- Erinnern als Verantwortung /
- Geschichte /
- Tierpatienten im Laufe der Zeit
Die ersten Patienten der Wiener Veterinärmedizin waren Militärpferde an der Pferde-Curen- und Operationsschule. Von einer korrekten Pflege der Tiere – zumindest nach damaligem Wissensstand – versprach man sich nicht nur eine erfolgreichere Kriegsführung, sondern auch eine Kostenreduktion, wie aus einem Schreiben des Feldmarschall-Leutnants Heinrich de la Reintrie an Maria Theresia 1763 zu entnehmen ist:
[…] wenn man betrachtet, was vor ohnermaßliche Unkosten die Anschaffung so vieler Remonta-Pferde (junge Militärpferde in der Grundausbildung, Anm.) erfordern, und wie viel hingegen erhalten werden könnten, wenn die geringen Speeßen darauf gewendet würden, etliche wenige Leuthe zu halten, welche nach und nach in denen Erb-Ländern die wahre Einsicht und Churirung dießer so theuren und ohnentbehrlichen Thiere aus zu breiten vermögend wären.
Doch auch darüber hinaus waren Pferde essenziell für die Gesellschaft vor der Motorisierung. Pferde waren gleichsam der Motor der Gesellschaft. In Wien etwa dienten sie über Jahrhunderte als individuelles und Massentransportmittel (Tramway), Tragetier, Statussymbol, Sportmittel und -kumpan (Trabrennbahn Krieau), Kulturgut (Spanische Hofreitschule), wie ein Sammelband 2023 hervorhebt. Ohne das Pferd wäre die Stadt bis weit ins 20. Jahrhundert stillgestanden. Pferde sind in der Wiener Innenstadt immer noch präsent: Die Spanische Hofreitschule und Fiaker prägen bis heute das Stadtbild, stehen jedoch aus Gründen von Tierwohl, - schutz und -rechten zunehmend unter Kritik.
Maria Theresia wünschte sich 1765 eine „Schule zur Heilung der Viehseuchen“, und diese wurde zwölf Jahre später in Wien auch eröffnet. Im Wolstein’schen Tierspital fanden neben Pferden auch Nutztiere einen Vieh-Physicus, eine frühe Bezeichnung für Tierarzt. Die Schule ist explizit von dem Lehrstuhl für Viehseuchenlehre an der medizinisch-chirurgischen Fakultät zu unterscheiden, der für einige Jahre in den 1770er-Jahren parallel zur Pferde-Curen- und Operationsschule und zum Tierspital existierte. Dieser Lehrstuhl war ausschließlich für die theoretische Lehre vorgesehen, jedoch nicht für die praktische Behandlung von „Viehseuchen“.
Es war auch der Inhaber des Lehrstuhles für Viehseuchenlehre, Paul Adami (1739–1814), der den Nutzen einer solchen Schule verteidigte. Grundlage seiner Argumentation bildete die Wirtschaft. So rechnete er in seinem Werk „Untersuchung und Geschichte der Viehseuchen“ (1782) vor:
Rechnet man nun in einem Striche Landes […] bey einer Zahl von tausend Ortschaften auf jede derselben nur 1 Stück [Vieh], welches im Verlaufe eines ganzen Jahres umkomme: so beträgt die Anzahl des in sämtlichen Ortschaften umgefallenen Rindviehes 1000 Stücke. Setzet man dabey den Anschlag jedes Stückes […], wenn das Tier am Leben geblieben wäre, mithin zusammen auf 25 fl. [Gulden] herab: so ergiebt sich bey diesem auf alle Weise sehr geringen Ansatze dennoch ein auf fünf und zwanzigtausend fl. sich belaufender Verlust, welchen ein sehr mäßiger Bezirk das Jahr über durch die einzelnen Rindviehumfälle leidet […].
Obwohl Adami als „Contagionsarzt“ an den Grenzen der Monarchie viel praktische Erfahrung mit der Kontrolle von importiertem Vieh hatte und hier die „Viehseuchen“ über Jahre hinweg studierte, erhielt Wolstein den Auftrag, ein Tierspital zu gründen. Der Gründungsmythos der Vetmeduni, der von einem Intrigenspiel Wolsteins gegen Adami erzählt, lässt sich nicht mit Quellen belegen, vielmehr scheint ein rein pragmatischer Gedanke ausschlaggebend gewesen zu sein: Wolstein war universeller aufgestellt als Adami, da er nicht nur „die Curation des Horn-Viehs gelernt, [sondern] neben der Horn-Viehkunde auch die Pferde-Kunde erlernte.“ Diese Flexibilität übertrug sich auch auf das von Wolstein gegründete Tierspital: Es erlaubte, verschiedene Tierarten zu untersuchen, nicht nur Pferde und Nutztiere, sondern bald auch kleinere Patienten.
