VetFarm: Landwirtschaftsbetrieb der Vetmeduni Vienna formiert sich neu

Studierende der Vetmeduni Vienna sind durch klinische Rotationen aktiv an den Höfen eingebunden. Foto: Michael Bernkopf/Vetmeduni Vienna

Studierende der Vetmeduni Vienna sind durch klinische Rotationen aktiv an den Höfen eingebunden 1

Durch flexible Aufstallungssysteme können am Hof Medau sowohl kleine Wiederkäuer als auch Neuweltkameliden für Forschungsprojekte untergebracht werden. Foto: Michael Bernkopf/Vetmeduni Vienna

Durch flexible Aufstallungssysteme können am Hof Medau sowohl kleine Wiederkäuer als auch Neuweltkameliden für Forschungsprojekte untergebracht werden. 2

Sensoren in neuen Ohrmarken erfassen neben Bewegungsdaten auch physiologische Daten. Studierende der Vetmeduni Vienna unterstützen beim Tausch der Ohrmarken. Foto: Michael Bernkopf/Vetmeduni Vienna

Sensoren in neuen Ohrmarken erfassen neben Bewegungsdaten auch physiologische Daten. Studierende der Vetmeduni Vienna unterstützen beim Tausch der Ohrmarken. 3

Aus VETMED 01/2018 – Forschung, Ausbildung, Regionalität und Modernität sind die Eckpfeiler der neuen „VETFARM“*. Durch Input und Expertise von WissenschafterInnen der Vetmeduni Vienna wurde das ehemalige Lehr- und Forschungsgut (LFG) in Pottenstein, Niederösterreich, neu aufgestellt und stufenweise weiterentwickelt.

Praxisnahe Lehre und Forschung im Nutztierbereich haben eine lange Tradition an der Vetmeduni Vienna. Mit 1. Jänner 1958 pachtete die damalige „Tierärztliche Hochschule in Wien“ zu Lehr- und Forschungszwecken die landwirtschaftlichen Betriebe Kremesberg, Haidlhof, Medau und Rehgras mit einer Gesamtfläche von mehr als 300 Hektar. Im Jahr 2005 erfolgte schließlich die Übertragung der Höfe und die Vetmeduni Vienna wurde Eigentümerin der landwirtschaftlichen Betriebe. Seit der Übernahme durch die Universität bestimmten immer wieder neue Forschungsschwerpunkte und -ausrichtungen die Geschichte der einzelnen Betriebe. So wurden 2009 die Rinderaufstallungen am Hof Kremesberg generalsaniert und seit 2010 befindet sich eine interuniversitäre Forschungsstation am Haidlhof. Die neue Schweineanlage am Hof Medau wurde 2013 in Betrieb genommen.

Nun soll die Forschungsausrichtung der Betriebe weiter verstärkt werden, um die Attraktivität für Forschungsprojekte zu erhöhen und um die Bedürfnisse der Forschenden besser zu berücksichtigen. Im November 2017 hat Armin Aigner die Leitung des Lehr- und Forschungsbetriebes übernommen. Durch seine langjährige Tätigkeit an der Vetmeduni Vienna kennt Aigner die Universität gut und weiß, was Studierende und WissenschafterInnen benötigen. Diese Erfahrung hilft bei der Umsetzung eines neuen Konzepts, das in Zusammenarbeit mit Lehrenden, Forschenden sowie internen und externen ExpertInnen im Laufe des vorangegangenen Jahres erarbeitet wurde. Seit 1. Jänner symbolisiert der neue Name VetFarm auch nach außen die vier Eckpfeiler Forschung, Ausbildung, Regionalität und Modernität, mit denen sich die VetFarm vor allem als Dienstleisterin für Lehrende, Lernende und Forschende positioniert.

„Die VetFarm soll in erster Linie eine moderne Ausbildungs- und Forschungsinfrastruktur für die Vetmeduni Vienna dar- und bereitstellen“, erklärt Rektorin Petra Winter die zukünftige Ausrichtung der Lehr- und Forschungsbetriebe. „Einen solchen Betrieb zu besitzen, bedeutet für unsere Universität auch ein Alleinstellungsmerkmal im Nutztierbereich, das sich viele andere veterinärmedizinische Ausbildungsstätten wünschen würden.“

