Vetmeduni: Sie sind selbst Jüdin und Teil der jüdischen Gemeinde in Wien. Den 7. Oktober 2023, das Attentat der Hamas auf Israel, bezeichnen Sie als „unfassbare Zäsur“. Was ist seither – auch in Wien – anders?
Alexia Weiss: Seit damals hat sich das erdrückende Gefühl einer Dauerbelastung eingestellt. Die Lebensrealität von Jüdinnen und Juden hat sich weltweit verändert, nicht nur in Israel. Immer wieder bemerke ich, dass Nicht-Juden gar nicht nachvollziehen können, wie tief diese Zäsur des 7. Oktober 2023 geht. In Österreich hat sich für Jüdinnen und Juden insgesamt das Sicherheitsbedürfnis verändert, der nötige Schutz, der Alltag.
Man spricht zu einem Teil auch von „ambient antisemitism“ – unterschwelligem, nicht ausgesprochenem Antisemitismus. Wie zeigt sich diese Form?
Durch eine Allgegenwärtigkeit im öffentlichen Raum. Zum Beispiel durch Aufkleber, Flugblätter, anti-israelische Demos, ein vergiftetes Klima in sozialen Medien, ein Verstummen von Solidarität und fehlender Empathie mit den Opfern des 7. Oktobers.
Speziell zwei Gruppen sind in Wien aktuell von direkten antisemitischen Übergriffen betroffen, sagen Sie. Orthodoxe Jüdinnen und Juden sowie Kinder und Jugendliche.
Orthodoxe Jüdinnen und Juden, die durch ihre Kleidung als jüdisch erkennbar sind, erleben verstärkt Anfeindungen auf der Straße. Vor allem aber sind Kinder und Jugendliche Antisemitismus ausgesetzt. Die meisten jüdischen Kinder in Wien besuchen jüdische Schulen. Diejenigen, die in öffentliche Schulen gehen, erleben dort massiven Hass, genauso wie auch junge Erwachsene in Freizeiteinrichtungen oder an Universitäten. Dazu kommt noch der Hass auf Social Media.
Woher kommt dieser ansteigende Antisemitismus im Internet, der Menschen auch instrumentalisiert?
Der Angriff der Hamas wurde und wird von einem PR-Krieg begleitet. Das Internet wird geflutet mit antisemitischen Botschaften.
2025 gab es 1.532 gemeldete antisemitische Vorfälle in Wien. Die höchste jemals registrierte Zahl der Antisemitismus-Meldestelle der IKG für die Bundeshauptstadt. Eine Verdoppelung seit 2022. Ist Wien für Jüdinnen und Juden unsicher geworden?
Wien ist im Vergleich mit anderen europäischen Städten immer noch sicher. Alle Regierungen der letzten Jahre haben das Thema Antisemitismus ernst genommen. Es wird massiv in die Sicherheit von Jüdinnen und Juden investiert, hier ist Österreich vorbildlich, auch was den Schutz jüdischer Einrichtungen betrifft. Das ist in anderen Staaten nicht so. Doch die Dunkelziffer an antisemitischen Übergriffen, die gar nicht gemeldet werden, ist natürlich sehr hoch.
Zum Thema Israel-Gaza-Konflikt, das unmittelbare Auswirkungen auf den Anstieg von Antisemitismus hat, sind viele lautstarke Meinungen im Umlauf. Was würden Sie sich wünschen, bevor jemand seine Sicht der Dinge kundtut?
Es ist ein sehr komplexes Thema, das man nicht verstehen kann, wenn man sich nicht mit der gesamten Geopolitik und Geschichte der Region auseinandersetzt, und mit der Rolle des Iran. Es geht hier nicht nur um Jüdinnen und Juden. Es geht um die offene Gesellschaft, die angegriffen wird. Um eine offene Lebensweise, um Homosexualität, um Gleichberechtigung. Es geht am Ende jeden von uns an.
Von Erinnerungsarbeit zum Thema Holocaust sind Sie mittlerweile zum Teil enttäuscht. Warum?
Sie ist wichtig, aber ich denke, wir haben als Gesellschaft lange fälschlicherweise angenommen, wenn wir jedem alles über den Nationalsozialismus und die Shoah erzählen, wird klar, dass es Antisemitismus nie wieder geben darf. Dieses Versprechen hat sich leider nicht erfüllt. Wir sind völlig im postfaktischen Zeitalter angekommen. Es braucht Medienbildung. Und Antisemitismus-Prävention in einer ganz anderen Form.
Welche Herangehensweise wäre Ihrer Meinung nach zielführender?
Man muss ein wirkliches Bewusstsein dafür schaffen, welch lange Geschichte der Antisemitismus hat, von der Antike bis heute, und welche Rolle die christlichen Kirchen darin spielen. Man muss aufzeigen, wie Antisemitismus sich immer wieder gewandelt hat. Man muss auch über die Blitzableiter-Funktion sprechen, die Antisemitismus in der Gesellschaft hat. Für jede Krise werden Jüdinnen und Juden als Sündenbock hergenommen, oder als Projektionsfläche. Über die Shoah zu sprechen, wird als Maßnahme nicht genügen. Denn Antisemitismus zeigt sich in immer wieder neuen Erscheinungsformen.