In Österreich lebten 2019 laut der Statistik Austria über 1,5 Millionen Katzen und 600.000 Hunde in den Haushalten, Tendenz steigend. Dazu kommen weiters Vögel, Reptilien, Fische, Nagetiere und weitere Heimtiere. Repräsentierte der „Luxushund“ noch im 18. Jahrhundert den Wohlstand des Adels, war er zur Mitte des 19. Jahrhunderts längst ein Massenphänomen des Bürgertums geworden. Und neben Liebe, Futter und artgerechter Haltung brauchten all diese Tiere gute medizinische Versorgung. Auch hier war die Vetmeduni eine Wegbereiterin. Das spätestens in den 1820ern eröffnete „Hundespital“ diente zwar zunächst als Forschungs- und Behandlungsstätte für tollwütige Hunde – ein lebensbedrohliches Problem in europäischen Städten vor der Entwicklung der Tollwutimpfung Ende des 19. Jahrhunderts–, bot jedoch bald auch ambulante Behandlungen für die schon damals vielfältige Tierwelt in Wiener Adels- und Bürgerhaushalten an.
Der Anstieg der Zahl der Heimtiere oder Companion Animals beruht auf dem Wandel der Mensch-Tier-Beziehung infolge der Industriellen Revolution und der Vermehrung von Wohlstand im Bürgertum. In dem Moment, als motorbetriebene Maschinen die Arbeit von Tieren übernahmen, begann die massenfähige Emotionalisierung der Tierhaltung, wie der Historiker Rainer Pöppinghege festhält. Die Imitation des Adels, der sich zuerst sogenannte „Luxustiere“ hielt, führte schließlich zur vermehrten Haltung dieser Tiere in der bürgerlichen Ober- und Mittelschicht. Man konnte (und wollte) sich diesen Luxus nun ebenfalls leisten.
Diesen Anstieg bemerkte man auch am Tierarznei-Institut. Wie der Direktor Moritz F. Röll in seinem historischen Abriss (1878) festhielt, machten Hunde zwischen 1858 und 1876 bereits ein Drittel der behandelten Patienten aus. Fast 20.000 Hunde wurden in diesem Zeitraum hier behandelt. Zum Nutzvieh – also Ziegen, Schafe, Schweine und Rinder – zählte hingegen lediglich ein Prozent der behandelten Tiere. Die restlichen zwei Drittel dürften damit überwiegend Pferde gewesen sein und möglicherweise auch weitere „Luxustiere“ wie Vögel oder Katzen.
In der Kriegsmaschinerie des Ersten und Zweiten Weltkriegs spielten insbesondere Pferde und Hunde trotz aller Technologisierung weiterhin eine bedeutende Rolle. Doch auch Kamele, Esel, Brieftauben und sogar Glühwürmchen wurden dem Militärdienst unterstellt. 14 Millionen Tiere dienten im Krieg, laut einer Berechnung von Heike Krause.
Millionen von Pferden wurden zur Musterung geschickt. Anführungszeichen sind hier nicht nötig, denn der Begriff ‚Musterung‘war für Mensch wie Pferd üblich. Die Verpflichtung des eigenen Haushundes für den Militärdienst galt als patriotischer Akt und war mit materiellen Anreizen verbunden. Wer jedoch seinen Vierbeiner nicht dem Militär opfern wollte, dem drohte sogar eine Beschlagnahmung (die allerdings nur selten umgesetzt wurde).
Entsprechend musste auch die Tierärztliche Hochschule in Wien den Alltag im Spital an die Kriege anpassen. Zivile Bedürfnisse waren in dieser Phase nachrangig. Höchstens für landwirtschaftliche Tiere, die für die Lebensmittelversorgung notwendig waren, dürfte es noch medizinische Versorgung gegeben haben. Die Quellenlage hierzu ist allerdings dünn, und weitere Forschung speziell zur Patienten(halter:innen)perspektive und zur Mensch-Tier-Beziehung in Wien wäre erforderlich.
Probleme und Lebensbedingungen von Militärpferden und -hunden unterschieden sich kaum von denen der Soldaten. Hunde- und Pferdelazarette gehörten ebenso wie „Menschenlazarette“ zum Alltag an der Front und in Militärlagern. Schusswunden wurden bei Tier und Mensch am häufigsten behandelt. Ab 1916 trugen Pferde und Hunde sogar Gasmasken, oft einfache Jutesäcke mit Chemikalienfilter. Die Entdeckung des Erregers des Pferderotzes – einer der häufigsten Ursachen für die Schwächung des Militärpferdebestands in früheren Jahrhunderten – führte zur Entwicklung von Gegenmitteln, aber auch zu Überlegungen, diesen als biologische Waffe einzusetzen. Erkrankte Hunde wurden unter Quarantäne gestellt oder getötet. Insgesamt fanden allein im Ersten Weltkrieg über acht Millionen Pferde den Tod, bei Hunden dürfte der Verlust mehrere Zehntausend betragen haben, wie Pöppinghege und Krause berechneten.
