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Anja Ballis: Harmage and Hope - Von interaktiven Zeugnissen zu An-Ekdoten ethischer Bildung

Als 15-Jährige las Anja Ballis im Deutschunterricht das Gedicht „Die Todesfuge“ von Paul Celan. Und musste dabei mittendrin fürchterlich lachen. Nicht aufgrund des Textes. Sondern, weil sie in ihrem jugendlichen Kopf gerade ganz woanders war. Die Scham jenes Augenblicks, als die Lehrerin sie vor der Klasse zurechtwies, hat sich in ihre Erinnerung eingeschrieben: „Ich bin in Grund und Boden versunken“. Die Situation beschäftigt sie bis heute. Nicht nur wegen des Gedichts, sondern wegen der Frage, die daraus entstand: Was passiert, wenn wir urteilen, bevor wir nachfragen? Heute ist Anja Ballis Professorin für Didaktik der deutschen Sprache und Literatur an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Als Deutschdidaktikerin beschäftigt sie sich damit, wie Literatur, Geschichten und Zeugnisse Menschen dazu bringen können, über sich selbst, über Vorurteile und über gesellschaftliche Verantwortung nachzudenken. Einen Schwerpunkt ihrer Tätigkeit bildet „Holocaust Education“.

„Holocaust Education“ – Was ist das?

Anja Ballis denkt das Thema „Holocaust Education“ groß. Als etwas, das tief bis ins Heute reicht. Nicht nur faktisch, sondern auch auf der Gefühlsebene. „Das alles ist Teil des Konzepts von ‚Holocaust Education‘“, sagt sie. Es gehe darum, historisches Wissen zu vermitteln. Und darum, dieses mit der Gegenwart zu verbinden.  

Zum Beispiel, indem man Erlebnisse von NS-Zeitzeug:innen mit Diskriminierungs-Erfahrungen verknüpft, die Menschen in ihrem Leben heute widerfahren, meint Anja Ballis. Doch darf man das? Darf man Mobbing in der Schule mit Zwangsarbeit im Konzentrationslager vergleichen? „Ja“, ist Anja Ballis überzeugt: „Wir sollten uns nicht in Opferkonkurrenzen verheddern, sondern durch Vergleichen lernen.“

Keinesfalls bedeute so ein Nebeneinanderstellen, dass man das Leid der NS-Opfer geringschätze. „Aber wenn man ihre Geschichten des Leids mit Geschichten des Leids von heute verbindet, kann man das Thema virulent halten.“ Heißt: Es kann dazu führen, dass Menschen mehr emotionale Verbindung beim „Erinnern“ spüren, und das wiederum kann einem friedlichen Zusammenleben dienen. „Das nützt dann etwa im Kampf gegen Hate Speech und Fake News“, sagt Anja Ballis.

Geschichten des Leids teilen

Für ihr aktuelles Buch „Harmage and Hope“*, das Anja Ballis gemeinsam mit der Holocaust-Überlebenden Agnes Kaposi verfasst hat, sammelte sie 46 kurze Erzählungen über Erfahrungen von Ausgrenzung, Verletzung und Diskriminierung. Neben traumatischen Berichten über die NS-Zeit finden sich unter diesen Anekdoten somit auch aktuelle, auf den ersten Blick völlig davon losgelöste Erlebnisse – wie etwa Diskriminierungs-Erfahrungen von Menschen mit chinesischen Wurzeln in den USA während der Corona-Pandemie. Was zeigt sich, wenn man diese Geschichten miteinander in Verbindung bringt? „Dass das Leid nicht aufhört. Dass wir nach wie vor nicht aufhören, Menschen in Gruppen einzuteilen und mit Vorurteilen und Stereotypen zu belegen.“

Und was dagegen tun?

Anja Ballis lässt Schüler:innen und Studierende Fragen an diese Anekdoten stellen. Sie fordert sie auf, sich zu überlegen: Was müsste ganz konkret passieren, damit das Leid in den erzählten Situationen gelindert wird? Sie lässt diese Anekdoten um- und weiterschreiben, um die Situation zu verändern. Co-Autorin Agnes Kaposi hat dazu ein „Interventionsmodell“ entwickelt. Dabei geht es um die Förderung von Zivilcourage. „Man kann im Alltag nämlich fast überall eingreifen und das ist eine tolle Erfahrung! Es wird einfach nur wenig gemacht“, sagt Anja Ballis: „Wir wollen das ‚Intervenieren‘ stärken.“ Wer also um Geschichten des Leids weiß und versucht, aktiv Lösungen dafür zu finden, fragt sich vielleicht auch selbst: Wann eigentlich bin ich mutig genug, jemanden zu verteidigen? Wann helfe ich, wenn jemand ausgegrenzt wird?

