Eines vorab: Sprachsoziologin und Diskursforscherin Ruth Wodak nutzt niemals den Begriff „Verschwörungs-Theorie“. Sie spricht ausschließlich von Verschwörungs-Narrativen und Verschwörungs-Mythen. Weil: „Es handelt sich nicht um Theorien, sondern um Mythen und Ideologien. Um Ideologien mit sehr viel Impact.“
Millionen Jüdinnen und Juden wurden unter dem NS-Regime wegen einer menschenfeindlichen Ideologie namens Antisemitismus verfolgt und ermordet. Millionen erleben wegen ebendieser Ideologie auch heute Gewalt und Verfolgung. „Und ich habe mittlerweile viel Hoffnung verloren, dass man mit Rationalität dagegen ankommt“, sagt Ruth Wodak. „Denn Antisemitismus wird durch ein Weltbild geformt, das auf einer Verschwörungs-Mentalität beruht.“
Als Sprachsoziologin und Diskursforscherin untersucht Ruth Wodak, wie Antisemitismus durch Sprachverhalten im Alltag, in den Medien und in der Politik transportiert und aufrechterhalten wird. Was sich dabei zeigt? Auch heute noch kursieren die immer gleichen, jahrhundertealten antisemitischen Verschwörungs-Mythen. Auch in Europa im Jahr 2026.
Woraus ein Verschwörungs-Narrativ besteht:
„Ein solches Narrativ besteht aus einer angeblichen, geheimen Verschwörung, geplant von einer angeblich sehr mächtigen Gruppe“, sagt Ruth Wodak. Erfundene Beweise stützen diese Fantasie. Die Welt wird in Gut und Böse eingeteilt. Es gibt Opfer, Täter und Nebenfiguren, die je nach Verschwörungs-Mythos ausgetauscht werden können.
Die „Jüdische Weltverschwörung“ zählt zu den „systematischen Verschwörungs-Narrativen“, so Ruth Wodak. Dabei wird ein komplettes Weltbild erfunden, in dem alles miteinander verknüpft ist und dazu dient, „die Welt“ zu erklären.
Was der Mythos der „Jüdischen Weltverschwörung“ ist:
Das Narrativ der „Jüdischen Weltverschwörung“ reicht weit zurück. „Seit Jahrhunderten hat sich nichts daran geändert“, sagt Ruth Wodak. „Dabei wird behauptet, dass mächtige jüdische Menschen im Verborgenen die Welt lenken würden.“ Ein solcher Mythos könne auch andere ethnische Gruppen und Minderheiten betreffen, wie Asylwerber:innen oder religiöse Gemeinschaften: „Doch besonders die antisemitische Weltverschwörung ist leider ein nach wie vor sehr wirksames Narrativ. Dieses Muster wird nicht nur zur Anfeindung von Jüdinnen und Juden genutzt. Auch Vorurteile gegen andere Gruppen von Menschen werden regelmäßig in dieses Muster eingepasst.“
Wie es zum Narrativ der „Jüdischen Weltverschwörung“ kam:
Schon im 14. Jahrhundert hieß es, Jüdinnen und Juden seien schuld an der Pest in Europa. Sie hätten die Brunnen vergiftet. 400 Jahre später behauptete man, sie hätten die Französische Revolution geplant. Im Frankreich des 19. Jahrhunderts löste der Justizskandal um den jüdischen Offizier Dreyfus große Debatten um Antisemitismus aus. Er wurde fälschlicherweise des Landesverrats angeklagt und verbannt.
Mit dem „Antisemiten-Katechismus“ erschien 1887 ein Buch von Theodor Fritsch, das die sogenannten „Probleme der Judenfrage“ thematisierte. Ebenfalls um diese Zeit entstand der Rothschild-Verschwörungsmythos. „Dieses Narrativ kursiert nach wie vor“, sagt Ruth Wodak. Aus der Tatsache, dass die jüdische Bankiersfamilie Rothschild wohlhabend war, wurde der Mythos kreiert, die gesamte jüdische Bevölkerung sei reich und kontrolliere die Welt.
