Mitten im Wald im oberösterreichischen Gunskirchen steht ein Baum. „Erinnere dich“, wurde auf Hebräisch in die Rinde eingeritzt. An einem Strauch sind weiße Schleifen angebracht, eine über der anderen. Irgendjemand hat hier „Wildes Gedenken“ betrieben.
Gunskirchen war 1945 ein Außenlager des Konzentrationslagers Mauthausen. Bis heute ist nicht erforscht, wie viele Jüdinnen und Juden auf dem Areal im Wald und auf dem Weg dorthin ermordet worden sind. „Schätzungen zufolge waren es bis zu 8.000 Menschen“, sagt Medienwissenschafterin Angela Koch.Eine Gedenkstätte, wie etwa in Mauthausen, gibt es nicht an diesem Ort des Verbrechens. Trotzdem findet man hier seit langem Erinnerungszeichen für die Opfer.
„‚Wildes Gedenken‘ bezeichnet ein nicht-institutionalisiertes Gedenken, das auf ein Defizit reagiert“, sagt Angela Koch. „Akteur:innen des ‚Wilden Gedenkens‘ erkennen, dass es für bestimmte Opfergruppen an bestimmten Orten kein sichtbares Gedenken gibt – und sie kümmern sich darum.“ In Form von Kerzen aufstellen, Botschaften an eine Wand kritzeln, Blumen ablegen, einen Turm aus Steinen bauen oder Graffiti hinterlassen. „Jeder und jede hat selbst die Möglichkeit, etwas zu tun. Genau das wollen wir in den Fokus nehmen.“
Die initiative Zivilgesellschaft
Angela Koch leitet das „Co.Lab Erinnerungsarbeit • ästhetisch-politische Praktiken“ an der Kunstuniversität Linz. Gemeinsam mit Historiker Florian Schwanninger, dem Leiter des Lern- und Gedenkorts Schloss Hartheim, hat sie den Begriff „Wildes Gedenken“ begründet. Für ihre Forschungen untersucht die Wissenschafterin zusammen mit den Kolleginnen Thari Jungen, Sabrina Kern, Maria Keplinger und Riva Freiseisen, wie die Zivilgesellschaft unabhängig von großen Erinnerungsstätten oder politischen Ritualen, den Opfern von Gewaltverbrechen gedenkt. Welche Dinge, Zeichen oder Gegenstände des Gedenkens finden sich an Gedenkorten, die offiziell keine sind? Besonderes Augenmerk von Angela Koch lag bei bisherigen Projekten zum „Wilden Gedenken“ auf den Verbrechen der NS-Zeit in Österreich.
„Es gibt in der Erinnerungskultur mehr als Ansprachen von Politiker:innen oder Kranzniederlegungen. Mir ist wichtig, die vielen kleinen Dinge in den Blick zu nehmen, die Menschen aus eigenem Antrieb tun. Sie werden nicht gesammelt und dokumentiert und geraten darum meist wieder in Vergessenheit“, sagt Angela Koch. Wilde Erinnerungsorte werden weder gepflegt noch geschützt. Oft sind sie nur temporär.
Ungeregelt, unvernünftig und inoffiziell
„‚Wild‘ soll das ungeregelte, unvernünftige, manchmal irritierende und für viele nicht nachvollziehbare Gedenken bezeichnen. Es ist nichts Offizielles“, so Angela Koch. Vielfach werde dabei improvisiert und auf Ressourcen zurückgegriffen, die vor Ort verfügbar seien. „Indem Menschen zum Beispiel aus Vorhandenem etwas basteln, das sie als Erinnerungszeichen zurücklassen können.“
In den 1980er-Jahren schrieb der französische Philosoph Michel de Certeau in seiner Raumtheorie zu Alltagspraktiken, die sich nicht den vorgegebenen Raumstrukturen beugen, die dort offiziell nicht vorgesehen oder anerkannt sind – und die dennoch eine Wirkung entfalten. „Im ‚Wilden Gedenken‘ steckt ein Appell“, sagt auch Angela Koch, „es wendet sich mahnend an Passant:innen.“ Zudem schaffe es Verbindung und könne identitätsstiftend sein.
Die andere Seite
Allerdings steht diese inoffizielle und freie Gedenkform jedem offen. „‚Wildes Gedenken‘ kann von allen praktiziert werden, auch von antidemokratischen Kräften“, sagt Angela Koch. Am Obersalzberg bei Berchtesgaden, einst eine von Adolf Hitlers Machtzentralen, werden im Wald um das Museum „Dokumentation Obersalzberg“ regelmäßig Kerzen abgestellt. NS-Sympathisant:innen hinterlassen sie als Gedenk-Zeichen. Mitarbeiter:innen entfernen sie wieder. Auch Hakenkreuze werden auf dem Areal in Mauern eingeritzt oder aufgemalt. Ähnliches passiert in München: „Wenn sich im November der Naziaufmarsch von 1923 jährt, gibt es nach wie vor Menschen, die Kerzen in der Öffentlichkeit aufstellen“, sagt Angela Koch.