Schwung für neue Prozesse nutzen

Gemeinsam mit der Koordinierungsgruppe, die 2014 zur Beratung und Umsetzung geplanter struktureller Maßnahmen an der VetFarm eingesetzt und von Marc Drillich (Abteilung Bestandbetreuung bei Wiederkäuern) geleitet wird, werden in den nächsten Jahren schrittweise Neuerungen durchgeführt. Diese Ziele sollen durch die optimale Nutzung der zur Verfügung stehenden Ressourcen erreicht werden. Erarbeitet wurde das Konzept mit ProfessorInnen und Forschenden der Vetmeduni Vienna, die gemeinsame wissenschaftliche Berührungspunkte mit der VetFarm haben. Die laufende Evaluierung der anstehenden Prozesse erfordert jedoch die Einbindung der Expertise und des Feedbacks aller Beteiligten, vor allem des Personals vor Ort. Ideen und Vorschläge wurden in mehreren Gesprächsrunden diskutiert, und schlussendlich wurden für jeden Hof eigene Maßnahmen festgelegt. Die dabei entstandene Dynamik gilt es jetzt effektiv zu nutzen, damit die gesetzten Erwartungen auch erfüllt werden können. Teil dieser Dynamik sind auch die Studentinnen und Studenten. „Gerade Studierenden und JungwissenschafterInnen sollte bewusst sein, dass sie als wichtige Ideengeber, etwa durch Abschlussarbeiten, eingebunden werden. Dadurch treiben auch sie die Entwicklungen an der VetFarm langfristig voran“, beschreibt die Vizerektorin für Lehre, Sibylle Kneissl, die Win-Win-Situation, die sich durch Lehre für den Ausbildungsort ergibt.

Flexible Tierhaltung als Schlüssel

Maßnahmen für die Neuausrichtung betreffen neben der Umwidmung von Räumlichkeiten und einem flexiblen Bewirtschaftungssystem auch das Management der auf den Höfen gehaltenen Tiere. So wurde mit 1. Jänner 2018 etwa der Gutshof Rehgras mit sämtlichen Stallungen und Nebengebäuden sowie rund 65 Hektar Grünfläche an einen in der Region ansässigen Landwirt verpachtet. Im Pachtvertrag enthalten ist allerdings die Verpflichtung, Rinder, die vom Hof Kremesberg auf Rehgras überstellt werden, aufzuziehen, zu besamen und rechtzeitig vor der Abkalbung wieder in den Haupthof Kremesberg zu integrieren. „Dadurch wird seitens der VetFarm sichergestellt, dass die seit Jahren praktizierte Eigenremontierung der Rinderherde, bei der ein Erhalt oder die Aufstockung einer Herde durch Zufuhr externer Tiere vermieden wird, am Kremesberg weiterhin in gewohnter Weise durchgeführt werden kann“, beschreibt Aigner den Ablauf der Umstrukturierung. Er betont zudem, dass im Rahmen der Verpachtung explizit Wert darauf gelegt wurde, auch in Zukunft Forschungsvorhaben am Hof Rehgras durchführen zu können.

Bereit für neue Forschungsprojekte

Auch am Haidlhof ist einiges neu: Seit Herbst 2017 werden unter anderem zwei Forschungsprojekte der Forschungsgruppe Onkologie der Universitätsklinik für Pferde am Hof durchgeführt. Die Zusammenlegung aller Rinder am Kremesberg – wo nun auch alle Lehrübungen stattfinden – sowie die Schaffung einer flexiblen Aufstallung mit sechs Boxen und einem Laufstall in einem Gebäudetrakt des Hofes ermöglichte die Haltung von derzeit insgesamt 17 Pferden. Zukünftig ist vorgesehen, dass weitere Pferdehaltungsmöglichkeiten mit artgerechten Stallungen und ausreichenden Weideflächen für Forschungsprojekte der Universität geschaffen werden. Flexibilität ist einer der wesentlichsten Schlüsselfaktoren im neuen Konzept, das wandelbare Aufstallungsmöglichkeiten für verschiedenste Tierarten vorsieht. Die Umstrukturierung am Haidlhof ist daher nur eine der bereits begonnenen Infrastrukturänderungen. So ist in der ehemaligen Bergerhalle II ein neuer, flexibler Stall geplant, um die Einzelfutterstrecke im Hauptstall, die bereits im Frühjahr 2018 von zehn auf zwanzig Plätze erhöht wird, auf diese Weise besser nutzen zu können. Ziel ist es, am Hof Kremesberg mehrere Projekte mit Rindern parallel laufen zu lassen, eventuell sogar mit unterschiedlichen Rinderrassen, ohne eine zeitliche Abfolge vorgeben zu müssen. Diese neuen Möglichkeiten machen die VetFarm für verschiedenste Forschungsprojekte attraktiv. „Für unsere Nutztierforschung bringt das neue Perspektiven“, so Forschungsvizerektor Doblhoff-Dier. „Das Gleiche trifft auf unseren Schafstall in der Medau zu, der bereits eine sehr gute Infrastruktur bietet und durch eine gute flexible Aufstallung auch für andere Tierarten, beispielsweise Neuweltkameliden, genutzt werden kann. Durch die Weiterentwicklungen ergibt sich somit eine Aufwertung des Forschungsstandorts Niederösterreich im Bereich der veterinärmedizinischen Nutztierforschung.“

