Schottische Hochlandrinder mit rätselhaften Symptomen

In der Universitätsklinik für Wiederkäuer: Sechs Schottische Hochlandrinder waren mit rätselhaften Symptomen eingeliefert worden. Bei starker Übersäuerung des Pansenmilieus werden Maßnahmen wie Infusionen oder eine operative Leerung des Pansens ergriffen, um das Leben der Tiere zu retten. Foto: Universitätsklinik für Wiederkäuer /Vetmeduni Vienna

In der Universitätsklinik für Wiederkäuer 1

Aus VETMED 03/2017 – Mit starken Symptomen wie Durchfall, Zittern und Nervosität wurden sechs Rinder aus einer privaten Herde von 20 Hochlandrindern in die Universitätsklinik für Wiederkäuer gebracht. Vom Tierarzt war aufgrund einer Futterveränderung der in Stall- und Weidehaltung lebenden Tiere eine Vergiftung vermutet worden.

Eines Morgens stellte der Besitzer einer Mutterkuhherde von etwa 20 Rindern der Rasse Schottisches Hochlandrind eindeutige Krankheitsanzeichen an sechs seiner Tiere fest. Die etwa eineinhalb Jahre alten Tiere, sogenannte Kalbinnen, waren nervös, zitterten, hatten Durchfall, Kreislaufschwäche und fehlende Fresslust. Der herbeigerufene Tierarzt vermutete nach Untersuchung der Tiere einen Nervenschaden oder eine Vergiftung durch die Silage, da am Vortag mit der Zufütterung einer sogenannten Ballensilage begonnen worden war. Der Tierbesitzer entschied, alle betroffenen Tiere zur weiteren Diagnose und Behandlung an die Universitätsklinik für Wiederkäuer der Vetmeduni Vienna zu bringen.

Lebensbedrohliche Übersäuerung des Pansenmilieus

Nach der Untersuchung an der Universitätsklinik stellte sich schließlich schnell heraus, dass die sechs Kalbinnen an einer akuten Pansenazidose, einer Übersäuerung des Pansenmilieus, litten. Auch das Blutbild der Tiere zeigte einen veränderten pH-Wert. „Eine leichte Übersäuerung kann durch die Absetzung des Futters sowie durch die Eingabe von Heu effektiv behandelt werden“, erklärt Lorenz Khol, Veterinärmediziner an der Universitätsklinik für Wiederkäuer. „Bei schwereren Fällen müssen dagegen zusätzliche Maßnahmen wie Infusionen, eine Entleerung des Pansens durch das Maul oder die Eingabe eines basischen Pansenpuffers wie etwa Natriumbikarbonat ergriffen werden. Extreme Fälle einer akuten Pansenazidose werden durch eine sogenannte Rumenotomie behandelt, bei der der Pansen operativ geöffnet wird, um diesen zu entleeren“, erklärt der Veterinärmediziner. Da sich bei den eingelieferten Tieren starke Symptome zeigten und zudem drei der Jungrinder nicht mehr stehfähig waren, mussten, so Khol, die behandelnden VeterinärmedizinerInnen rasch agieren: „Bei einem der Tiere reichten sofort eingeleitete, einfachere Maßnahmen, ein weiteres mussten wir leider aufgrund der fortgeschrittenen Symptome euthanasieren. Bei den übrigen vier Kalbinnen entschieden wir uns zu operieren, wobei wir den Eingriff im Liegen durchführen konnten.“ Nach der operativen Entleerung des Pansens wurde den Jungtieren Panseninhalt von einer Spenderkuh eingegeben. „Dies ist wichtig, damit die Infusorien und Bakterien die Verdauung wieder anstarten können“, erläutert Khol die medizinische Notwendigkeit dieser Maßnahme.

Kalbinnen durch Kälberschlupf geschlüpft

Doch wie war es zur Übersäuerung des Pansenmilieus gekommen? Zwei Tage vor dem Vorfall war der sogenannte Kälberschlupf, der an sich nur für Kälber in den ersten Lebensmonaten zugänglich ist, mit etwa 300 Kilogramm Kraftfutter aufgefüllt worden. „Kälber sollten neben der Milch immer Kraftfutter zur Verfügung haben“, erklärt Khol. „Jugendliche und voll ausgewachsene Tiere kriegen dieses Futter jedoch nur mehr rationiert, da Gehalt und Ausmaß nicht mehr ihrer natürlichen Nahrungsaufnahme entsprechen.“ Von den 300 Kilogramm des Spezialfutters fehlte jedoch am Tag nach der Befüllung ein beträchtlicher Anteil. Die Vermutung lag nahe, dass sich die sechs Kalbinnen unbemerkt am Futtervorrat für die kleinen Kälber bedient hatten. „Irgendwie scheinen es die sechs Jungtiere, die quasi im ‚Teenageralter‘ sind, noch geschafft zu haben, sich durchzuzwängen“, berichtet Khol. „Dann haben sie sich am Kraftfutter regelrecht überfressen“, fügt er hinzu. Bei jugendlichen und ausgewachsenen Rindern „kippt“ das ausbalancierte Pansenmilieu nach dem Verzehr einer großen Menge Kraftfutter in Richtung sauer, es kommt zu der in diesem Fall diagnostizierten Azidose. Festgestellt haben die behandelnden ExpertInnen der Vetmeduni Vienna dies zum einen durch die Überprüfung des pH-Wertes, des mit einer Sonde entnommenen Panseninhalts, und zum anderen anhand der Blutuntersuchung. „Selbst eine leichte Verschiebung des pH-Werts im Blut kann bei Rindern schon schwere Erkrankungen hervorrufen und damit lebensbedrohliche Auswirkungen haben“, betont Khol. Nach der gut verlaufenen Operation erholten sich die vier Kalbinnen und das fünfte, milder behandelte Jungtier für zehn Tage im Stall der Universitätsklinik für Wiederkäuer und wurden schließlich wieder gesund zurück in den Betrieb und auf die Mutterkuhweide gebracht.

 

Schottisches Hochlandrind

Das Schottische Hochlandrind, auch Highland Cattle oder Kyloe genannt, ist eine Rasse des Hausrindes. Die Rasse wird seit über 200 Jahren wegen ihrer besonderen Eigenschaften gezüchtet. Das kleinwüchsige und relativ leichte Hochlandrind gilt als gutmütig, robust und langlebig. Ursprünglich stammen die Tiere aus dem Nordwesten Schottlands sowie von den Hebriden, wo sie seit Jahrhunderten durch natürliche Selektion die ihnen zugeschriebenen Eigenschaften entwickelt haben. Die Rasse eignet sich für die ganzjährige Freilandhaltung (Mutterkuhhaltung). Das Haar des Schottischen Hochlandrinds ist dicht, lang und nur leicht gewellt und kommt in den Farben Rot, Grau, Schwarz, Gelb und Weiß vor.

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Kategorie: Magazin, Tierspital & Universitätskliniken  3