Verwandt im Geist, fremd im Recht?

Judith Benz-Schwarzburg ist mit ihrer Dissertation „Verwandte im Geiste – Fremde im Recht: Sozio-kognitive Fähigkeiten bei Tieren und ihre Relevanz für Tierethik und Tierschutz“ für den Deutschen Studienpreis der Körber-Stiftung für die wichtigsten Dissertationen des Jahres nominiert.

Zwischen tierethischen Forderungen und dem Status quo des Tier-, Arten- und Umweltschutzes besteht eine eklatante Diskrepanz, sagt Judith Benz-Schwarzburg. Während wir so viel wie nie zuvor über Tiere und deren kognitive Fähigkeiten wissen, zerstören wir nach wie vor ihre Lebensräume, optimieren sie für die industrielle Massenproduktion und setzen sie in Tierversuchen ein. Judith Benz-Schwarzburg beleuchtet in ihrer Dissertation „Verwandte im Geiste – Fremde im Recht“  die sozio-kognitiven Fähigkeiten von Tieren und ihre Relevanz für Tierethik und -schutz. Unser widersprüchliches Verhalten Tieren gegenüber hält Benz-Schwarzburg für das „entscheidende Charakteristikum der Tierethik im 21. Jahrhundert“.

Experimente und Beobachtungen zeigen immer wieder, dass manche Tiere – auch einige, die evolutionär weit vom Menschen entfernt sind – uns kognitiv sehr viel näher stehen, als wir es lange für möglich hielten. Anders als bisherige Arbeiten zum Geist der Tiere aus der Kognitionsbiologie oder der Theoretischen Philosophie trägt sie die Frage aber einen Schritt weiter, hinein in die Ethik, in den Tierschutz und damit mitten in unsere gesellschaftspolitische Praxis: Wenn Tiere uns so ähnlich und die sozio-kognitiven Unterschiede nur noch graduell sind, sollten wir dann z.B. Große Menschenaffen weiter in Zoos präsentieren und in Tierversuchen einsetzen? Dürfen wir mit Tieren all das tun, was wir momentan mit ihnen tun? Die moderne Tierethik hat diese Fragen bereits mit einem klaren „Nein!“ beantwortet. Doch die konsequente Umsetzung der Forderungen von Tierrechtlern würde weitreichende gesellschaftspolitische Folgen nach sich ziehen.

Hinter unserem widersprüchlichen Verhalten gegenüber Tieren stecken laut Benz-Schwarzburg „Rechtfertigungsnarrationen“, die es uns erlauben, manche Tiere als „Nutztiere“ zu essen und andere als „Haustiere“ zu streicheln. Sie kritisiert unseren moralisch-ethisch problematischen Umgang mit Tieren, besonders die Haltungsbedingungen vieler Nutztiere und unseren Umgang mit „kognitiven Verwandten“. In Bezug auf ganz praktische Tierschutzthemen fordert Benz-Schwarzburg ein Umdenken und die Berücksichtigung kognitiver und psychischer Bedürfnisse von Tieren, zum Beispiel bei der Nutz- und Zootierhaltung.

Judith Benz-Schwarzburg war von 2006-2012 Doktorandin an Prof. Dr. Eve-Marie Engels Lehrstuhl für Ethik in den Biowissenschaften der Universität Tübingen (D). Der Lehrstuhl, der zum Fachbereich Biologie der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Tübingen gehört, hat auch eine große Bedeutung für die Betreuung philosophischer Arbeiten im Generellen und tierethischer Arbeiten im Speziellen. Prof. Engels war Erstbetreuerin und Erstgutachterin der Dissertation, Prof. Dr. Hanno Würbel von der Vetsuisse-Fakultät Bern (CH) war Zweitbetreuer und Zweitgutachter. Prof. Dr. Herwig Grimm vom Messerli Forschungsinstitut kam im Summa-Verfahren als Drittgutachter hinzu. Seit November 2011 ist Judith Benz-Schwarzburg am Messerli Forschungsinstitut als Universitätsassistentin angestellt.

  

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