Warum es Verschwörungs-Mythen überhaupt gibt:
Bestimmte Bedürfnisse werden durch solche Mythen befriedigt, sagt Ruth Wodak, ob bewusst oder unbewusst. „Man kreiert einen Sündenbock und sagt: Die sind an allem schuld.“ Eigene Frustration werde somit zu Aggression. Diese Aggression wiederum richte sich gegen Fremdgruppen, insbesondere Minderheiten. Die eigenen Probleme würden externalisiert und Fremdgruppen dämonisiert.
„Wir leben in Zeiten von Angst und Unsicherheit. Die Menschen wünschen sich Sicherheit. Verschwörungs-Mythen liefern einfache Erklärungen“, sagt Ruth Wodak.
Welche Rolle die Sprache beim Thema „Verschwörung“ spielt:
Verschwörungs-Mythen weisen wiederholt die gleichen Sprachmuster auf. So wird man als Bürgerin oder Bürger oft als ausgeliefert dargestellt, als „Marionette“ in der Hand von Mächtigen. Mit Formulierungen wie „blinde, schlafende Masse“ oder „Schafe“ wird die Bevölkerung als ohnmächtig skizziert. „Das möchte aber niemand sein. Darum sind Wut, Resignation und Rückzug die Folge, ausgelöst vom Gefühl, dass man selbst ohnehin nichts machen kann“, sagt Ruth Wodak. Menschen würden dadurch mit dem „Schicksal“ hadern, sich stärker der Religion zuwenden oder sich Parteien anschließen, die Lösungen versprechen: „Sie suchen nach charismatischen Figuren, die versprechen, die Lage zu ändern.“
Beispielsweise wird auch die Metapher „Invasion“ im Kontext von Verschwörungs-Narrativen immer wieder benutzt: „Migrant:innen und Geflüchtete werden häufig als ‚Welle‘ beschrieben, die über die Gesellschaft schwappt.“ Außerdem wird Wörtern wie Viren, Zecken oder Parasiten oft eine negative Bedeutung zugeordnet, gekoppelt mit der Enthumanisierung einer Menschengruppe: Wie bei Joseph Goebbels, der von Jüdinnen und Juden als „Krankheitserregern“ sprach, die den „deutschen Volkskörper“ bedrohen würden.
Warum dabei mit Bildern gearbeitet wird:
„Bilder berühren emotional“, sagt Ruth Wodak. Noch heute wird zur Verbreitung der „Jüdischen Weltverschwörung“ gezielt antisemitisches Bildmaterial genutzt. Zum Beispiel Karikaturen von Jüdinnen und Juden. Sie weisen die immer gleichen Charakteristika auf: „Juden werden hässlich dargestellt, vor allem die Männer. Dick, mit Hakennasen und verzerrten Gesichtern.“ Social Media ist voll davon: „Es kursieren viele Memes zu diesem Nasen-Stereotyp, die Semiotik ist dieselbe wie zur NS-Zeit.“
Zu welchem Zweck Politik heute Verschwörungs-Narrative nutzt:
Die heutige Politik setzt Verschwörungs-Narrative taktisch ein: „Wann immer ein großes Problem auftaucht, thematisiert Donald Trump beispielsweise sogenannte ‚illegale‘ Migrant:innen, die aus Mexiko einwandern und die USA bedrohen“, sagt Ruth Wodak. Damit lenkt er mit Verschwörungs-Mythen über selbst ernannte Feinde von wirklichen Problemen ab.