Die jahrhundertelange Züchtung von optimierten Tierrassen war ein Wegbereiter und ein Ideal für die nationalsozialistische Rassenlehre. Max von Stephanitz, Gründer des Vereins für Deutsche Schäferhunde, äußerte hierzu noch vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten im Jahr 1921:
Wir können unsere Schäferhundezucht recht wohl mit der menschlichen Gesellschaft vergleichen. […] Bei der Menschenzucht achten wir leider viel zu wenig oder gar nicht auf all die Dinge, die von Einfluss auf das Erzeugen guter, gesunder und brauchbarer Nachkommenschaft sind.
Als Spiegelbild der völkischen Ideologie galten auch hier Heimtiere konsequenterweise entweder als Teil des sogenannten „Volkskörpers“ oder als schädliche Parasiten, die es zu eliminieren galt. Ikonisch wurde der Deutsche Schäferhund zum Inbegriff des treuen Begleiters des „Führers“ und damit zur Paraderasse für deutsche Haushalte. Der Schäferhund zählte im Rahmen dieser Ideologie zu jenen „Herrentieren“, die im hierarchischen Verständnis des Nationalsozialismus als anderen überlegen galten - so wie der „Arier“ als „Herrenmensch“ anderen vermeintlichen „Menschenrassen“ übergeordnet sein sollte.
Die Katze hatte hingegen einen umstrittenen Stand, wie Jan Mohnhaupt ausführt. Als Bekämpferin von Ungeziefer war sie zwar geschätzt, traf aber in der NS-Kultur, die stark von Esoterik geprägt war, auf den alten Aberglauben der Unglücksbringerin und auf Vorurteile gegen diese als weiblich geltende Tierart. Besonders die Unzähmbarkeit der Katze störte die auf Unterordnung und Gehorsamkeit ausgerichtete NS-Ideologie. Ihr als „tückisch, falsch und asozial“ beschriebener Charakter ließ sie zu einem „jüdischen Tier“ werden.
Quellen
Zitat zur Errichtung der Wolstein’schen Schule: Österreichisches Staatsarchiv, Allgemeines Verwaltungsarchiv, Studienhofkommission, Karton 19, Faszikel 221, Schreiben an die Studienhofkommission und Maria Theresias, (1776), 27r.
Zitat de la Reintries: Österreichisches Staatsarchiv, Kriegsarchiv, Karton 488, Faszikel 253, Schreiben Heinrich de la Reintries an Maria Theresia (12.12.1763), 2r-3r.
Adami, Paul. Untersuchung und Geschichte der Viehseuchen in den kaiserlich-königlichen Erbländern. Wien: Gerold, 1782.
Röll, Moritz Friedrich. Das k. k. Militär-Thierarznei-Institut in Wien während des ersten Jahrhunderts seines Bestehens. Wien: Selbstverlag der k. k. Militär-Thierarznei-Anstalt, 1878.
Statistik Austria. Haustiere in Österreich 2019/20. (Zugriff am 30. Januar 2026.)
Stephanitz, Max von. Der deutsche Schäferhund in Wort und Bild. 5. Auflage. Jena: Ant. Kämpfe, 1921.
Literatur
Brehm, Gottfried (Hrsg.). Rösser in Wien. Wien: Holzhausen Verlag, 2023.
Krause, Heike. Hundstage. Kleine Kulturgeschichte eines Vierbeiners. Neustadt an der Aisch: Verlag PH.C.W. Schmidt, 2014.
Kynast, Katja. „Geschichte der Haustiere.“ In Tiere. Kulturwissenschaftliches Handbuch, herausgegeben von Roland Borgards. Stuttgart: J.B. Metzler, 2016: 130–138.
Mohnhaupt, Jan. Tiere im Nationalsozialismus. München: Piper Verlag, 2020.
Roscher, Mieke. Zucht und Züchtung. Eine politische Tiergeschichte des "Dritten Reiches". Köln: Böhlau Verlag, 2025.
Pöppinghege, Rainer. Tiere im Ersten Weltkrieg. Eine Kulturgeschichte. Berlin: Rotbuch Verlag, 2014.
Vetmeduni. „Ethics and Human–Animal Studies.“ (Abrufdatum: 30.01.2026).
Konzept, Text und Recherche: Dr.in Daniela Haarmann, Historikerin
Lektorat: Dr.in Sonja Schreiner