Vetmeduni: Frau Umdasch, Ihr Büro liegt im ehemaligen Schutzhaftlager von Mauthausen, mitten im Häftlingsbereich. Wie reagieren Menschen, wenn Sie erzählen, wo Sie arbeiten?
Silke Umdasch: Es gibt immer wieder Leute, die sagen, sie selbst könnten das nie. Andererseits gibt es auch viel Wertschätzung für uns Mitarbeitende der Gedenkstätte, dafür, dass wir diese Arbeit mit Hingabe machen. Hass oder Negativität sind mir noch nie begegnet.
Etwa 190.000 Menschen waren in der NS-Zeit in Mauthausen und den zugehörigen Nebenlagern inhaftiert. Mindestens 90.000 von ihnen sind dort zu Tode gekommen. Mit diesem Wissen im Kopf: Lässt es sich an so einem Ort überhaupt „normal“ am Schreibtisch sitzen oder Kaffeepause machen?
Auf eine gewisse Art gewöhnt man sich daran. Man muss eine Art von Distanz aufbauen, ohne abzustumpfen. Mit meinen Kolleg:innen tauschen wir uns dazu auch immer wieder aus. Wir sind uns einig darin, dass es für uns auch ein normaler Arbeitsplatz sein darf, an dem wir auch miteinander lachen und essen.
Vermutlich gibt es dabei aber Grenzen?
Natürlich. Im Häftlingsbereich essen wir zum Beispiel nicht. Aber wir sitzen sehr wohl manchmal im Bistro des Besucherzentrums in der Sonne. Dabei handelt es sich zwar noch um historisches Areal, aber nicht um ein historisches Gebäude.
Barbara Bockstahler, Vizerektorin der Vetmeduni, hat 2025 bei der Gedenk-Veranstaltung „International March of the Living“ in Auschwitz teilgenommen. Es hat sie beschäftigt, wie unterschiedlich Menschen gedenken und dass unter den Teilnehmer:innen auch viel gelacht wurde. Darf man das als Besucher:in eines ehemaligen Konzentrationslagers?
Es ist eine sehr fordernde Thematik und jeder geht unterschiedlich damit um. Manche weinen, manche lachen, manche reagieren laut, andere leise. Lachen kann eine Art sein, um mit Überforderung umzugehen. Solange man sich trotzdem würdevoll verhält und andere nicht damit belästigt, sehe ich es nicht als problematisch. Wir weisen in Mauthausen aber darauf hin, dass eine Gedenkstätte auch ein Friedhof ist. Man sollte sich also respektvoll diesem Ort gegenüber benehmen. Nur Fotos machen, die angemessen sind, im Häftlingsbereich nicht essen oder rauchen. Hier gibt es klare Regeln.
Das heißt, es ist sehr unterschiedlich, wie Besucher:innen während Führungen durch das ehemalige KZ auf die Eindrücke reagieren?
Ja, und ich will niemandem vorschreiben, wie er an diesem Ort fühlen muss. Manche haben das Bedürfnis, alles sofort zu besprechen und sich auszutauschen. Andere sind ganz still und brauchen Zeit, um zu verarbeiten. Sie stellen sich vielleicht erst später Fragen dazu. Mir selbst ist es beim Besuch von Gedenkstätten während meiner eigenen Schulzeit so gegangen. Mir sind immer erst später Fragen gekommen.
Was sollen Besucher:innen nach einer Führung mit Ihnen im besten Fall mit nach Hause nehmen?
100 Prozent unseres Publikums erreichen wir nie, das ist uns bewusst. Ich freue mich, wenn pro Gruppe bei einigen irgendetwas hängenbleibt. Das kann eine Information sein, ein Anblick, ein Gefühl oder eine Frage. Schön ist, wenn daraus entsteht, dass jemand sich weiter mit dem Holocaust beschäftigt, egal ob aktiv oder passiv. Es ist schon viel erreicht, wenn das Thema für jemanden einfach nur präsent bleibt.
Gibt es so etwas wie den „March of the Living“ eigentlich auch in Österreich?
2025 und 2026 fand „Geh-Denk-Spuren“ statt, eine dreitätige Wanderung von Mauthausen nach Gunskirchen, in Erinnerung an die „Todesmärsche“.
Was kann, aus Ihrer Sicht als Historikerin und Geschichtsvermittlerin, ein gemeinsamer Gedenkmarsch bewirken?
Man wird sich der Geschichte auf eine aktive Art und Weise bewusst. Und ich glaube, es ist sehr schön, wenn man dieses Erleben teilen kann. Man ist mit anderen Menschen unterwegs, die sich alle an das Gleiche erinnern wollen. Das kann sehr stärkend sein.