In der Rhetorik werde das auch die „Diskursstrategie der toten Katze“ genannt, so Ruth Wodak: „Man diskutiert über ein unangenehmes Problem. Plötzlich wirft eine Person aus der Runde eine ‚tote Katze‘, (also ein ganz anderes Thema) auf den Tisch – und alle blicken nur mehr auf das Tier. Das ist eine bewährte Strategie der Ablenkung in der Politik – auch in Österreich.“
Wo Politik heute die „Jüdische Weltverschwörung“ einsetzt:
In mehreren Wahlkämpfen inszenierte der ehemalige ungarische Premierminister Viktor Orbán den ungarisch-amerikanischen jüdischen Philanthropen George Soros als Feindbild. Soros wurde etwa vielfach antisemitisch karikiert und plakatiert, als „Marionette der Rothschilds“, und als jemand, der etwa amerikanische Generäle als Marionetten benutzt und damit „die Welt regiert“. Ruth Wodak: „Die Botschaft dahinter: Die Juden seien schuld an allen Kriegen und sozialen Problemen, sie beherrschen uns.“
Während der Corona-Pandemie kursierte online ein Bild, das das trojanische Pferd zeigt. Dessen Kopf wird in Form des Corona-Virus dargestellt, im Bauch des Tieres kauert jener Sündenbock, der das Virus bringt: Es ist ein Jude, der eine Weltkugel hält. Nicht nur in eine Stadt bringt „der Jude“ also Corona, sondern gleich in die ganze Welt.
Die Junge FPÖ veröffentlichte 2024 ein Video über die „Globalisten“. „Das neue Code-Wort für ‚eine Weltverschwörung‘“, sagt Ruth Wodak. Das System der Globalisten existiere weltweit, wir alle würden von ihnen kontrolliert, wird im Video erklärt. „Man sollte meinen das sei Fiktion, doch so etwas erscheint 2024 öffentlich auf Social Media.“
Welche Gefahren in Verschwörungs-Mythen stecken:
„Gefährlich ist, dass eine ‚Normalisierung nach rechts‘ innerhalb der politischen Landschaft stattgefunden hat, die langsam akzeptiert wird“, sagt Ruth Wodak. „Die Grenzen des Sagbaren verschieben sich.“ Und das wiederum kann Folgen haben.
Dass gefährliches Gedankengut es sogar bis auf Gesetzesebene schaffen kann, zeigt sich: „‚Integrationsunwilligkeit‘ etwa war ein rechtsextremer Begriff, mittlerweile ist er Teil von bestimmten Gesetzen in manchen österreichischen Bundesländern“, sagt Ruth Wodak. Solch bedenkliche Entwicklungen würden nicht schnell, nicht gleichzeitig und überall passieren, sondern langsam. „1933 war alles schon über Jahre vorbereitet worden und wurde dann nur mehr umgesetzt.“ Gefährlich sei auch, wenn Fakten zu Meinungen degradiert würden: „Das ist eine Wissenschaftsfeindlichkeit, der wir viel entgegenhalten müssen.“ Es müsse, wie schon Kant feststellte, klar zwischen „meinen, glauben und wissen“ unterschieden werden.
Was man tun kann:
Um Verschwörungs-Mythen etwas entgegenhalten zu können, müsse man sie durchschauen lernen, erklärt die Sprachsoziologin. Kritisches Leseverständnis sollte in Schulen deshalb gefördert werden und auch das Hinterfragen von angeblich „alternativlosen“ Maßnahmen oder Meinungen. „Damit man weiß: Entscheidungen sind nicht naturgegeben, sondern es gibt immer Alternativen.“ Man müsse die mediale Berichterstattung, insbesondere auch Social Media-Inhalte, genau hinterfragen, ebenso wie die Propaganda einzelner Parteien. Außerdem sollte man versuchen, die eigene Initiative und Handlungsfähigkeit nicht zu verlieren: „Im besten Fall hält man vorhandene Gesetze nicht nur ein, sondern nutzt sie auch aktiv. Wenn man etwa Zeuge von Verhetzung und Wiederbetätigung wird, sollte man das anzeigen.“ Nicht zuletzt plädiert die Wissenschafterin für „reflektierte Entschleunigung“: „Alle scheinen ständig in Schnelligkeit und Multitasking wie in einem Hamsterrad gefangen. Man muss sich aber die Zeit zum Nachdenken, zur Reflexion, zum Dialog und Gespräch nehmen.“