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Universität

Geflügelgesundheit: Histomonose im Fokus

Aus VETMED 03/2020 – Aufgrund des Verbots von wirksamen Arzneimitteln zur Vorbeugung und zu therapeutischen Zwecken ist die SCHWARZKOPFKRANKHEIT (engl. Blackhead Disease, lat. Typhlohepatitis) bei Puten und Hühnern wieder im Vormarsch. Die vom einzelligen Parasiten Histomonas meleagridis hervorgerufene Infektionskrankheit befällt Hühner und Puten, wobei sie bei Letzteren fatal verlaufen kann. Ist ein Putenbestand infiziert, kann das mitunter zum Tod der gesamten Herde führen, mit erheblichen wirtschaftlichen Auswirkungen für den/die LandwirtIn. VETMED spricht mit Michael Hess, Leiter der Universitätsklinik für Geflügel und Fische an der Vetmeduni Vienna, über die Fakten zur heimtückischen Schwarzkopfkrankheit bei Puten und Legehennen, die Symptomatik der Infektionskrankheit, wie sie übertragen wird und den Status quo bezüglich Impfstoffentwicklung im Kampf gegen die Histomonose.

VETMED: Wodurch wird die Schwarzkopfkrankheit (Histomonose) bei Puten und Legehennen ausgelöst, welcher Erreger steckt dahinter?

Michael Hess: Die Histomonose, im Volksmund „Schwarzkopfkrankheit“ genannt, wird durch den Erreger Histomonas meleagridis (H. meleagridis) – ein Einzeller – ausgelöst, das ist seit 1920 bekannt. Allerdings wurde die Krankheit schon im Jahr 1893 zum ersten Mal beschrieben. Die Infektion erfolgt hauptsächlich über die Aufnahme der Histomonaden durch den Blinddarmwurm (lat. Heterakis gallinarum), der sich im Blinddarm der Puten oder Hühner befindet. Der weibliche Wurm nimmt den Einzeller auf, verpackt ihn sprichwörtlich in seine Eier und legt diese ab. Diese Wurmeier können in der Außenwelt bis zu drei Jahre überleben, wobei sie sowohl kalte als auch warme Temperaturen schadlos überstehen, und auch die Witterung spielt dabei keine Rolle. Das Heimtückische an dieser Erkrankung ist also, dass der Erreger H. meleagridis in den Wurmeiern lange Zeit infektiös bleibt und dadurch eine versteckte Gefahrenquelle darstellt. Die Schwarzkopfkrankheit betrifft damit vor allem Tiere, die Auslauf im Freien haben und dort den Blinddarmwurm eher aufnehmen als Puten oder Hühner, die im Stall oder gar Käfig gehalten werden. Bei Legehennen in Käfighaltung stellt die Histomonose demnach kein Problem dar.

Wie lange dauert es in der Regel, bis der Landwirt/die Landwirtin bemerkt, dass die Tiere mit dem Erreger der Schwarzkopfkrankheit infiziert sind? Welche Symptome zeigen sich?

Hess: Puten zeigen ungefähr nach zehn Tagen erste Symptome. Die Symptomatik reicht von Teilnahmslosigkeit der Tiere über Futterverweigerung bis hin zu allgemeiner Schwäche. Kranke Puten sondern sich ab und sitzen mit eingezogenem Kopf und geschlossenen Augen abseits der Herde. Auffällig ist auch schwefelgelber Durchfall bei betroffenen Tieren, basierend auf den massiven Veränderungen in der Leber und im Blinddarm. Teilweise sind die Veränderungen so stark, dass die Blinddärme aufplatzen. Zudem steigt die Mortalitätsrate erheblich. Die Sterberate bei Puten kann mitunter fast 100 Prozent betragen, was das enorme Leiden der Tiere unterstreicht. Gleichzeitig hat es existenzbedrohende Ausmaße für die BesitzerInnen. In manchen Fällen ist die Sterberate allerdings auch sehr niedrig. Woran das liegt, ist bis dato wissenschaftlich noch nicht geklärt. Bei Hühnern ist das anders, hier erkranken die Tiere nahezu ausschließlich nach Beginn der Legetätigkeit. Die Krankheit äußert sich dann durch einen Rückgang der Legeleistung bei den Hennen (Inkubationszeit von ein bis zwei Wochen), zusätzlich gibt es einen Anstieg der Mortalitätsrate. Allerdings tritt bei Hühnern im Zuge einer Histomonose oft eine Colibacillose, hervorgerufen durch Escherichia coli (E. coli)- Bakterien auf, woran die Tiere auch sterben können. In solchen Fällen muss antibiotisch interveniert werden, was bei Legehennen kaum möglich ist und bei Zuchttieren zu einem erhöhten Medikamenteneinsatz führt.

Gibt es geeignete Medikamente, um die Infektionskrankheit direkt zu behandeln?

