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Alexander Pinwinkler: Akademische Ehrungen - hochschulpolitische Praktiken der Traditionsbildung und Vernetzung

Seit dem 19. Jahrhundert würdigen Universitäten verdiente Wissenschafter mit Auszeichnungen. Manch vergangene Ehrung aber gilt heute als problematisch. Wie man dabei mit NS-belasteten Namen umgehen soll und ob man das Ehrungswesen überhaupt noch braucht – dazu forscht Historiker Alexander Pinwinkler.

Ein Luster hängt von der Decke, der Boden scheint aus Marmor zu sein und goldumrahmte Prunkbilder schmücken die Wände. So gediegen sah der Festsaal der Wiener Tierärztlichen Hochschule im Jahr 1930 aus. Hier wurden bis in die 1970er Jahre große Wissenschafter geehrt – als Ehrendoktor oder Ehrenprofessor zum Beispiel. Doch so manchem, der dort gefeiert wurde, würde heute wohl nicht mehr die Ehre erwiesen. Zu tief war der eine oder andere während der NS-Zeit ideologisch verstrickt.

„Das heute übliche Ehrungswesen kommt aus der bürgerlichen akademischen Welt des 19. Jahrhunderts“, sagt Historiker Alexander Pinwinkler, „ausgezeichnet wurden meist männliche, scheinbare ‚Helden‘ der Wissenschaften.“ Ein Heldentum, das heute zum Teil stark hinterfragt wird – bis hin zur Aberkennung von Würdigungen.

Vorbilder in der Kritik

Seit über zehn Jahren beschäftigt sich Alexander Pinwinkler mit universitären Ehrungen, hat etwa für die Universität Salzburg und die Johannes Kepler Universität Linz deren Auszeichnungen erforscht. Um herauszufinden: Welche Würdigungen von früher sind aus heutiger Sicht problematisch?

Fest steht: Geehrte Wissenschafter:innen hatten stets Vorbildfunktion: „Darum ist das Hinterfragen wichtig. Ein kritischer Blick muss nicht dazu führen, dass Würdenträger ‚gestürzt‘ werden oder ihnen die Ehrung aberkannt wird. Sondern es handelt sich um vielschichtige erinnerungstechnische Prozesse, bei denen nicht nur das fertige Resultat interessant ist, sondern der komplexe Weg der neuen Einordnung.“

Wen ehrte die heutige Vetmeduni?

Viele Stunden hat Alexander Pinwinkler mittlerweile unter anderem im deutschen Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde verbracht. Dort forscht er aktuell zu Ehrungen, die die Vetmeduni über die Jahre vergeben hat. Eine vollständige Namensliste von Würdenträger:innen existiert nicht. Allerdings berichteten das „Tierärztliche Zentralblatt“ und die „Wiener Tierärztliche Monatsschrift“ schon vor über hundert Jahren über Ehrungen der Universität. Jene Namen, die Alexander Pinwinkler in den historischen Ausgaben dieser Zeitschriften findet, überprüft er in der Zentralkartei und Gaukartei der NSDAP in Berlin. „Ich sehe mir an, ob und wie sehr Würdenträger der Vetmeduni in den Austrofaschismus und in das NS-Regime involviert waren.“

Der fragwürdige Nobelpreisträger

Ein viel geehrter Name, der heute als problematisch gesehen wird, ist: Nobelpreisträger Konrad Lorenz. 2015 entzog ihm die Universität Salzburg posthum sein Ehrendoktorat. Die Folge war ein medialer Aufschrei: „Auch Jahrzehnte nach deren Tod wirkt die Identifikation mit berühmten Fachvertretern oft nach“, sagt Alexander Pinwinkler.

Der gebürtige Wiener Konrad Lorenz, der als einer der Gründer der vergleichenden Verhaltensforschung gilt, hatte den „Anschluss“ 1938 euphorisch begrüßt, trat der NSDAP bei und propagierte eugenische Maßnahmen. 1980 verlieh ihm auch die Vetmeduni ein – nach wie vor aufrechtes – Ehrendoktorat. Auch das zur Vetmeduni gehörende Konrad-Lorenz-Institut für Vergleichende Verhaltensforschung ist bis heute nach dem Nobelpreisträger benannt. Pinwinkler: „Hier ist vieles weiterhin offen und zu hinterfragen.“

Das Ehren als Politikum

Hinterfragt wird von Alexander Pinwinkler auch, aus welchen Motiven Universitäten ihre Auszeichnungen vergaben und vergeben. Beim Ehren nämlich ging es noch nie nur um akademische Leistungen. Es gab stets gewisse Eigeninteressen, auch an der heutigen Vetmeduni.

So erhielt im Jahr 1917 Erzherzog Max, der jüngere Bruder von Kaiser Karl I., ein Ehrendoktorat der Wiener Tierärztlichen Hochschule. „Damit wollte die Uni ihre Loyalität gegenüber dem Kaiserhaus unterstreichen.“ Ebenso standen Vertreter der Veterinärbehörden häufig auf der Ehrungsliste. „So versuchte man, den staatlichen Apparat an die Universität zu binden.“

Während des Zweiten Weltkrieges wurden Vetmeduni-Mitarbeiter vom NS-Regime mit „Treudienstehrenzeichen“ prämiert. Eine Verleihung 1942 nutzte der damalige Rektor Otto Krölling politisch. In seiner feierlichen Ansprache betonte er, wie sehr seine Mitarbeiter „stets den großen Gedanken des Deutschtums hochgehalten“ hätten.

