Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg erhielt die Vetmeduni 2026 Besuch aus Israel. Kinder ehemaliger jüdischer Studierender der Universität kamen mit ihren Familien nach Wien. Dort, wo man ihre Väter einst verfolgt hat, wurden neue Bande geknüpft – über ein gemeinsames Erinnern.
Hana Kurtz und Amir Kohane haben in der ersten Reihe Platz genommen. Umgeben von ihren Kindern und Enkelkindern sitzen sie im Hörsaal G der Vetmeduni, zwischen Studierenden, Uni-Mitarbeitenden und Journalist:innen. „Das alles ist sehr emotional für mich“, wird Hana Kurtz an diesem Tag im Mai 2026 wieder und wieder sagen. „Es bedeutet mir sehr viel“, sagt Amir Kohane. Hana Kurtz und Amir Kohane sind extra aus Israel gekommen. Für einen Vortrag der Zeithistorikerin Lisa Rettl im Rahmen der Remember NOW!-Ringvorlesung „Gedenken und Erinnern: Neue Perspektiven auf die Vetmeduni und ihre Vergangenheit mit Fokus Nationalsozialismus“ sind sie samt ihrer Familien nach Wien gereist. Sie wollen anwesend sein, wenn ihre Väter an der Vetmeduni gewürdigt werden. Mehr als 80 Jahre, nachdem man sie hier verfolgt hat.
Nachman Nagel hieß der Vater von Hana Kurtz, jener von Amir Kohane hieß Otto Kohane. Beide Männer studierten in den 1930er-Jahren an der heutigen Vetmeduni Tiermedizin. Beide emigrierten später nach Israel. Beide waren Juden.
Gewalt im Hörsaal
„Mein Vater hat nie über seine Geschichte gesprochen“, sagt Amir Kohane, der seinen Vater bereits im Alter von 16 Jahren verlor. „Es hieß immer, wir leben jetzt in Israel, hier haben wir ein neues Leben.“ Auch Hana Kurtz hat von ihrem Vater, der im Jahr 2000 verstarb, kaum etwas zu seiner Vergangenheit erfahren. „Er wollte uns Kinder nicht belasten.” Nur über ein Ereignis aus seiner Studienzeit in Wien hat Nachman Nagel seiner Tochter berichtet: die Gewalteskalation vom 29. Mai 1933.
„An diesem Tag fand der größte antisemitische Übergriff an der heutigen Vetmeduni statt“, sagt die Historikerin Lisa Rettl, „vom Rektorat wurde der Vorfall damals verharmlost. Heute wissen wir: Es war ein Pogrom.“ Etwa 150 Nazi-Studenten der Wiener Tierärztlichen Hochschule attackierten jüdische Studierende, die in einem Hörsaal auf den Beginn einer Vorlesung warteten. „Mein Vater hat uns erzählt, dass er wieder und wieder geschlagen wurde“, sagt Hana Kurtz, „und dass es enorm schwierig für ihn war, nach diesem Tag überhaupt noch weiter zu studieren.“
Vom Schweigen zum Erinnern
Jahrzehnte wurde über dieses Pogrom an der Vetmeduni geschwiegen. Genauso wie über alles weitere, das sich während der NS-Zeit an der Universität ereignet hat. „Als ich begonnen habe, dazu zu forschen, hieß es an der Uni, dass es gar keine Dokumente mehr aus diesen Jahren gibt“, erinnert sich Lisa Rettl. Das Gegenteil war der Fall.
Ab 2014 fing Lisa Rettl gemeinsam mit einem Team an, die NS-Vergangenheit der Vetmeduni zu erforschen. Initiiert hatte diese Erinnerungsarbeit die damalige Rektorin der Vetmeduni, Sonja Hammerschmid – aus Anlass des bevorstehenden 250-Jahr-Jubiläums der Universität. Anders als ursprünglich gedacht, fand Lisa Rettl so viel Archivmaterial, dass sie mittlerweile bereits zwei Bücher zur NS-Vergangenheit der Vetmeduni veröffentlicht hat. Eines davon ist speziell „Jüdischen Studierenden zwischen 1930 und 1945“ gewidmet. Dafür recherchierte Lisa Rettl viele einzelne Biografien – auch jene von Nachman Nagel und Otto Kohane.
Kontakt nach Israel
Nachdem das Buch der Historikerin über jüdische Studierende 2018 veröffentlicht wurde, kam es wenige Jahre später zu einer Überraschung: „Ich bekam ab 2021 Nachrichten aus Israel“, erzählt Lisa Rettl. Nachkommen ehemaliger jüdischer Vetmeduni-Studenten hatten ihr Werk entdeckt, darunter die Kinder und Enkelkinder von Nachman Nagel und Otto Kohane. Sie waren online darauf gestoßen, oder, wie Nachman Nagels Tochter Hana Kurtz, direkt in der Bibliothek der Vetmeduni: „Ich war im Urlaub in Wien, wollte sehen, wo mein Vater studiert hat. Ich schlug nichtsahnend in der Vetmeduni-Bibliothek das Buch auf und sah darin plötzlich ein Foto von ihm“, sagt Hana Kurtz, „ich war wie im Schock, ich habe sehr geweint.“
„Mir fehlen die Worte“
Viel Emotion liegt auch an diesem Vorlesungs-Abend im Sommersemester 2026 in der Luft, als Lisa Rettl vor den Nachkommen aus Israel über deren Väter, Großväter und Urgroßväter erzählt. Sie berichtet über die Lebensgeschichten von Nachman Nagel und Otto Kohane, über ihre historische Spurensuche und darüber, wie diese sie bis nach Israel geführt hat. Lisa Rettl erklärt, wie sehr die Wiener Tierärztliche Hochschule schon vor dem „Anschluss“ in den Nationalsozialismus involviert war. Und sie führt aus, wie jüdische Studierende mit dieser Verfolgung umgegangen sind: „Freundschaften waren besonders wichtig, um die Demütigungen, Anfeindungen und massive Gewalt auszuhalten. Heute wissen wir, dass Nachman Nagel und Otto Kohane ihr Studium zeitgleich im Wintersemester 1931 begonnen haben und fast alle Vorlesungen zusammen besuchten – eine kollegiale Nähe gab es in jedem Fall, wahrscheinlich auch eine engere Freundschaft."
