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Was bleibt? NS-Gedenkstätten und Orte des Erinnerns persönlich erleben - Erfahrungsbericht und Podiumsdiskussion

Zu Fuß nach Auschwitz-Birkenau

Im Frühjahr 2025 nahm Vizerektorin der Vetmeduni Barbara Bockstahler am „International March of the Living“ in Polen teil. Eine Reise, die viele Eindrücke und Denkanstöße hinterließ.

Auschwitz hatte ich zuvor noch nie besucht. Zum ersten Mal zwischen den Baracken zu stehen war eine besondere Erfahrung. Gleichzeitig fiel mir auf, wie unterschiedlich Menschen mit einem solchen Ort umgehen. Während manche die Atmosphäre sehr ruhig und nachdenklich aufnahmen, waren andere in Gruppen unterwegs, unterhielten sich oder lachten. Diese unterschiedlichen Formen des Zugangs zu Erinnerung und Gedenken haben mich beschäftigt.

Die Einladung erreichte mich im Frühjahr 2025, kurz nach meinem Amtsantritt als Vizerektorin. In einer E-Mail wurde angefragt, ob ich die Vetmeduni beim „International March of the Living“ vertreten möchte.

Von dieser Initiative hatte ich bis dahin noch nicht gehört. Nach kurzer Beschäftigung mit dem Projekt war für mich jedoch klar, dass ich diese Gelegenheit wahrnehmen wollte.

Der „March of the Living“ findet seit 1988 jährlich rund um den jüdischen Gedenktag Yom HaShoah statt. Tausende Teilnehmer:innen aus aller Welt kommen nach Auschwitz-Birkenau, um der Opfer des Holocaust zu gedenken und ein Zeichen gegen das Vergessen zu setzen.

Im April 2025 reiste ich für fünf Tage nach Polen. Das Programm war intensiv und bot zahlreiche Möglichkeiten zum Austausch mit Menschen aus unterschiedlichen Ländern und Institutionen. Besonders wertvoll waren die vielen Gespräche und Perspektiven, die während dieser Tage zusammenkamen.

Gemeinsam mit internationalen Universitätsvertreter:innen nahmen wir an Seminaren, Exkursionen und Diskussionsrunden in und um Krakau teil. Begleitet wurde das Programm von Sharon Kangisser-Cohen vom „Diana and Eli Zborowski Center for the Study of the Holocaust and its Aftermath“ sowie vom Israel-Experten Michael B. Soberman. Besonders beeindruckend war für mich die Begegnung mit Eva Kuper.

1939 geboren, wuchs die Jüdin Eva Kuper im Warschauer Ghetto auf, bis sie 1942 mit ihrer Mutter auf einen Deportationszug verladen wurde. „Das ist mein Kind“, schrie ihre Cousine in letzter Minute und konnte damit die kleine Eva vor der Ermordung retten. Ihre Lebensgeschichte und die Möglichkeit, mehrere Tage mit ihr zu verbringen, verliehen vielen Orten und historischen Ereignissen eine zusätzliche, sehr persönliche Dimension.

Eva begleitete uns überallhin: als wir das Areal des ehemaligen Krakauer Ghettos besichtigten, die Remuh-Synagoge oder die berühmte Fabrik von Oskar Schindler. Auch in die Krakauer Oper, wo bei einer Gedenkveranstaltung einige Offiziere des israelischen Militärs musizierten. An diesem Abend saß Eva neben mir, es war berührend zu sehen, welche Emotionen diese Veranstaltung in Eva auslöste.

Manche Programmpunkte waren schwer zu verarbeiten. Besonders das Museum des ehemaligen Auschwitz-Häftlings Marian Kołodziej hinterließ einen bleibenden Eindruck. Die dort ausgestellten Zeichnungen vermitteln die Erfahrungen der Häftlinge in einer Intensität, die schwer auszuhalten ist.

Am 24. April 2025 fand schließlich der offizielle „March of the Living“ statt. Gemeinsam mit rund 10.000 Teilnehmer:innen aus aller Welt ging ich jenen Weg, der während der NS-Zeit für unzählige Menschen die letzte Etappe ihres Lebens bedeutete.

Die etwa drei Kilometer lange Strecke führt vom Stammlager Auschwitz nach Birkenau. In Birkenau begleiten Bahngleise und Stacheldrahtzäune die Teilnehmer:innen entlang des Weges. Besonders prägen die zahlreichen Schornsteine das Bild. Sie sind oft das Einzige, was von den ehemaligen Baracken geblieben ist, nachdem die Nationalsozialist:innen große Teile des Lagers gegen Kriegsende zerstörten, um die Spuren ihrer Verbrechen zu verwischen.

