Gesundheits- und Lebensmittelpolitik.

1841 wurde der Titel des Magister medicinae veterinariae eingeführt, der ein eigenständiger und von der Humanmedizin unabhängiger akademischer Abschluss war. Es dauerte dann noch über 50 Jahre, bis die Wiener Veterinärmedizin 1896 das Habilitationsrecht erhielt, die Matura Zugangsvoraussetzung wurde und aus dem Tierarznei-Institut die Tierärztliche Hochschule wurde. Der erste Doktortitel wurde schließlich 1908 verliehen. Damit war symbolisch der Emanzipationsprozess von der Humanmedizin, mit der die Wiener Veterinärmedizin seit 1777 verbunden war, beendet. Die Tiermedizin hatte sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu einem eigenständigen Berufs- und Forschungsfeld entwickelt.

Der Veterinärmediziner an sich, der Tiermedizin als Hauptstudium absolvierte, betrat also erst Mitte des 19. Jahrhunderts den Campus. Für alle bislang vorgestellten Studierendengruppen war das tiermedizinische Studium ein Nebenstudium, eine Fortbildung oder ein „Wahlfach“. Erst seit 1849 waren auch Zivilstudierende zugelassen, die Veterinärmedizin als Hauptstudium wählten und nicht aus einer der vorab genannten Gruppen stammten. Laut Studentenmatrikel waren es zunächst vor allem zivile Kurschmiede, die das dreijährige Studium der Tierheilkunde belegten.

Doch die Vielfalt am Wiener Tierarznei-Institut zeigte sich nicht nur in beruflichem Hintergrund und sozialer Herkunft der Studierenden, sondern auch in ihrer regionalen Herkunft. Ein Blick in die Studentenmatrikel bezeugt, dass die Studierenden aus allen Teilen der Monarchie stammten, von Vorarlberg bis Siebenbürgen, von Galizien bis Kroatien. Gewissermaßen repräsentierte das Institut die Vielfalt der Vielvölkermonarchie im Kleinen.

Dies war alles andere als ein Zufall, sondern vielmehr das Ergebnis einer gezielten Politik. Wien war nicht nur politisches Zentrum der Monarchie, sondern die Wiener Medizinische Schule genoss ab Mitte des 18. Jahrhunderts einen internationalen Ruf. Hinzu kam ein gezieltes Reformprojekt Josephs II.: 1781 ordnete er an, dass humanmedizinische Studierende aus allen Provinzen der Monarchie in Wien Viehseuchenlehre studieren sollten. Mit diesem Wissen sollten sie in ihren Heimatregionen veterinärmedizinische Lehrstühle und Studienprogramme aufbauen. Viele dieser Einrichtungen bestanden nur wenige Jahre, doch Universitäten wie jene in Budapest oder Lwiw gehen auf diese Initiative zurück. Bis 1820 entstand so ein nahezu flächendeckendes Netzwerk veterinärmedizinischer Schulen mit dem Ziel der Seuchenprävention und -kontrolle.

Das Ende der Monarchie bedeutete zugleich einen Dämpfer für diese Vielfalt. Briefe im Archiv der Vetmeduni bezeugen bis heute die Unsicherheit von Betroffenen, Behörden und Rektorat, wie mit den nun ausländischen Studierenden zu verfahren sei. Können sie ihre Studien in Wien fortsetzen? Unter welchen Umständen? Welche Auflagen müssen sie erfüllen? Doch trotz der Hindernisse blieb Wien nach wie vor ein attraktives Ziel für Studierende aus den umliegenden Nachbarstaaten.

Das (vorläufige) Ende dieser Vielfalt brachte dann die NS-Zeit. Durch diskriminierende Gesetzgebung, erhöhte Studiengebühren und gezielte Restriktionen wurden ausländische und jüdische Studierende verdrängt. Für die Hochschule bedeutete dies nicht nur kulturelle und wissenschaftliche Verluste, sondern auch empfindliche finanzielle Einbußen.

Die Hochschule war jedoch nicht nur passiv betroffen, sondern aktiv in das ideologische System eingebunden, wie die Forschungsarbeiten von Lisa Rettl und Alexander Pinwinkler ergaben. Teile des Rektorats, der Studentenschaft und zahlreiche Mitglieder des wissenschaftlichen Personals hatten sich bereits während der Dollfuß-Schuschnigg-Diktatur offen zum Nationalsozialismus bekannt; einige waren – in der Vorverbotszeit und trotz Illegalität auch in der Verbotszeit – Parteimitglieder.

