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Alexandra Grochowski & Mateusz Kowalinski: One History - Many Stories. Transnationale Erinnerung an Opfer von NS-Zwangsarbeit

Männer in Soldatenuniformen marschieren in Zweierreihe eine Straße entlang. Jeder von ihnen trägt eine Schaufel, der Boden ist matschig vom Schnee. Passanten spazieren an dieser Gruppe vorbei, scheinbar unbeeindruckt, als seien sie gewohnt an diesen Anblick. „Polnische Kriegsgefangene“, sagt der Görlitzer Gedenkstättenpädagoge Mateusz Kowalinski und zeigt ein Schwarz-Weiß-Foto aus dem Winter 1939. „Die Männer mussten für die Stadt Görlitz die Straßen vom Schnee befreien.“

Die Gefangenen, die mit einer Armbinde als „KG“ – „Kriegsgefangene“ – gekennzeichnet waren, schaufelten damals am Postplatz, mitten im Zentrum der ostdeutschen Stadt. „Trotzdem konnten sich viele Einheimische nach dem Krieg nicht mehr an sie erinnern.“

So wie 80 Prozent der Deutschen. So viele Menschen in Deutschland sind heute davon überzeugt, dass ihre Vorfahren im Zweiten Weltkrieg niemals selbst Zwangsarbeitende beschäftigt haben. Das besagt eine Memo-Studie aus dem Jahr 2021. „Hier besteht eine große Diskrepanz“, sagt Mateusz Kowalinski, „denn die Wirklichkeit sah anders aus.“

Schuster, Bäcker, Bauernhof

Vor 1939 versprachen die Nazis, die Arbeitslosigkeit im „Dritten Reich“ beseitigen zu wollen. Sie sank tatsächlich: durch das Berufsverbot für Jüdinnen und Juden, dadurch, dass man Frauen und politisch anders Gesinnte aus dem Erwerbsleben ausschloss. Mit Kriegsausbruch und dem Einrücken tausender Männer an die Front änderte sich die Lage. „Die Situation am Arbeitsmarkt wurde kritisch“, sagt Mateusz Kowalinski. Man kämpfte gegen den Arbeitskräftemangel, indem man Frauen nun doch beschäftigte. Und mit Zwangsarbeit.

Der Verein für Erinnerung, Bildung und Kultur „Meetingpoint Memory Messiaen“ hat eine Zwangsarbeits-Karte von Görlitz angefertigt. Sie zeigt: Allein in dieser kleineren Stadt waren unter Hitler in allen Wirtschaftssparten Zwangsarbeitende beschäftigt. „Im Handel, im Transportwesen, in landwirtschaftlichen oder industriellen Betrieben – ob beim Schuster, beim Bäcker oder auf Bauernhöfen“, sagt Alexandra Grochowski, die bis 2026 Geschäftsleiterin des „Meetingpoint Memory Messiaen“ war, „die Zwangsarbeit war in Görlitz überall präsent.“

Im örtlichen Kriegsgefangenenlager namens Stalag VIII A wurden ab 1939 bis zu 120.000 Menschen registriert. Übernachten und arbeiten ließ man den Großteil von ihnen aber in und rund um die Stadt. Zudem befand sich ein Außenlager des Konzentrationslagers Groß-Rosen mit 1.600 jüdischen Gefangenen in Görlitz. Weiters gab es diverse andere Lager in der Stadt, in denen zivile Zwangsarbeiter:innen interniert waren. Görlitz selbst zählte zur NS-Zeit etwa 90.000 Einwohner:innen. Kann die Bevölkerung diese große Zahl an Gefangenen in ihrer Umgebung tatsächlich übersehen haben?

26 Millionen Zwangsarbeiter:innen

„Natürlich nicht. Man wusste, wer das war“, sagt Alexandra Grochowski, „man hat die Menschen in großen Gruppen durch die Stadt gehen gesehen, in schlechter Kleidung, oft in Holzpantoffeln, das war ja auch eine Geräuschkulisse. Man wusste genau, welche Uniform zur SS, welche zur Wehrmacht und welche Gefangenen gehörte.“ Zwangsbeschäftigte im Stadtbild waren jahrelang Normalität. „Görlitz ist ein klassisches Beispiel“, sagt Alexandra Grochowski, „in jeder deutschen Stadt gehörten Zwangsarbeiter:innen zum Alltag“. Insgesamt 13 Millionen Menschen wurden in Deutschland unter Hitler als Zwangsarbeiter:innen ausgebeutet, weitere 13 Millionen in den von Deutschland besetzten Gebieten.

In der öffentlichen Wahrnehmung ist heute nicht viel von ihnen geblieben. „Es wird kaum an diese Menschen erinnert“, sagt Mateusz Kowalinski, „ich selbst bin in Görlitz in die Schule gegangen, aber der Begriff Zwangsarbeit fiel kaum bis gar nicht.“ „Obwohl das alles nicht lange her ist“, sagt Alexandra Grochowski.  