Unter den Teilnehmer:innen befanden sich zahlreiche Zeitzeug:innen sowie viele junge Menschen. Die Atmosphäre war dabei vielfältig. Während einige den Marsch als stilles Gedenken gestalteten, wählten andere bewusst eine Form, die das Weiterleben und die Zukunft in den Mittelpunkt stellte.

Während der Abschlussveranstaltung zog ein heftiges Gewitter über Birkenau. Innerhalb weniger Minuten verwandelte starker Regen das Gelände. Die Witterung veränderte die Stimmung schlagartig und machte die Dimension des Ortes auf eine unerwartete Weise spürbar. Nun waren alle auf der Flucht.

Jeder hat wohl dieses Bild der Zug-Gleise im Kopf. Als das Gewitter über Birkenau hereinbrach, setzte sich eine lange Menschenmenge entlang der Gleise in Richtung Ausgang in Bewegung. Tausende Besucher:innen verließen das Gelände, suchten Schutz vor Regen und Sturm.

Während ich mit den anderen den Weg hinausging, dachte ich daran, dass genau darin der entscheidende Unterschied liegt: Wir können diesen Ort wieder verlassen. Die Menschen, die während der NS-Zeit hier ankamen, konnten das nicht.

Menschen aus aller Welt gehen beim „International March of the Living“ jedes Jahr zu Fuß vom ehemaligen KZ Auschwitz zum Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Der „March of the Living“ ist außerdem ein Bildungsprogramm, das der Erinnerungsarbeit dient. Gezielt luden die Veranstalter aufgrund des spürbar steigenden Antisemitismus an Universitäten 2025 auch Hochschul-Vertreter:innen zur Teilnahme ein. Vor allem Unis aus den USA und Kanada waren vor Ort präsent, aus Österreich folgten die Vetmeduni und die MedUni Innsbruck der Einladung.

Zur Person:

Barbara Bockstahler studierte in Wien Veterinärmedizin und leitete ab 2009 die Ambulanz für Physikalische Medizin und Rehabilitation an der Vetmeduni. Sie ist unter anderem Diplomate des European College of Veterinary Sports Medicine and Rehabilitation. Zu ihrem Forschungsschwerpunkt der Biomechanik des Hundes habilitierte sie sich 2009. Seit April 2025 ist Barbara Bockstahler Vize-Rektorin für Lehre, Lehrinnovationen und klinische Angelegenheiten der Veterinärmedizinischen Universität Wien.

 


Wie fühlt sich ein ehemaliges KZ als tägliche Arbeitsumgebung an?

Wenn Silke Umdasch in ihrem Büro sitzt, dann befindet sie sich an einem Ort des Verbrechens. Sie arbeitet dort, wo Menschen jahrelang gefangen gehalten, entwürdigt und umgebracht wurden: im früheren Konzentrationslager Mauthausen in Oberösterreich. Die Historikerin ist dort als Vermittlerin und Sammlungsmitarbeiterin tätig.

Mauthausen war während des Zweiten Weltkriegs das größte Konzentrationslager auf dem Gebiet des heutigen Österreich. Seit 1949 ist es eine Gedenkstätte. Weit weniger bekannt sind die über 40 Außenlager des ehemaligen KZs. „An vielen Orten erinnert gar nichts mehr an diese Außenstellen“, sagt Silke Umdasch. Von Ebensee bis Schwechat lagen die weiteren Lager verstreut, von Attnang-Puchheim bis Graz. „Unser Ziel ist es, dass dort überall ein Denkmal aufgestellt wird“, sagt Silke Umdasch, „damit auch diese Orte nicht in Vergessenheit geraten.“

Im ehemaligen Hauptlager von Mauthausen setzt man außerdem auf Aktualität. „Wir versuchen, immer wieder neue Themen aufzugreifen.“ Aktuell etwa kann man archäologische Fundstücke aus der NS-Zeit besichtigen. Auch zum Thema „Täter:innen in Mauthausen“ plant das Team eine Ausstellung.

Wie fühlt sich ein ehemaliges KZ als tägliche Arbeitsumgebung an? Und was möchte Silke Umdasch ihren Besucher:innen mitgeben? Ein Gespräch über würdevolles Erinnern und welche Kraft es haben kann, das gemeinsam zu tun.

Vetmeduni: Frau Umdasch, Ihr Büro liegt im ehemaligen Schutzhaftlager von Mauthausen, mitten im Häftlingsbereich. Wie reagieren Menschen, wenn Sie erzählen, wo Sie arbeiten?

Silke Umdasch: Es gibt immer wieder Leute, die sagen, sie selbst könnten das nie. Andererseits gibt es auch viel Wertschätzung für uns Mitarbeitende der Gedenkstätte, dafür, dass wir diese Arbeit mit Hingabe machen. Hass oder Negativität sind mir noch nie begegnet.

