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Alexia Weiss und Mitchell Ash: Jüdisches Leben in Wien - Impulsvortrag mit Podiumsdiskussion

Etwa 8.000 Jüdinnen und Juden zählt die Israelitische Kultusgemeinde Wien heute. „Nachfahren jüdischer Menschen, die bereits vor der Shoah hier gelebt haben, sind dabei die Ausnahme“, sagt die Journalistin Alexia Weiss.

Viele Jüdinnen und Juden aus Osteuropa blieben nach ihrer Befreiung aus NS-Konzentrationslagern mit Kriegsende in Wien. Ab den 1970er-Jahren gab es jüdische Zuwanderung aus der Sowjetunion: Vor allem aus Zentralasien wollten Jüdinnen und Juden via Österreich nach Israel auswandern, entschieden sich zum Teil aber um und wurden in Wien wohnhaft. Seit 2022 gibt es aufgrund des Ukraine-Kriegs auch Zuzug ukrainischer Jüdinnen und Juden, ebenso gibt es vermehrt jüdische Einwanderung aus Israel.

„Die jüdische Gemeinde in Wien ist eine sehr inhomogene Gruppe“, sagt Journalistin und Autorin Alexia Weiss. Sie schreibt für das jüdische Stadtmagazin „Wina“ und publiziert auch zum Judentum. 2021 erschien bei Kremayr & Scheriau ihr Buch „Jude ist kein Schimpfwort. Zwischen Umarmung und Ablehnung – Jüdisches Leben in Österreich“.

Nicht nur ethnisch-geografisch sei die jüdische Community in Wien vielfältig, sagt Alexia Weiss, auch, was ihre Religiosität betrifft. Denn das Judentum umfasst Religion und kulturelle Identität zugleich. „Es gibt sehr orthodoxe Juden, sehr linke Juden bis hin zu Autor Doron Rabinovici, der sagt, er ist Jude und Atheist.“

Etwas, das alle Jüdinnen und Juden Wiens eint, ist das Erleben einer erneut anwachsenden Feindschaft gegen ihre religiöse, kulturelle und ethnische Zugehörigkeit. Was man gegen den steigenden Antisemitismus heute tun kann, warum er das freie Leben aller bedroht und wieso sie Erinnerungsarbeit kritisch sieht: Die Vetmeduni hat mit Alexia Weiss über die aktuelle Situation gesprochen.

Vetmeduni: Sie sind selbst Jüdin und Teil der jüdischen Gemeinde in Wien. Den 7. Oktober 2023, das Attentat der Hamas auf Israel, bezeichnen Sie als „unfassbare Zäsur“. Was ist seither – auch in Wien – anders?

Alexia Weiss: Seit damals hat sich das erdrückende Gefühl einer Dauerbelastung eingestellt. Die Lebensrealität von Jüdinnen und Juden hat sich weltweit verändert, nicht nur in Israel. Immer wieder bemerke ich, dass Nicht-Juden gar nicht nachvollziehen können, wie tief diese Zäsur des 7. Oktober 2023 geht. In Österreich hat sich für Jüdinnen und Juden insgesamt das Sicherheitsbedürfnis verändert, der nötige Schutz, der Alltag.

Man spricht zu einem Teil auch von „ambient antisemitism“ – unterschwelligem, nicht ausgesprochenem Antisemitismus. Wie zeigt sich diese Form?

Durch eine Allgegenwärtigkeit im öffentlichen Raum. Zum Beispiel durch Aufkleber, Flugblätter, anti-israelische Demos, ein vergiftetes Klima in sozialen Medien, ein Verstummen von Solidarität und fehlender Empathie mit den Opfern des 7. Oktobers.

Speziell zwei Gruppen sind in Wien aktuell von direkten antisemitischen Übergriffen betroffen, sagen Sie. Orthodoxe Jüdinnen und Juden sowie Kinder und Jugendliche.

Orthodoxe Jüdinnen und Juden, die durch ihre Kleidung als jüdisch erkennbar sind, erleben verstärkt Anfeindungen auf der Straße. Vor allem aber sind Kinder und Jugendliche Antisemitismus ausgesetzt. Die meisten jüdischen Kinder in Wien besuchen jüdische Schulen. Diejenigen, die in öffentliche Schulen gehen, erleben dort massiven Hass, genauso wie auch junge Erwachsene in Freizeiteinrichtungen oder an Universitäten. Dazu kommt noch der Hass auf Social Media.