No choice, No voice, No exit

1933 entstand mit dem KZ Dachau ein erstes NS-Lager, in dem Menschen im „Dritten Reich“ zur Arbeit gezwungen wurden. Zu Beginn betraf Zwangsarbeit inländische KZ-Gefangene, ab 1939 auch ausländische KZ-Häftlinge. „Polen und polnische Jüdinnen und Juden waren die ersten, die dafür deportiert wurden“, sagt Mateusz Kowalinski. Eine Woche nach dem Überfall Deutschlands auf Polen am 1. September 1939 kamen die ersten polnischen Kriegsgefangenen auch in Görlitz an.

Die damalige „Genfer Konvention“ sicherte Kriegsgefangenen Rechte zu. „Sie sollten entlohnt werden, Anspruch auf medizinische Versorgung haben und alle gleichbehandelt werden“, sagt Mateusz Kowalinski, „manchmal kontrollierte das Internationale Rote Kreuz diese Regeln in den Lagern.“ In der Praxis hatten zigtausende Menschen keinerlei Schutz. „Kriegsgefangene aus der Sowjetunion bekamen die härtesten Arbeiten und wurden besonders schlecht versorgt. Bis zu 10.000 von ihnen starben in Görlitz. Genauso schutzlos waren italienische Militärinternierte, denen nach dem Sturz Mussolinis Verrat vorgeworfen wurde.“ Nach Ausrufen des „totalen Kriegs“ im Jahr 1943 wurde insbesondere bei KZ-Häftlingen auf „Vernichtung durch Arbeit“ gesetzt: „Das betraf vor allem Jüdinnen und Juden“.

Die deutsche Kriegs-Wirtschaft profitiert

Die meisten Zwangsarbeiter:innen in Görlitz waren bei der damals größten Firma der Stadt beschäftigt, bei der WUMAG, Waggon- und Maschinenbaugesellschaft. Munition und Granaten, Raketenteile und Dampfturbinen wurden dort hergestellt. Seit 2026 ist man in Görlitz am ehemaligen WUMAG-Gelände erneut im Kriegs-Business: Kampfpanzer werden nun hier produziert. Der deutsch-französische Rüstungskonzern KNDS hat das Werk übernommen.

Weil Gefangene für ihre Tätigkeiten kaum bezahlt wurden, profitierte die deutsche Wirtschaft massiv von deren Tätigkeit. Ihre Ausbeutung finanzierte den Zweiten Weltkrieg. Und erhöhte den Lebensstandard der breiten Masse. „Die Häftlinge bekamen ein lächerliches Gehalt. Davon mussten sie auch noch Abgaben bezahlen und Sozialversicherungsbeiträge wie Arbeitslosenversicherung“, sagt Mateusz Kowalinski.

Erfolg für die WUMAG

Dass nicht nur Einheimische bei der Firma WUMAG tätig waren, muss in Görlitz in der NS-Zeit unübersehbar gewesen sein. 1942 war bereits ein Viertel der Belegschaft Kriegsgefangene. Ab 1944 machten sie die Hälfte oder mehr aus. Das zeigte sich auch im Jahresumsatz der WUMAG, der von 1942 auf 1944 deutlich stieg. Stolz dokumentierte man den Erfolg in der Unternehmens-Chronik: 1944 sei ein so gutes Jahr für den Betrieb gewesen, dass Aktionäre sich Gewinne auszahlen konnten. „Die Zwangsarbeit wurde dabei mit keinem Wort erwähnt“, sagt Mateusz Kowalinski, „wir wissen aber, dass die WUMAG nur dadurch so gut wirtschaften konnte.“ Sehr ähnlich lief es in anderen Unternehmen der Region ab.

Geteilte Stadt, geteiltes Erbe?

Mit dem Kriegsende im Jahr 1945 wurde die Stadt Görlitz durch die Alliierten geteilt. Nur mehr der westliche Teil gehörte nun zu Deutschland, während der östliche Teil als Zgorzelec zu Polen wurde. Auf polnischer Seite erbte man den unliebsamen Teil der Geschichte: Die Überreste des Stalag VIII A.

„Das ehemalige Lager lag nun über der Grenze. Damit nutzten die Deutschen die Chance, sich nicht mehr damit auseinanderzusetzen“, sagt Alexandra Grochowski. Davon zeugt auch ein Briefverkehr der Nachkriegsjahre: Als die Familie eines verstorbenen Stalag VIII A-Kriegsgefangenen sich bei der Stadt Görlitz erkundigte, wo ihr Angehöriger begraben liege, verwiesen die deutschen Behörden auf die nunmehrige Nachbarstadt: „Bitte wenden Sie sich an Polen.“

End of Story?