Einen bisherigen Höhepunkt an Ehrungen gab es an der Wiener Tierärztlichen Hochschule nach 1945. „Damals hat man sich dauernd selbst geehrt“, sagt Alexander Pinwinkler. Und das, obwohl es nach dem Krieg lange Zeit kaum wissenschaftliche Leistungen zu feiern gab.

Eine erfolgreiche Reintegration

Warum es damals trotzdem so viele Ehrungen gab, man sogar neue einführte? Wohl auch, um den einen oder anderen Namen wieder „reinzuwaschen“. Nicht nur an der Vetmeduni.

David Wirth, überzeugter Nazi und ehemaliger Rektor der Wiener Tierärztlichen Hochschule wurde 1945 seiner Professur an der Wiener Tierärztlichen Hochschule enthoben. Zwei Jahre später konnte er seine Karriere in Deutschland fortsetzen – erfolgreich: 1950 und 1953 verliehen ihm die Tierärztliche Fakultät der Universität München und die Tierärztliche Hochschule Hannover Ehrendoktorate. 1959 erhielt er das österreichische Ehrenzeichen für Wissenschaft und Kunst. „Eine symbolische ‚Reintegration‘“, sagt Alexander Pinwinkler.

Ein außergewöhnlicher Schritt

„Umso bemerkenswerter war eine Ehrung an der Vetmeduni aus dem Jahr 1947“, sagt der Historiker. „Sie war der wohl einzige Wiedergutmachungsversuch an der Tierärztlichen Hochschule Wien in diesen Jahren“. Dieser betraf einen Mann namens Heinrich Rosenzweig. 

1944 hätte man –  in Nicht-Kriegszeiten –  das 50-jährige Dienstjubiläum dieses Veterinärmediziners an der Tierärztlichen Hochschule gefeiert. 1944 befand sich Heinrich Rosenzweig jedoch im Konzentrationslager Theresienstadt.

Zwei Jahre nach Kriegsende dann ein ungewöhnlicher Schritt: Der damalige Hochschul-Rektor Ferdinand Habacher ehrte den Überlebenden verspätet zu seinem 50-Jahr-Jubiläum als Tierarzt. Er betonte dabei, dass man damit „Versäumtes“ nachhole. Alexander Pinwinkler: „Das scheint zwar nur ein vereinzelter Versuch der Wiedergutmachung gewesen zu sein. Aber es war ein positives Zeichen“.

Die erste weibliche Mitarbeiterin der Vetmeduni wurde übrigens nach dem aktuellen Stand von Alexander Pinwinklers Erhebungen im Jahr 1980 ausgezeichnet. Gertrud Keck erhielt damals den Wissenschaftspreis der Wiener Wirtschaft. In den 1980er Jahren war es auch, dass das kollektive Schweigen über die NS-Zeit in Österreich insgesamt aufbrach: „Nur deshalb können wir uns diesem Thema der belasteten Ehrungen heute überhaupt widmen“, so Alexander Pinwinkler.

Warum überhaupt noch ehren?

Wer also ist ehrungswürdig und wer nicht (mehr)? Dazu muss man stets Zeit, Umstände und individuelle Biografien in den Blick nehmen. „Kaum eine österreichische Universität kommt heute daran vorbei“. Schließlich geht es bei jeder verliehenen Ehrung auch immer um die eigene Historie und Relevanz einer Institution. Vieles gibt es dazu auch an der Vetmeduni noch zu erforschen.

Doch braucht es „das Ehren“ an Universitäten in der Jetztzeit denn überhaupt noch? Und muss es zwingend über traditionelle Formate wie Ehrendoktorate erfolgen? „Darüber lässt sich diskutieren“, sagt der Historiker Alexander Pinwinkler, „wichtig ist in jedem Fall, dass es transparente Kriterien für Ehrungen braucht: Warum und aus welchen Gründen will man jemanden auszeichnen?“

Alexander Pinwinkler selbst ist überzeugt, dass es das Ehren an Universitäten auch in Zukunft weiter geben wird. Doch ebenso davon, dass auch die Forschung dazu nicht mehr abreißen wird: „Spätere Generationen werden genau hinterfragen, wie wir heute mit diesem Thema umgegangen sind.“

Zur Person:

Alexander Pinwinkler ist Dozent für Zeitgeschichte an der Universität Wien und Lehrbeauftragter an der Universität Salzburg. Er berät die Vetmeduni bei der Entwicklung einer zeitgemäßen Erinnerungskultur und leitete im Sommersemester 2026 die Ringvorlesung „Gedenken und Erinnern“. Seine Schwerpunkte in Forschung und Lehre liegen in den Bereichen der Wissenschafts- und Universitätsgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts sowie der Geschichte des Nationalsozialismus und dessen Folgen über 1945 hinweg.

 

Text: Marlene Groihofer