Woher kommt dieser ansteigende Antisemitismus im Internet, der Menschen auch instrumentalisiert?

Der Angriff der Hamas wurde und wird von einem PR-Krieg begleitet. Das Internet wird geflutet mit antisemitischen Botschaften.

2025 gab es 1.532 gemeldete antisemitische Vorfälle in Wien. Die höchste jemals registrierte Zahl der Antisemitismus-Meldestelle der IKG für die Bundeshauptstadt. Eine Verdoppelung seit 2022. Ist Wien für Jüdinnen und Juden unsicher geworden?

Wien ist im Vergleich mit anderen europäischen Städten immer noch sicher. Alle Regierungen der letzten Jahre haben das Thema Antisemitismus ernst genommen. Es wird massiv in die Sicherheit von Jüdinnen und Juden investiert, hier ist Österreich vorbildlich, auch was den Schutz jüdischer Einrichtungen betrifft. Das ist in anderen Staaten nicht so. Doch die Dunkelziffer an antisemitischen Übergriffen, die gar nicht gemeldet werden, ist natürlich sehr hoch.

Zum Thema Israel-Gaza-Konflikt, das unmittelbare Auswirkungen auf den Anstieg von Antisemitismus hat, sind viele lautstarke Meinungen im Umlauf. Was würden Sie sich wünschen, bevor jemand seine Sicht der Dinge kundtut?

Es ist ein sehr komplexes Thema, das man nicht verstehen kann, wenn man sich nicht mit der gesamten Geopolitik und Geschichte der Region auseinandersetzt, und mit der Rolle des Iran. Es geht hier nicht nur um Jüdinnen und Juden. Es geht um die offene Gesellschaft, die angegriffen wird. Um eine offene Lebensweise, um Homosexualität, um Gleichberechtigung. Es geht am Ende jeden von uns an.

Von Erinnerungsarbeit zum Thema Holocaust sind Sie mittlerweile zum Teil enttäuscht. Warum?

Sie ist wichtig, aber ich denke, wir haben als Gesellschaft lange fälschlicherweise angenommen, wenn wir jedem alles über den Nationalsozialismus und die Shoah erzählen, wird klar, dass es Antisemitismus nie wieder geben darf. Dieses Versprechen hat sich leider nicht erfüllt. Wir sind völlig im postfaktischen Zeitalter angekommen. Es braucht Medienbildung. Und Antisemitismus-Prävention in einer ganz anderen Form.

Welche Herangehensweise wäre Ihrer Meinung nach zielführender?

Man muss ein wirkliches Bewusstsein dafür schaffen, welch lange Geschichte der Antisemitismus hat, von der Antike bis heute, und welche Rolle die christlichen Kirchen darin spielen. Man muss aufzeigen, wie Antisemitismus sich immer wieder gewandelt hat. Man muss auch über die Blitzableiter-Funktion sprechen, die Antisemitismus in der Gesellschaft hat. Für jede Krise werden Jüdinnen und Juden als Sündenbock hergenommen, oder als Projektionsfläche. Über die Shoah zu sprechen, wird als Maßnahme nicht genügen. Denn Antisemitismus zeigt sich in immer wieder neuen Erscheinungsformen.

 

Zur Person:

Alexia Weiss ist Journalistin und Autorin. Aktuell arbeitet sie vor allem zu jüdischen und gesellschaftspolitischen Themen. Sie ist Redakteurin von „WINA – Das jüdische Stadtmagazin“ und schreibt für weitere Medien wie das Magazin NEWS. In ihren Büchern widmet sie sich verschiedenen Aspekten jüdischen Lebens. Zuletzt erschien aber auch eine kritische Betrachtung zum Thema Schule („Zerschlagt das Schulsystem ... und baut es neu!“).

 

Text und Interview: Marlene Groihofer


(K)eine Chance? Jüdisches Leben in Wien um 1900

Mitchell Ash

Zwei Millionen Einwohner:innen hatte Wien um 1900. „Es war so groß wie nie zuvor und lange danach nicht mehr“, sagt Historiker Mitchell Ash, emeritierter Professor für Geschichte der Neuzeit an der Universität Wien. Tausende Menschen übersiedelten damals in die Stadt. „Das hatte mit der Industrialisierung zu tun. Es gab viel klassische wirtschaftlich motivierte Einwanderung.“ Menschen kamen aus Böhmen und aus Niederösterreich nach Wien. Viele Jüdinnen und Juden zogen aus den Kronländern Österreich-Ungarns her: „Vor allem aus Galizien, aber auch aus der Bukowina und den anderen Teilen der Monarchie, in denen Armut herrschte. Man meinte, in Wien bessere Chancen zu haben.“