Besonders betroffen waren jüdische Studierende. Zwar verzeichneten die Studentenmatrikeln im 19. und frühen 20. Jahrhundert einen geringen Anteil jüdischer Studierender (immer im niedrigen einstelligen Bereich), dennoch ist es bemerkenswert, dass dieser von fast sechs Prozent im Studienjahr 1914/15 auf knapp unter einem Prozent im Studienjahr 1937/38 sank. Während Forschungsarbeiten für das 19. Jahrhundert noch ausstehen, wies Lisa Rettl nach, dass der zunehmende Antisemitismus der 1930er-Jahre die Studienbedingungen für jüdische Studierende auch an der Tierärztlichen Hochschule zusehends erschwerte. Zur Zeit des Austrofaschismus und insbesondere nach dem „Anschluss“ 1938 wurden sie systematisch ausgeschlossen, verfolgt und vertrieben. Ein ähnliches Schicksal erlebten Personen, die nach nationalsozialistischer Terminologie als „Mischlinge ersten oder zweiten Grades“ galten: Sie waren ebenso gezwungen, ihr Studium zu beenden; manche mussten vor der NS-Politik sogar ins Ausland flüchten.

 

Während die Erste Republik eine Zäsur für die nationale Vielfalt bedeutete, eröffnete sich zugleich die Möglichkeit einer neuen Vielfalt: Frauen erhielten in der österreichischen Republik ab 1919 den allgemeinen Hochschulzugang. Doch der Beginn war holprig. Erst ab 1922 inskribierte die aus Ostgalizien stammende Maria Chalupinka als erste Hörerin an der Tierärztlichen Hochschule. Bis zum ersten Studienabschluss sollten noch weitere 17 Jahre vergehen: 1939 schloss mit Honorata Knopp die erste Studentin ihr Studium ab. Und es sollte noch weitere dreißig Jahre dauern, bis mit Gertrude Keck die erste Professorin (im Fach Medizinische Physik) berufen wurde.

Ab den 1980er- und 1990er-Jahren begann aber der endgültige Aufstieg der weiblichen Studierenden. Heute stellen sie 80 Prozent aller Inskribierten dar. Bei den Professorinnen liegt der Anteil bei 47 Prozent und damit deutlich höher als im bundesweiten Durchschnitt, wo die Zahl 2024 bei lediglich 32 Prozent lag. Beim wissenschaftlichen Personal stellen Frauen sogar zwei Drittel der Mitarbeiter:innen. Die Veterinärmedizin ist also inzwischen deutlich weiblich geprägt.

Trotz zahlreicher Umbrüche blieb die Universität als internationale Ausbildungsstätte bestehen. Heute stammen fast 40 Prozent der Studierenden an der Vetmeduni aus dem Ausland. Von den fast 2.500 Studierenden ist die überwiegende Mehrheit im Diplomstudium Veterinärmedizin inskribiert. Sie kommen aus unterschiedlichen Ländern, haben verschiedene soziale Hintergründe und repräsentieren verschiedene Kulturen. So blieb die lange Tradition der Vielfalt an der Vetmeduni nachhaltig bestehen.

 

Quellen

Archiv der Veterinärmedizinischen Universität Wien. Studentenmatrikel des 19. Jahrhunderts.

 

Vetmeduni. Jahresbericht 2024.

 

Literatur

Haarmann, Daniela. „Ein Berufsstand entsteht. Von den Anfängen tierärztlicher Standesgeschichte mit Ausblick auf das 21. Jahrhundert“. In 250 Jahre Veterinärmedizinische Universität Wien. Verantwortung für Tier und Mensch. Festschrift, herausgegeben von Daniela Haarmann und Veterinärmedizinische Universität Wien. Holzhausen Verlag, 2015.

 

Rettl, Lisa. Jüdische Studierende und Absolventen der Wiener Tierärztlichen Hochschule 1930–1947: Wege, Spuren, Schicksale. Wallstein Verlag, 2018.

 

Rettl, Lisa. Die Wiener Tierärztliche Hochschule und der Nationalsozialismus: eine Universitätsgeschichte zwischen dynamischer Antizipation und willfähriger Anpassung. Wallstein Verlag, 2019.

 

Veterinärmedizinische Universität Wien (Hrsg.). 1765–2015. 250 Jahre Verantwortung für Tier und Mensch. Wien, 2015.


 

Konzept, Text und Recherche: Dr.in Daniela Haarmann, Historikerin
Lektorat: Dr.in Sonja Schreiner