„Mir fehlen die Worte“, sagt die Enkelin von Nachman Nagel, Yael Kurtz-Binoun, die mit ihrer Mutter, ihrem Bruder und zwei Neffen nach Wien angereist ist: „Jetzt, da ich viel mehr von der Geschichte meines Großvaters weiß, fühlt es sich so an, als wäre etwas in mir ‚ganz‘ geworden. Mein Großvater war ein großartiger Opa, aber über den Holocaust haben wir nie gesprochen.“ Auch die Enkelin von Otto Kohane, Sharon Kohane, zeigt sich bewegt: „Es macht mich stolz zu hören, wie mein Opa es geschafft hat, zu überleben. Ich kenne meinen Großvater nur von Fotos und Erzählungen. Alles, was ich jetzt über ihn erfahre, ist neu für mich.“
Forschungen in Israel
Tatsächlich sind viele der Informationen, die Lisa Rettl im Rahmen der Ringvorlesung „Gedenken und Erinnern“ 2026 präsentiert, auch für die Wissenschaft noch neu: Im Jahr 2025 setzte die Historikerin ihre Forschung zu ehemaligen jüdischen Studierenden der Wiener Tierärztlichen Hochschule fort und verbrachte dafür vier Monate in Tel Aviv. Sie recherchierte unter anderem im israelischen Staatsarchiv und Yad Vashem und führte Gespräche mit den Nachkommen der ehemaligen jüdischen Studierenden.
Immer mehr biografische Details konnte sie so zutage fördern: Nachman Nagel und Otto Kohane schlossen ihr Studium an der Wiener Tierärztlichen Hochschule Mitte der 1930er Jahre erfolgreich ab. Danach kehrten beide in ihre Heimatländer zurück – Nachman Nagel nach Rumänien und Otto Kohane nach Polen. Weil auch dort die politische Situation aufgrund des vorherrschenden Antisemitismus für Juden und Jüdinnen immer gefährlicher wurde, entschieden sich beide zur Auswanderung. Während Nachman Nagel noch unter geordneten Rahmenbedingungen Rumänien verlassen konnte und Palästina im August 1938 erreichte, war es bei Otto Kohane bereits eine hochdramatische, lebensgefährliche Flucht, die insgesamt 242 Tage dauerte, bis er schließlich im Mai 1939 den sicheren Hafen von Haifa erreichte.
Neue alte Spuren
Bei ihrem Besuch an der Vetmeduni 2026 hat Hana Kurtz ein Fotoalbum mitgebracht. Bis zu den Forschungen der Historikerin Lisa Rettl hatten die Kinder und Enkel von Nachman Nagel und Otto Kohane nie von der freundschaftlichen Verbindung der beiden Männer gehört. Nun entdecken sie auch selbst Belege dafür: „Schau“, sagt Hana Kurtz und deutet auf ein Schwarz-Weiß-Foto. Auf dem Bild ist ihr Vater Nachman Nagel zu sehen, gemeinsam mit zwei weiteren jungen Männern in einem Cabrio. „Der hinten auf der Rückbank ist mein Vater“, zeigt Hana Kurtz auf einen Mann mit dichtem Haar und Sakko. Amir Kohane, der Sohn von Otto Kohane, wirft einen näheren Blick auf die Fotografie: „Und der hinter dem Lenkrad, das ist mein Vater!“
Erinnerungsarbeit als Priorität
Der Rektor der Vetmeduni, Matthias Gauly, empfängt die Gäste aus Israel bei der Remember NOW!-Ringvorlesung „Gedenken und Erinnern“ mit sehr persönlichen Worten: „Sie können sich gar nicht vorstellen, wie wichtig Ihr Besuch für uns ist. Es ist eine große Ehre, dass Sie gekommen sind. Das ist ein sehr emotionaler Moment für uns als Universität.“ Heute und in Zukunft wolle die Veterinärmedizinische Universität Wien mit ihrer Erinnerungsarbeit „Brücken bauen“, zwischen den Generationen und zwischen Damals und Heute.
Auch Nir Kurtz, der Enkel von Nachman Nagel, ist für den Vortrag zu jüdischen Studierenden von Historikerin Lisa Rettl nach Wien angereist. Dass er an jenem Abend, genau wie einst sein Großvater, in einem Hörsaal der Vetmeduni Platz genommen hat, bewegt ihn: „Ich stelle mir vor, ich wäre mein Großvater. Und vor der Tür würden Nazis auf mich warten.“
Im Leben ihrer Familie sei der Holocaust nicht nur in Momenten wie diesem präsent, erklärt seine Schwester Yael Kurtz-Binoun. „Dieses riesige Trauma wird über Generationen weitergegeben“, sagt sie, „man spürt es im Alltag, es steckt in den kleinen Dingen.“ Positiv in die Zukunft blicken, das sollten wir trotzdem alle, sagt ihr Bruder Nir Kurtz. Unter einer Voraussetzung: „Wir müssen unsere Vergangenheit kennen.“