Sie kümmerten sich um die Gesundheit von Militärpferden. Sie versorgten Hitlers Soldaten bestmöglich mit Kalorien. Und sie waren für Seuchenbekämpfung zuständig. Kurzum: Veterinärmediziner:innen spielten während des Zweiten Weltkriegs eine tragende Rolle. Doch schon lange vor dem Nazi-Regime bestand eine enge Verbindung österreichischer Tierärzte zum Militär: „Weil sie die Kavalleriepferde gesund hielten, waren sie wichtig für Armeen. Belastbare Pferde waren schon immer wesentlich für einen funktionierenden Krieg“, sagt Wissenschafterin Sonja Schreiner, egal ob unter Maria Theresia, Franz Joseph oder Karl, ob unter den späteren Bundeskanzlern Schuschnigg und Dollfuß oder schließlich unter Hitler.
Aber diente die Veterinärmedizin dem NS-Regime nur gezwungenermaßen? Oder hat das Berufsfeld die Nazi-Herrschaft auch aktiv unterstützt? Und wenn ja: Ist das auch mithilfe von Forschungen der heutigen Vetmeduni, früher Wiener Tierärztliche Hochschule (TiHo), passiert?
Sonja Schreiner, studierte Latinistin und Komparatistin, hat nachgeforscht. Sie hat das wissenschaftliche Periodikum „Wiener Tierärztliche Monatsschrift“ (WTM) von 1914 bis 1943, mit einem Schwerpunkt auf den Jahren des Zweiten Weltkriegs, untersucht: in Hinblick auf „Indoktrination und Widerstand in Forschung und Lehre“ an der Wiener Tierärztlichen Hochschule. Vom einen hat sie viel, vom anderen wenig gefunden.
Vetmeduni: Aus der Humanmedizin sind schwerste wissenschaftliche Verbrechen der NS-Zeit bekannt. Gab es diese auch in der Tiermedizin und an der Wiener Tierärztlichen Hochschule?
Das wäre mir nicht untergekommen. Dieses völlig Pseudowissenschaftliche, das man in der Humanmedizin in grausiger Weise findet, gab es in der Veterinärmedizin nicht. Aber man konnte den Trend der Zeit durchaus auch anders geschickt unterstützen.
Wie zum Beispiel?
Etwa, indem man, wie der ehemalige TiHo-Rektor Karl Keller, an der Universität schon Jahre vor dem „Anschluss“ bei seiner Inauguration eine Rede über Eugenik hielt. So etwas ist bereits ein gewisses Zeichen.
Auch David Wirth, Rektor der TiHo in den frühen 1930er-Jahren und langjähriger Schriftleiter der WTM, schrieb in der „Wiener Tierärztlichen Monatsschrift“ vom April 1938 eine Lobeshymne auf das Hitler-Regime. Stand die Veterinär-Branche in Österreich insgesamt hinter Hitler?
Tatsächlich hat es standespolitische Interessen gegeben, denn der Status der Veterinäre wurde mit der „Reichstierärzteverordnung“ aus dem Deutschen Reich erhöht. Gleichzeitig ging es im Fall von David Wirth um Persönliches. Er ist deutschnational sozialisiert worden. Er hatte das Gefühl, Österreich sei zu klein und dass ein größerer Verbund Verbesserungen bringen würde.
Nicht nur Rektoren wie David Wirth publizierten in der „Wiener Tierärztlichen Monatsschrift“. Bis heute ist die WTM eine wissenschaftliche Publikation, in der sich unter anderem Fachaufsätze und Praxistipps befinden. War die WTM unter Hitler ein Nazi-Sprachrohr?
Viele Beiträge darin waren völlig unverfänglich. Gleichzeitig aber ist die Auswahl mancher Themen bezeichnend: Seuchenprävention und Lebensmittelsicherheit in Kriegszeiten oder kriegsverletzte Tiere, wie ein Artikel über eine Schussverletzung im Hornschuh eines Pferdes zeigt. Ideologisch deutlicher wird es beim Thema Eugenik. Hier wurden dezidiert Parallelen gezogen zwischen tierlicher und menschlicher Inzucht. Außerdem wurde etwa zu den „Knackwurstversuchen“ publiziert – dabei handelte es sich um Forschungen, wie sich Fleischprodukte bestmöglich mit Soja anreichern lassen, um Soldaten besser mit Kalorien zu versorgen. Dabei ging es nicht um Menschenfreundlichkeit, diese Maßnahmen waren etwas Kriegsverlängerndes.
Das heißt, das NS-Regime wurde einerseits sehr praktisch unterstützt, andererseits ideologisch. Blieb man dabei stets wissenschaftlich korrekt?