Erst ab 1867 wurden Jüdinnen und Juden durch die Verfassung zu Staatsbürger:innen. Erst dadurch und mit der zudem eingeführten Freiheit der Berufswahl wurde ihnen in Österreich-Ungarn auch erlaubt, akademische Berufe zu ergreifen. „Gelehrte Tätigkeiten waren plötzlich nicht mehr konfessionell gebunden. Das war eine Revolution.“ Zuvor waren Juden viele Karrierewege verschlossen gewesen: „Sie arbeiteten in Branchen mit geringerem Status, oft im Handel.“ Jetzt konnten sie Juristen werden, Mediziner oder Journalisten. „Bildung hatte unter Juden immer großen Wert. Nun war sie plötzlich zugänglich.“

Große Erfolge im Beruf

175.000 Jüdinnen und Juden lebten um 1900 in Wien. Viele jüdische Männer (Karriere war damals generell den Männern vorbehalten) etablierten sich beruflich sehr rasch höchst erfolgreich. „Die Verbürgerlichung der Juden ist das Hauptphänomen dieser Zeit“, sagt Mitchell Ash. Um die Jahrhundertwende waren etwa zehn Prozent aller ordentlichen Professoren der Universität Wien jüdischer Herkunft: das entsprach dem insgesamten Bevölkerungsanteil von Jüdinnen und Juden in der Stadt. Unter Habilitierten war die Zahl weit höher: Juden machten darunter an der Medizinischen Fakultät etwa 51 Prozent aus und rund 38 Prozent an der Juristischen Fakultät.

Am Antisemitismus änderte das nichts. „Viele Juden hatten gehofft, es würde helfen, wenn sie beruflich erfolgreich sind. Das Gegenteil war der Fall“, erklärt Mitchell Ash. Dabei fand zu dieser Zeit in vielen Bereichen der Monarchie eine kulturelle und intellektuelle Liberalisierung statt. Kunst, Musik und Wissenschaft wurden freier. Doch genau dadurch empfanden viele Leute sich als abgehängt. „Das Gefühl eines Defizits stärkte den Neid und den Nährboden für Hass.“ Juden dienten als Sündenbock. „Nicht nur im Kleinbürgertum, sondern in allen Bevölkerungsschichten.“

Eine lange Tradition

Plötzlich aufgetaucht war dieser Antisemitismus keineswegs: „Die Tradition des christlichen Anti-Judaismus bestand schon seit Jahrhunderten“, sagt Historiker Mitchell Ash. 

Um 1900 waren Jüdinnen und Juden zwar rechtlich Staatsbürger:innen von Österreich-Ungarn. „Zugleich war es wieder zunehmend möglich, Judenhass offen auszuleben“, sagt Mitchell Ash. Das konnte man in völkischen Vereinigungen ebenso tun wie in der Politik.

„Wieder gesellschaftsfähig“

Und heute? Mehr als achtzig Jahre nach dem Holocaust? Zahlreiche Studien belegen einen erneuten Anstieg des Antisemitismus, auch in Österreich. Es gab nach dem Zweiten Weltkrieg Jahrzehnte, sagt Mitchell Ash, in denen man wusste, „es ist nicht mehr geschickt, sich antisemitisch zu äußern. Es ist nicht förderlich für das eigene Fortkommen.“ Heute sei es wieder gesellschaftsfähig. „Nach dem Angriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 schien der Judenhass wie aus dem Nichts aufgetaucht zu sein“, sagt Mitchell Ash. „Doch in Wirklichkeit war diese Gesinnung immer da. Sie ist nie verschwunden.“

Zur Person:

Mitchell G. Ash (PhD Harvard University) ist emeritierter Professor für Geschichte der Neuzeit mit Schwerpunkt Wissenschaftsgeschichte an der Universität Wien. Sein Forschungsschwerpunkt ist die Beziehungsgeschichte der Wissenschaften und Universitäten mit Politik, Gesellschaft und Kultur vom 19. Jahrhundert bis heute. Er ist Präsident des Israel Studies Center Vienna und Vorstandsmitglied des Koordinationsausschusses für christlich-jüdische Zusammenarbeit.

 

Text: Marlene Groihofer