In jenen Wäldern, wo das Konzentrationslager Gunskirchen in Oberösterreich 1945 bestand, zeigt sich eine weitere, widersprüchliche Form „Wilden Gedenkens“. Nicht nur Erinnerungszeichen, die die Opfer würdigen, sind dort zu finden – es gibt auch absichtliche Verdeckung.
Wo genau die Massengräber der mehreren tausend getöteten NS-Opfer im Wald liegen – man weiß es nicht. Denn manche der Bauern, denen der Grund des früheren Konzentrationslagers heute gehört, arbeiten gegen Versuche der Aufarbeitung: „Einer der Grundbesitzer deckt eine Stelle, an der in den 1970er-Jahren bereits Leichen ausgegraben wurden, mit Geäst zu, um zu verhindern, dass man dort archäologische Untersuchungen durchführen kann.“ Gerade durch dieses sichtbare Zudecken aber, wird auch dieser Ort zu einem des „Wilden Gedenkens“: „So etwas zählt ebenfalls dazu. Brachliegende, absichtlich vergessene Stellen, oder Plätze des Verbrechens, die abgesperrt oder verschüttet werden.“
Sichtbar werden und sichtbar machen
Trotzdem tauchen in den Wäldern von Gunskirchen immer wieder Zeichen der NS-Vergangenheit auf. Blaue Schmetterlinge halten sich auffällig gerne rund um Massengräber auf. Brennnessel wächst an solchen Orten besonders gut, und Beifuß. Und immer wieder finden Fundstücke ihren Weg an die Erdoberfläche: Löffel, Kleidungsreste, Lederreste, Blechnäpfe.
Heute erinnern ein Gedenkstein und eine Gedenktafel des Mauthausen Komitees am ehemaligen Lagergelände an das Grauen an diesem Ort und die Opfer. Mit Oktober 2026 eröffnete das Mauthausen Komitee in den Wäldern einen umfangreicheren Gedenkort. Glas-Stelen mit Informationen und Zugang zu einem virtuellen Rundgang sowie Zeitzeug:innen-Interviews erzählen nun die Geschichte des Konzentrationslagers. Zusätzlich zu jenen Formen des „Wilden Gedenkens“, die schon bisher da waren.
Ein Zusammenspiel
„Ich bin der Meinung, wildes und institutionalisiertes Gedenken funktionieren im Zusammenspiel. Eine offizielle Gedenkstätte hat zwar eine größere Reichweite und mehr Möglichkeiten in der Vermittlung“, sagt Angela Koch. Oft aber könne „Wildes Gedenken“ einer Institutionalisierung vorausgehen: „Oder es kann eine offizielle Gedenkstätte dadurch immer wieder weitergedacht werden.“
Ob es denn angebracht wäre, an möglichst vielen Orten von NS-Verbrechen offizielle Gedenkstätten zu errichten? „Ich bin hier gespalten. Wenn wir jeden Gewaltort auch baulich zu einer Gedenkstätte umwandeln, würden wir uns nur noch in Gedenkstätten bewegen“, sagt Angela Koch. Im Fall von Gunskirchen, so die Wissenschafterin, sei gerade ein Erinnerungsspaziergang durch den Wald sehr bewegend und beeindruckend. „Ob Gedenkstätte ja oder nein, das ist an jedem Ort aufs Neue ein Diskussionsprozess.“ Ein Diskussionsprozess, den das „Wilde Gedenken“ mitgestalten kann.
Ein Denkmal aus Vergissmeinnicht
Auch das oberösterreichische Lager Redl-Zipf war eine Außenstelle des Konzentrationslagers Mauthausen. Auch dort fehlt auf dem ehemaligen Gelände bis heute ein offizielles Gedenkzeichen. „Der Grundbesitzer möchte das nicht“, sagt Angela Koch.
Gegen „Wildes Gedenken“ hat er jedoch keine Handhabe. Für eine Ausstellung der Kunstuniversität Linz 2025 hat Studentin Lisa Rastic Vergissmeinnicht in der Umgebung gesammelt. Sie hat sie entlang des ehemaligen Häftlingslagers Redl-Zipf eingepflanzt. Damit gibt es trotz des Vetos des Grundbesitzers ein Denkmal vor Ort. Ein „wildes“ Denkmal, aus Frühlingsblumen.