Etwa 190.000 Menschen waren in der NS-Zeit in Mauthausen und den zugehörigen Nebenlagern inhaftiert. Mindestens 90.000 von ihnen sind dort zu Tode gekommen. Mit diesem Wissen im Kopf: Lässt es sich an so einem Ort überhaupt „normal“ am Schreibtisch sitzen oder Kaffeepause machen?

Auf eine gewisse Art gewöhnt man sich daran. Man muss eine Art von Distanz aufbauen, ohne abzustumpfen. Mit meinen Kolleg:innen tauschen wir uns dazu auch immer wieder aus. Wir sind uns einig darin, dass es für uns auch ein normaler Arbeitsplatz sein darf, an dem wir auch miteinander lachen und essen.

Vermutlich gibt es dabei aber Grenzen?

Natürlich. Im Häftlingsbereich essen wir zum Beispiel nicht. Aber wir sitzen sehr wohl manchmal im Bistro des Besucherzentrums in der Sonne. Dabei handelt es sich zwar noch um historisches Areal, aber nicht um ein historisches Gebäude.

Barbara Bockstahler, Vizerektorin der Vetmeduni, hat 2025 bei der Gedenk-Veranstaltung „International March of the Living“ in Auschwitz teilgenommen. Es hat sie beschäftigt, wie unterschiedlich Menschen gedenken und dass unter den Teilnehmer:innen auch viel gelacht wurde. Darf man das als Besucher:in eines ehemaligen Konzentrationslagers?

Es ist eine sehr fordernde Thematik und jeder geht unterschiedlich damit um. Manche weinen, manche lachen, manche reagieren laut, andere leise. Lachen kann eine Art sein, um mit Überforderung umzugehen. Solange man sich trotzdem würdevoll verhält und andere nicht damit belästigt, sehe ich es nicht als problematisch. Wir weisen in Mauthausen aber darauf hin, dass eine Gedenkstätte auch ein Friedhof ist. Man sollte sich also respektvoll diesem Ort gegenüber benehmen. Nur Fotos machen, die angemessen sind, im Häftlingsbereich nicht essen oder rauchen. Hier gibt es klare Regeln.

Das heißt, es ist sehr unterschiedlich, wie Besucher:innen während Führungen durch das ehemalige KZ auf die Eindrücke reagieren?

Ja, und ich will niemandem vorschreiben, wie er an diesem Ort fühlen muss. Manche haben das Bedürfnis, alles sofort zu besprechen und sich auszutauschen. Andere sind ganz still und brauchen Zeit, um zu verarbeiten. Sie stellen sich vielleicht erst später Fragen dazu. Mir selbst ist es beim Besuch von Gedenkstätten während meiner eigenen Schulzeit so gegangen. Mir sind immer erst später Fragen gekommen.

Was sollen Besucher:innen nach einer Führung mit Ihnen im besten Fall mit nach Hause nehmen?

100 Prozent unseres Publikums erreichen wir nie, das ist uns bewusst. Ich freue mich, wenn pro Gruppe bei einigen irgendetwas hängenbleibt. Das kann eine Information sein, ein Anblick, ein Gefühl oder eine Frage. Schön ist, wenn daraus entsteht, dass jemand sich weiter mit dem Holocaust beschäftigt, egal ob aktiv oder passiv. Es ist schon viel erreicht, wenn das Thema für jemanden einfach nur präsent bleibt.

Gibt es so etwas wie den „March of the Living“ eigentlich auch in Österreich?

2025 und 2026 fand „Geh-Denk-Spuren“ statt, eine dreitätige Wanderung von Mauthausen nach Gunskirchen, in Erinnerung an die „Todesmärsche“.

Was kann, aus Ihrer Sicht als Historikerin und Geschichtsvermittlerin, ein gemeinsamer Gedenkmarsch bewirken?

Man wird sich der Geschichte auf eine aktive Art und Weise bewusst. Und ich glaube, es ist sehr schön, wenn man dieses Erleben teilen kann. Man ist mit anderen Menschen unterwegs, die sich alle an das Gleiche erinnern wollen. Das kann sehr stärkend sein.

Zur Person:

Silke Umdasch ist Historikerin und Dissertantin am Institut für Zeitgeschichte an der Universität Wien. Sie arbeitet an der KZ-Gedenkstätte Mauthausen als Vermittlerin und Sammlungsmitarbeiterin. Für ihre Masterarbeit über sexualisierte Gewalt im Konzentrationslagerkomplex Mauthausen erhielt sie 2025 den Mauthausen-Memorial-Forschungspreis. Die Dissertation beschäftigt sich mit Täterinnen im Konzentrationslagerkomplex Mauthausen. Zu diesem Themenschwerpunkt war sie 2026 Gedenkrednerin bei der Befreiungsfeier des ehemaligen Außenlagers Steyr-Münichholz.

 

Text und Interview: Marlene Groihofer