Das digitale Zeugnis aktiv nutzen

Aktive Erinnerungsarbeit fördert Anja Ballis auch mit einem weiteren Projekt. Seit 2018 arbeitete sie für die Ludwig-Maximilians-Universität München daran, digitale NS-Zeitzeugnisse zu erstellen. Ziel dabei war nicht, noch lebende Zeitzeug:innen dadurch zu ersetzen, „sondern eine Ergänzung dazu.“ Als Teil eines „Medienverbundes der Erinnerung“ sieht Anja Ballis den digitalen Versuch namens „Lernen mit digitalen Zeugnissen (LediZ)“.

Mithilfe von Spracherkennung wurden 3D-Hologramme dreier Zeitzeug:innen erstellt. 1000 Fragen beantworteten Abba Naor und Eva Umlauf dafür vor der Kamera. Als Besucher:in der LediZ-Webseite kann man nun interaktiv mit deren virtuellem Video-Ich in Kontakt treten. Mit der Digital-Version des Überlebenden Ernst Otto Krakenberger kann man außerdem auch chatten. „Ich finde wichtig, dass man mit diesen virtuellen Abbildern in eine Art Dialog treten kann“, sagt Anja Ballis, „denn ich halte es für relevant, dass man dabei selbst aktiv werden muss. Bei diesem Projekt kann man nicht einfach auf Knopfdruck ‚konsumieren‘, sondern man muss sich Fragen an die ‚Personen‘ überlegen.“

Fragen und Zuhören

Wenn Deutschdidaktikerin Anja Ballis über Erinnerungsarbeit erzählt, dann wirft auch sie selbst viele Fragen auf. Fragen, auf die es nicht zwingend eine Antwort geben kann und muss. „Wussten Sie, dass noch gar nicht erforscht ist, wie nachhaltig Zeitzeug:innengespräche eigentlich wirken? Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, wie wir Zeitgeschichte kuratieren – und was das mit unserer Wahrnehmung macht? Und was sagen eigentlich Zeitzeug:innen selbst dazu, wie ‚ihre Geschichte‘ dargestellt wird?“

Erinnerungsarbeit, das zeigt sich auch hier, besteht aus vielen einzelnen Puzzleteilen, vielen Fragen und oft fehlenden Antworten. Und dabei nicht nur aus Schwere, betont Anja Ballis. Für sie liegt die eigentliche Hoffnung der Erinnerungsarbeit darin, dass aus Zuhören Verstehen wird – und aus Verstehen Handeln.

 

*   Harmage and Hope (Harmage ist ein Kunstbegriff, bestehend aus den Worten „harm“ und „damage“) versteht sich als Impuls für Dialog und gesellschaftliches Umdenken. Insgesamt 46 „Geschichten des Leids“ wurden dafür in Anekdotenform gesammelt. Ausgehend davon, und ausgehend von den persönlichen Erinnerungen der Holocaust-Überlebenden Agnes Kaposi, wurden darin Ideen zur Förderung von mehr Empathie und Inklusion entwickelt. Harmage and Hope, verfasst von Agnes Kaposi, Anja Ballis und Ian Pyle, erschien 2026 im Springer Verlag.

 

Zum Projekt:

Mehr Infos zu LediZ - Lernen mit digitalen Zeugnissen

Zur Person:

Anja Ballis ist Professorin für Didaktik der deutschen Sprache und Literatur an der Ludwig-Maximilians-Universität München. In ihrer Forschung verbindet sie Holocaust Education, Literaturdidaktik und diskriminierungskritische Bildungsarbeit. International bekannt wurde sie durch ihre Arbeiten zu digitalen Zeitzeugnissen von Holocaust-Überlebenden sowie durch die Entwicklung dialogischer Ansätze, die Erinnerungsarbeit, Empathie und gesellschaftliches Handeln miteinander verknüpfen.

 

Text: Marlene Groihofer