Ja, die Wissenschaft wurde am Puls der Zeit betrieben, doch das Bemerkenswerte an diesen Publikationen ist: Es wurden zwar keine offenkundigen direkten Linien hergestellt, aber es wurden Abhandlungen gezielt nebeneinandergestellt – so dass man als Leser:innenschaft daraus ideologische Botschaften ableiten konnte. Es war nicht selten eine Mischung zwischen dem, was man wissenschaftlich nachweisen konnte, und dem, was sonst noch vermittelt werden sollte – gleichsam als Subtext und graduell durchaus unterschiedlich intensiv.
Sie haben sich neben der Veterinärmedizin auch mit „Indoktrination und Widerstand“ in den geisteswissenschaftlichen Studien, schwerpunktmäßig der Altertumswissenschaft, an der Universität Wien beschäftigt. Sie wollten herausfinden, welche Unterschiede es hier im Vergleich einer „hard science“ wie der Tiermedizin zu „soft sciences“ gab. Ihr Fazit?
Ich denke, dass die Geisteswissenschaften zur NS-Zeit in gewisser Weise gefährlicher waren als die Veterinärmedizin.
Warum? Weil man in der Veterinärmedizin vor allem Fakten nebeneinanderstellte, in den Geisteswissenschaften jedoch ideologisch tiefer ging?
Ja, in den Geisteswissenschaften war es noch einfacher, zusätzliche Botschaften mitzugeben. Etwa, wenn man als bedeutender althistorischer Professor ein wichtiges Buch veröffentlichte. Da konnte man allein schon aufgrund der eigenen wissenschaftlichen Autorität ideologisches Gedankengut einfließen lassen, das tief in die Köpfe sickert.
Dennoch entdeckten Sie auch eine sehr mutige Dissertation an der damaligen Philosophischen Fakultät der Universität Wien aus dem Jahr 1943.
Das war ein spannender Fund, die einzige widerständige Dissertation der Klassischen Philologie aus der NS-Zeit. Es geht thematisch um Sparta, allerdings nicht, wie man erwarten würde. Athen stehe für den Geist und Sparta für die pure Gewalt, schreibt der Dissertant Felix Zawodsky und klagt an, dass man nun vor den Trümmern der Welt stehe. Es hätte böse für ihn enden können. Er wurde vorgeladen, hatte aber Glück.
Gab es solcherlei Widerstand auch in den Reihen der heutigen Vetmeduni?
Wenig. Unter Studierenden gab es sehr wohl unterschiedliche politische Meinungen. Jüdischen Widerstand konnte es flächendeckend gar nicht geben, da bis 1938 alle jüdischen Studierenden von der Universität vertrieben wurden. Unter den Professoren gab es einige, von denen man wusste, dass sie mit dem NS-Regime definitiv nichts anfangen konnten: Franz Zaribnicky, Ferdinand Habacher und Leopold Karl Böhm, alles auch ehemalige TiHo-Rektoren.
Wie ging man mit diesen Professoren um?
Das Beispiel Franz Zaribnicky ist bezeichnend: Dass er 1938 von seinem Amt als Prorektor zurücktrat, war in der WTM nur eine kleine Notiz. Danach ging er in die innere Emigration. Man passte auf, was er sagte und tat. Gleichzeitig hielt der TiHo-Rektor der Jahre 1937 bis 1942, Franz Benesch, überzeugter Nationalsozialist, eine Art schützende Hand über ihn sowie Böhm und Habacher. Man wollte auf die drei Kollegen aufgrund ihrer fachlichen Expertise nicht verzichten. Als Dank dafür haben diese sich dann nach dem Krieg revanchiert und Kollegen wie Benesch entlastet, als es um Entnazifizierung ging.
Was würden Sie insgesamt aus heutiger Sicht sagen: Wie politisch war die Wiener Tierärztliche Hochschule während der NS-Zeit?
Sie war zu hundert Prozent nicht unpolitisch. Es gibt ausreichend Nachweise, dass an der TiHo sogenannte „kriegswichtige Forschung“ betrieben wurde. Außerdem hat die Universitätsleitung nationalsozialistische Umtriebe unter den Studierenden schon vor 1938 nicht unterbunden.
Sie sind mittlerweile auch Teil der Austauschgruppe Erinnerungsarbeit an der Vetmeduni, die heute in alle Prozesse der Erinnerungskultur am Campus eingebunden ist. Was denken Sie bewirkt eine umfassende Aufarbeitung der NS-Zeit?
Erinnerungsarbeit öffnet die Augen. Es ist wichtig zu wissen, was schon einmal gewesen ist, wie alles anfing und wo man eine Chance hat, proaktiv dagegen vorzugehen. Es ist doch immer dasselbe Muster. Wer dieses Wissen nicht hat, ist bei aktuellen Entwicklungen völlig ahnungslos.