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Albert Lichtblau: Hinhören, Hinsehen, Verstehen und Verwenden: Die aktuelle Bedeutung der Erinnerungen von Überlebenden der NS-Zeit

Früher benötigte man einen Kassettenrekorder oder umfangreiches Kamera-Equipment, heute lassen sich Interviews mit Zeitzeug:innen um einiges einfacher und wenn nötig sogar online führen. „Ich war anfangs noch mit Tonbandspulen unterwegs“, erinnert sich Albert Lichtblau. Der österreichische Historiker, der mittlerweile in Pension ist, arbeitet seit den 1980er Jahren mit der Methode der Oral History. Bei dieser Sparte der Geschichtswissenschaft werden Menschen vor Mikrofon und Kamera zu ihrem Leben befragt. Inhaltlich wird es dabei persönlich. „Während meines Geschichte-Studiums arbeiteten wir viel mit Statistiken, mit ‚harten Quellen‘“, sagt Albert Lichtblau, „als ich Oral History kennenlernte, empfand ich das als Kontrast dazu. Ich habe bemerkt, wie stark autobiographische Erzählungen wirken können.“

Der Fokus von Albert Lichtblaus Arbeit lag und liegt auf den Themen Migration, Antisemitismus und jüdische Geschichte. Für unterschiedlichste Projekte hat er dazu in den letzten Jahrzehnten Oral History-Interviews geführt, insbesondere mit Überlebenden der NS-Zeit. Im Zentrum steht bei seinen Gesprächen stets der Mensch, ein Verstehen-Wollen und: das Zuhören.

Vetmeduni: Was kann Oral History, was historische Fakten und Statistik nicht können?

Albert Lichtblau: Es geht dabei um Gefühle, Empfindungen und Erfahrungen. Es geht ums Erzählen und Erklären. Das ist die Stärke dieser Quelle.

Wer sich an etwas „nur“ erinnert, kann sich beim Erzählen aber auch irren. Wie geht man damit in der Geschichtswissenschaft um?

Es stimmt, dass man Oral History quellenkritisch sehen kann, weil persönliche Erinnerungen historisch nicht immer ganz korrekt sind. Ich finde es deshalb spannend, sie mit anderen Quellen zu verbinden. Es geht darum, zu schauen, welche unterschiedlichen Informationen wir zu bestimmten Sachverhalten bekommen können.

Ihre ersten Oral History-Gespräche haben Sie in den 1990er-Jahren während eines Arbeitsaufenthalts in New York geführt. Sie haben damals über Monate hinweg jeden Abend emigrierte Europäer:innen interviewt. Wie kam es dazu?

Es war völlig zweckfrei, kein offizielles Projekt und völlig unklar, was mit den Aufnahmen passieren würde. Jeden Abend bin ich mit meinem Kassettenrekorder in die Stadt gegangen und habe jemanden zum Gespräch getroffen, einfach weil es mich interessiert hat. Ich hatte eine enge Freundin in New York, die Wienerin Gerda Lederer. Ihre Familie ist 1938 in die USA geflohen. Sie hat mir weitere emigrierte Freunde vorgestellt und die wiederum weitere. Es war wie ein Schneeballsystem.

Nach und nach wurden Sie zu einem professionellen Oral History-Interviewer.

Das war Learning by Doing. Sehr viel habe ich gelernt, als ich an einem Projekt von Steven Spielberg mitgearbeitet habe. Nach seinem Film „Schindlers Liste“ hat Spielberg in den 1990ern eine Initiative ins Leben gerufen, für die international 50.000 Zeitzeug:innen interviewt wurden. Alle beteiligten Interviewer:innen, auch ich, wurden zuvor dafür ausgebildet.

Was wurde Ihnen da beigebracht?

Wie man ein Oral History-Projekt gut organisiert. Wie wichtig es ist, alle Daten der Interviewpartner:innen schon in einem Vorgespräch korrekt festzuhalten, seien es Namen oder wichtige Orte im Leben einer Person. Wie man sich bestmöglich auf so ein Interview vorbereitet. Wir haben auch Feedback bekommen und man hat uns Supervision angeboten. Diese Möglichkeit zum Austausch wäre grundsätzlich immer sehr wichtig, wenn man mit traumatisierten Menschen arbeitet.