Von der Datenautobahn bis zum Shuttle-Service

Neustrukturierung und Flexibilität stehen aber nicht nur bei den Tierarealen an. Neben einem neuen Laborgebäude sind die Modernisierung des Niederösterreich-Hauses zu einem Veranstaltungszentrum sowie die Bereitstellung mobiler Computerarbeitsplätze geplant. Eine neue Glasfaserkabel-Leitung innerhalb der VetFarm wurde bereits verlegt. Nun gilt es, für die Höfe noch auf die Anbindung des „Knotens“ nach draußen im Jahr 2019 zu warten. Um eine Vernetzung zwischen Campus und VetFarm weiter voranzutreiben, werden auch die Übernachtungsmöglichkeiten weiter ausgebaut. Für die Studierenden und WissenschafterInnen wurde schon jetzt ein Shuttle-Service ab der Station Bad Vöslau eingerichtet. In Bezug auf Investitionen für den Maschinenpark steht allen voran die Produktion von hochqualitativen Futtermitteln, wie zum Beispiel Heu, für die eigenen Tiere an der VetFarm sowie am Campus in Wien-Floridsdorf im Vordergrund. So wurden für die Fütterungssaison 2017/2018 rund 20 Prozent des 400 Tonnen umfassenden Heubedarfs der Vetmeduni Vienna von der VetFarm gedeckt.

„Veränderungen brauchen Zeit, aber der Anfang der VetFarm ist gemacht“, resümiert Christian Mathes, Vizerektor für Ressourcen, den bisherigen Stand. „Einige wesentliche Änderungen haben wir bereits umsetzen oder in die Wege leiten können. In den kommenden Jahren werden Evaluationen und Koordinierungsgespräche sicherstellen, dass wir weiterhin den richtigen Fahrplan haben.“

 

* FARM steht als Abkürzung für die Eckpfeiler Forschung, Ausbildung, Regionalität und Modernität.

 

Vom Lehr- und Forschungsgut Kremesberg zur VetFarm

Das Lehr- und Forschungsgut der Vetmeduni Vienna besteht aus vier Gutshöfen nahe Pottenstein, Niederösterreich, etwa 40 km südlich von Wien. Die Bemühungen der „Tierärztlichen Hochschule" um die Angliederung eines landwirtschaftlichen Gutes gehen auf das Jahr 1921 zurück. Ende der 1950er Jahre konnte die ehemals im Besitz der Familie Krupp befindliche „Domäne Merkenstein" mit den Höfen Kremesberg, Rehgras, Medau und Haidlhof zunächst in Pacht übernommen werden, Besitzer des Gutes war das Bundesministerium für Land- und Forstwirtschaft. Im Jahr 2005 kam es zum Übertrag auf die Vetmeduni Vienna.

Gutshof Kremesberg

Der Gutshof Kremesberg wurde 1908 im Auftrag des Krupp-Konzerns erbaut. Bereits zu Zeiten der Monarchie umfasste der Rinderstall 250 Kühe und vier Stiere mit einer jährlichen Produktion von etwa 750.000 Liter Milch. Kremesberg war der erste landwirtschaftliche Betrieb Österreichs, bei dem eine Melkmaschine, ausgelegt für 20 Liter Milch pro Tag pro Kuh, Anwendung fand. Im Jahr 2009 wurde der Rinderstall generalsaniert. Zurzeit sind 116 Rinder im 110 Jahre alten Stallgebäude untergebracht.

Hof Medau

Die neue Schweineanlage Medau wurde im September 2013 eröffnet und dient als Forschungs- und Lehreinrichtung im Bereich moderner Schweineproduktion. Auf einer Gesamtfläche von 4.500 m2 sind derzeit rund 100 Zuchtsauen samt deren Nachwuchs untergebracht. Zusätzlich stehen am Hof Medau flexible Aufstallungen für kleine Wiederkäuer zur Verfügung. Der Bestand beträgt zurzeit 70 Schafe, vorwiegend Merinolandschafe, aber auch Tiroler Bergschafe.*

* Durch den Zukauf eines Grundstücks zur Verbindung der beiden Höfe Medau und Kremesberg wurde inzwischen eine Einheit der beiden Betriebsbereiche ermöglicht.

Forschungsstation Haidlhof

Im Jahr 2010 wurde die Forschungsstation Haidlhof als Kooperationsprojekt der Vetmeduni Vienna und der  Universität Wien gegründet. Die weltweit einzigartige Infrastruktur für Forschung zur Kognition von Vögeln und Nutztieren umfasst Volieren für Raben, Keas und andere Vögel, ein Freiluft-Schweinelabor mit Testhütten und acht Hektar großer Weide, ein Hühnerlabor mit großem Auslauf, ein Bioakustiklabor, ein Mehrzweck-Testgebäude, Futterküche, Werkstatt und Büros. Seit Winter 2017 werden die ehemaligen Rinderstallungen am Haidlhof für
Pferdehaltung genutzt.

Hof Rehgras

Der Hof Rehgras liegt auf etwa 600 Metern Seehöhe im Gemeindegebiet Furth an der Triesting. Die günstige Lage des Hofes und rund 65 Hektar arrondierte Grünlandflächen bieten optimale Voraussetzungen für gesunde Jungtieraufzucht. In den Außenklimastallungen und auf den Weiden werden derzeit rund 90 Rinder der Vetmeduni Vienna und des Kooperationspartners gehalten.

 

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