Irgendwann begann trotzdem die Aufarbeitung. In den 1960er-Jahren fing ein polnischer Lehrer an, Erinnerungsarbeit zum Stalag VIII A zu betreiben. Erste Gedenktafeln wurden durch ehemalige Kriegsgefangene initiiert und finanziert.

Der Theaterregisseur Albrecht Goetze war vom Schicksal eines französischen Komponisten im Stalag VIII A so berührt, dass er in Görlitz einen Erinnerungs-Verein gründete. Olivier Messiaen hatte während seiner Kriegsgefangenschaft ein Quartett im Lager komponiert und uraufgeführt. Das Verbindende der Musik wurde 2015 zum Grundstein für das deutsch-polnische Europäische Zentrum für Erinnerung, Bildung und Kultur „Meetingpoint Memory Messiaen“. Direkt neben dem historischen Areal des Stalag VIII A wurde die Gedenkstätte errichtet.

„Die deutsch-polnische Zusammenarbeit findet nun täglich statt“, sagt die langjährige Geschäftsleiterin des „Meetingpoint Memory Messiaen“ Alexandra Grochowski. Zu tun gibt es genug. Görlitz-Zgorzelec und das Stalag VIII A bleiben ein lebendiger Prozess. „Nichts ist abgeschlossen“, sagt Alexandra Grochowski, „Und das wird auch noch lange so bleiben.“

Gedenkstätte „Meetingpoint Memory Messiaen“

Die Gedenkstätte „Meetingpoint Memory Messiaen“ betreibt mit vielfältigen Kultur- und Bildungsprojekten Aufarbeitung an der deutsch-polnischen Grenze. Veranstaltet werden und wurden zuletzt etwa:

  • Messiaen Tage. Ein Quartett, das der französische Kriegsgefangene Olivier Messiaen 1940/41 im Stalag VIII A komponierte und uraufführte, wird jedes Jahr bei diesem grenzüberschreitenden Festival aufgeführt.
  • AIdentity. Geschichte, Erinnerungskultur, Identität(en) sowie die Auswirkungen von Künstlicher Intelligenz auf den öffentlichen Diskurs standen bei der Sommerschule 2026 in Görlitz/Zgorzelec im Mittelpunkt.
  • One History. Many Stories. Junge Leute aus Deutschland, Polen und der Ukraine haben am „Meetingpoint Memory Messiaen“ 2025 Lebensgeschichten von NS-Opfern erforscht und zugleich ihre eigene Familiengeschichte.

Mehr Info: meetingpoint-memory-messiaen.eu

Auch die direkte Umgebung der heutigen Vetmeduni war während der NS-Diktatur von Zwangsarbeit geprägt. In den Industriebetrieben von Wien Floridsdorf wurden tausende Zwangsarbeiter:innen beschäftigt.

Floridsdorf war ein Zentrum der NS-Rüstungsindustrie und zudem Standort mehrerer Außenstellen des Konzentrationslagers Mauthausen. Produziert wurden im Bezirk etwa Batterien und Motoren für U-Boote, Feldkabel für die Wehrmacht, Kriegslokomotiven oder Zulieferteile für Waffen. Zwangsarbeiter:innen waren in Floridsdorf – neben vielen anderen Unternehmen – etwa bei den AFA-Werken, der Floridsdorfer Lokomotivfabrik oder bei der Ernst Heinkel Flugzeugwerke AG beschäftigt.

Zu den Personen:

Alexandra Grochowski war bis 2026 Geschäftsleiterin des „Meetingpoint Memory Messiaen e.V.“. Die gebürtige Oberschlesierin arbeitet außerdem als Dolmetscherin und beeidigte Übersetzerin für Polnisch und Englisch. Sie schloss einen M.A. in Translationswissenschaft und einen M.A. in Politisch-Historischen Studien ab und ihr Schwerpunkt liegt auf der historisch-politischen Bildungsarbeit, der Erinnerungskultur und grenzüberschreitenden Projekten in der Europastadt Görlitz-Zgorzelec. Sie engagiert sich besonders für die Vermittlung der Geschichte des ehemaligen Kriegsgefangenenlagers Stalag VIII A und für internationale Jugend- und Begegnungsprojekte.

 

Mateusz Kowalinski wurde 1996 in Lubań Śl. in Polen geboren und zog im Alter von sieben Jahren mit seiner Familie nach Görlitz, wo er die Schule besuchte und später Kultur und Management studierte. Seit 2022 ist er im Verein „Meetingpoint Memory Messiaen e.V.“ tätig. Er koordiniert die außerschulische Bildung im Verein und führt verschiedene Projekte der Demokratiebildung durch.

 

Text: Marlene Groihofer