Stichwort Traumata: Wie heikel ist es eigentlich, jemanden beim Erzählen tiefgreifend erschütternder Erlebnisse zu begleiten?

Man kann dem Gegenüber immer sagen: ‚Wir können jederzeit abbrechen, Sie müssen das nicht erzählen‘. Trotzdem weiß man nie, wie eine Person reagieren wird. Einmal bin ich für einen Kollegen eingesprungen und wusste davor nicht, dass mein Interviewpartner KZ-Überlebender ist. Er ist beim Erzählen völlig weggetreten und war nicht zu stoppen.

Was tut man in einer solchen Situation?

Ich habe den Mann fertig erzählen lassen und dann behutsam in die Gegenwart zurückgeführt und bin erst gegangen, als ich sicher war, dass ich ihn alleine lassen konnte. Im schlimmsten Fall müsste man wohl ärztliche Hilfe holen. Methoden aus der Psychotherapie können jedenfalls hilfreich sein. Ich rufe die Menschen einige Tage nach einem Interview auch an und frage nach, wie es ihnen geht.

Manchmal kann es bestimmt vorkommen, dass jemand im Nachhinein das Gefühl hat, Gesagtes zurücknehmen zu wollen. Was passiert in so einem Fall?

Es ist üblich, dass der oder die Interviewte nach dem Gespräch eine Rechtserklärung unterschreibt. Damit übernehmen die Personen danach selbst die Verantwortung dafür, was sie gesagt haben. Sie sollen nur Dinge erzählen, hinter denen sie stehen. Darum werden diese Rechtserklärungen immer erst nach dem Interview gemacht.

Die offizielle, klassische Einstiegsfrage für ein Oral History-Interview lautet: „Erzählen Sie mir bitte Ihr Leben“. Sie mögen das nicht. Warum?

Mir ist diese Frage zu groß. Nachdem ich in Oral History nie institutionell ausgebildet worden bin, habe ich meine Interviews auch nie so begonnen. Trotzdem ist es so, dass „Erzählen Sie mir bitte Ihr Leben“ erstaunlicherweise funktioniert. Die Antworten darauf dauern zwischen 30 Sekunden und vier Stunden. Meine Interviews dauern meistens zwei bis drei Stunden.

Sie unterrichten Oral History auch schon lange, etwa an der Universität Salzburg. Was ist für Sie das Wichtigste beim Führen eines solchen Gespräches, bei dem es immer um das gesamte Leben einer Person geht?

Dass man Schweigen und Stille aushält. Schweigen ist unsere Stärke. Wir als Oral History-Interviewende treten stark zurück, wir haken auch nicht sofort nach, sondern lassen nach einer Antwort ganz bewusst Ruhe. Das ist ein Unterschied zum Journalismus und nicht immer leicht. Aber so kann man sehen, ob jemand noch einmal im Gedächtnis gräbt, ob da noch eine Geschichte auftaucht. Wenn man im falschen Moment unterbricht, kommen manche Erzählungen nie wieder. Fragt man im richtigen Augenblick nach, sind sie da.

Woran erkennen Sie, ob da „noch was kommt“?

Man sieht es. Oft schauen die Leute dann so nach oben, als ob sie noch einen Ort oder eine Geschichte ‚sehen würden‘. Darum mache ich gerne längere Interviews, denn umso assoziativer wird die Erinnerung.

Sie bevorzugen bei Interviews außerdem das persönliche Gespräch und besuchen Menschen dafür am liebsten zu Hause. Warum dieser private Rahmen?

Im Idealfall habe ich nach einem Interview das Gefühl, verstanden zu haben, was eine Person charakterisiert. Wohnungen sind voll mit Quellen aus der Geschichte eines Lebens, sie sind wie kleine Museen. Wenn man sieht, wie eine Person lebt, bekommt man sehr viel mit.

Oral History ist eine Methode der Geschichtswissenschaft, die in Europa weniger verbreitet ist als anderswo. In den USA, Australien oder südamerikanischen Ländern gibt es an vielen Unis eigene Oral History-Institute. In Europa nicht. Wie kommt es zu diesem Unterschied?

Die USA waren technisch, was das Aufnehmen betrifft, schneller viel weiter. Schon seit 1948 hat die Columbia University in New York ein eigenes Oral History-Institut. Außerdem sind die Universitäten in Europa kleiner, auch darum gibt es hier keine eigenen Institute dafür. Dafür haben wir in Europa eine sehr interessante Methodenvielfalt.

Ein Pionier-Projekt der Oral History stammt dennoch aus Europa. Schon direkt nach dem Zweiten Weltkrieg wurden hier Interviews mit KZ-Überlebenden geführt.

Der lettisch-amerikanische Psychologe David Boder hat 1946 bereits Interviews mit über 100 KZ-Überlebenden in Europa aufgezeichnet. Diese Zeugnisse haben damals aber keine Resonanz gefunden. Sie sind erst Jahrzehnte später wahrgenommen worden.

Heute sind nur mehr wenige NS-Zeitzeug:innen am Leben. Wird Oral History im Bereich NS-Geschichte überhaupt noch weiter möglich sein?

Ja, denn wir können die nächsten Generationen kontaktieren. Wir müssen sie nur finden, das ist oft die Herausforderung. Doch es gibt ein großes Interesse der zweiten und dritten Generation an einer Zusammenarbeit und immer noch genug und sehr spannendes Material.

In Österreich hat es gedauert, bis klar war, wo man Oral History-Gespräche überhaupt aufbewahrt. Heute sind sie in der Österreichischen Mediathek gesichert, die zum Technischen Museum Wien gehört. Warum haben Sie sich dafür eingesetzt?

Weil es davor kein Archiv für Oral History in Österreich gegeben hat. In den 1990er Jahren haben wir – die Wissenschafter:innen, die in Österreich Oral History betrieben haben – jede Menge Menschen interviewt, aber konnten die Gespräche nur jeder für sich aufbewahren. Damit waren es keine Quellen, damit konnte sie niemand überprüfen oder Einsicht nehmen. Die Österreichische Mediathek hat uns schließlich mehr als 600 Interviews abgenommen. Mittlerweile sind sie digitalisiert worden und abrufbar wie in einer Bibliothek.

Wofür werden Oral History-Interviews heute denn verwendet?

Im historischen Bereich werden sie stark in der Forschung genutzt. Denn man kann an die Interviews immer wieder neue Fragen stellen. Außerdem werden Oral History-Gespräche viel in der öffentlichen Kommunikation verwendet oder in der Pädagogik.

Und manchmal sogar als Kinofilm, nicht wahr? Sie haben für das Zeitzeug:innenprojekt von Steven Spielberg fünf Tage lang den österreichischen KZ-Überlebenden Simon Wiesenthal interviewt. Das Filmmuseum Wien hat dieses Gespräch viele Jahre später, 2020, in memoriam Simon Wiesenthal an insgesamt sechs Tagen gezeigt.

Ich hielt das für völlig verrückt! Ich dachte, wie kann man ein Interview, das über elf Stunden lang dauert, ungeschnitten und ungefiltert im Kino zeigen? Doch das Publikum war fasziniert. Die Vorstellungen waren ausverkauft. Damit hatte ich nicht gerechnet. Es war eine Bestätigung dafür, wie stark die Quelle Oral History ist.

 

Interesse geweckt?

Wer selbst Oral History-Interviews führen möchte, kann dafür mit der Sammlung MenschenLeben der Österreichischen Mediathek zusammenarbeiten: mediathek.at/forschungsprojekte/menschenleben

Zur Person:

Historiker Albert Lichtblau leitete den Fachbereich Geschichte und war stellvertretender Leiter des Zentrums für Jüdische Kulturgeschichte der Universität Salzburg. Nach ihm benannt ist die „Sammlung Albert Lichtblau“ in der Österreichischen Mediathek. Dieses Archiv von Interviews mit NS-Opfern ist Teil des UNESCO-Dokumentenerbes. Albert Lichtblau hat weiters die Exilgeschichte-Sammlung „Austrian Heritage Collection“ am Leo Baeck Institute New York mitbegründet. Aktuell arbeitet er zum Thema NS-Widerstand in den Salzburger Bezirken.

 

Interview: Marlene Groihofer