Hess: Früher wurden Imidazole zur Behandlung der Schwarzkopfkrankheit eingesetzt. Seit 1995 ist die Behandlung durch Imidazole bei lebensmittelliefernden Tieren in der EU jedoch verboten, ebenso wie Nitrofurane, die seit 2002 nicht mehr prophylaktisch eingesetzt werden dürfen. Aktuell gibt es somit keine Medikamente, die speziell für die Behandlung der Histomonose bei Geflügel zugelassen sind. Seit Neuestem ist allerdings eine medikamentöse Intervention durch die Umwidmung eines Antibiotikums auf Puten und Hühner möglich. Paromomycin – ein Aminoglykosid-Antibiotikum – wird zur Behandlung von Infektionen im Verdauungstrakt verwendet. Dieses Medikament ist für Schweine, die an Durchfallerkrankungen leiden, zugelassen, für Puten jedoch nicht, ebenso wenig für Hühner. TierärztInnen können Paromomycin allerdings auf Puten umwidmen. Da das Antibiotikum nicht resorbiert werden kann, muss das Medikament rechtzeitig verabreicht werden, um eine therapeutische Wirkung zu erzielen. Idealerweise wird Paromomycin bereits prophylaktisch verabreicht.

Kann man die Histomonose eventuell durch alternative Mittel bekämpfen?

Hess: Empirische Berichte aus der Geflügelpraxis implizieren, dass Oregano bei Legehennen eine gewisse therapeutische Effizienhat. Bei Puten konnte diese nicht bestätigt werden. Oregano wird am besten dem Futter und dem Trinkwasser im Stall beigemengt. An der Universitätsklinik für Geflügel und Fische untersuchen WissenschafterInnen laufend unterschiedliche Substanzen auf deren therapeutische Wirkung hinsichtlich der Schwarzkopfkrankheit. Wichtig wäre auch, die Tiere regelmäßig zu entwurmen, um den Blinddarmwurm (H. gallinarum) unter Kontrolle zu halten.

Herr Hess, im Rahmen des CD-Labors für Innovative Geflügelimpfstoffe forschen Sie und Ihr Team bereits seit Jahren an der Entwicklung von Geflügelvakzinen. Wie steht es um die Entwicklung eines Impfstoffes gegen die Histomonose?

Hess: In intensiver, jahrelanger Arbeit ist uns ein Durchbruch gelungen, indem wir einen Prototypimpfstoff entwickeln konnten. Wir konnten den Histomonose-Erreger aus dem Kot kranker Tiere isolieren und in einer Nährlösung kultivieren. Unsere entscheidende Idee hinter der Impfstoffentwicklung war die sogenannte Mikromanipulation. Der Erreger wurde durch die Technik der Mikromanipulation und das nachfolgende Passagieren so weit abgeschwächt, dass er als Vakzin geeignet ist. Was in experimentellen Versuchen bereits erfolgreich gezeigt wurde, muss allerdings in ein praktikables Konzept für die Praxis umgesetzt werden. Dieses Vakzin wäre der erste Lebendimpfstoff gegen diese gefährliche Krankheit, leider können tote Erreger nicht als Impfstoff verwendet werden. Damit ist der Prototyp der erste jemals in der Medizin entwickelte Flagellatenimpfstoff. Bis zum Einsatz des Vakzins in der Praxis gilt es noch einige technische Fragestellungen zu beantworten. Dabei ist insbesondere die Interaktion zwischen dem Erreger H. meleagridis und den im Darm vorhandenen Bakterien von grundlegender Bedeutung für den Erfolg einer Impfung. Auch gilt es zu berücksichtigen, dass es zur Vermehrung des Impfstoffs Bakterien benötigt, was die Produktion wesentlich verkompliziert. Uns ist es aber gelungen, ein bestimmtes Bakterium herauszufinden welches besonders gut als „Amme“ fungiert.


Schwarzkopfkrankheit als Wirtschaftsfaktor

Ist die Herde in einem Mastbetrieb von der Schwarzkopfkrankheit betroffen, können die wirtschaftlichen Auswirkungen enorm sein. Die wirtschaftlichen Einbußen sind mitunter so schwerwiegend, dass LandwirtInnen zur Schließung des eigenen Betriebs gezwungen sind. Erheblicher Schaden für Mastbetriebe Mit welcher Wucht die Infektionskrankheit zuschlagen kann, zeigt eine Untersuchung hinsichtlich des Auftretens der Histomonose in Mastputenbetrieben in Österreich im Zeitraum von 2014 bis 2016*. Damals waren insgesamt 73.500 Puten von der Schwarzkopfkrankheit betroffen. Davon sind 28.000 Tiere verendet oder mussten aufgrund des schweren Krankheitsverlaufs euthanasiert werden. Unklarheit durch fehlende Anzeigenpflicht Die Histomonose zählt jedoch nicht zu den anzeigepflichtigen Krankheiten, das heißt, dass manche Krankheitsausbrüche gar nicht publik werden. Somit lässt sich nicht genau ausmachen, wie viele Fälle von Histomonose es in heimischen Mastbetrieben gibt.

*T. Sulejmanovic, D. Liebhart, B. Mägdefrau-Pollan, E. M. Sanglhuber, E. Wiesinger, I. Bilic, M. Hess: Emergence of fatal histomonosis in meat turkey flocks in Austria from 2014 to 2016. Wtm 104 (2017).

 

Christian Doppler-Labor für Innovative Geflügelimpfstoffe (IPOV)

Ziel des CD-Labors an der Klinischen Abteilung für Geflügelmedizin der Vetmeduni ist die Entwicklung neuer Vakzine und Impfstrategien gegen ausgewählte Infektionskrankheiten beim Geflügel. Unter der Leitung von Michael Hess werden insbesondere Impfstoffe gegen Erreger und Krankheiten erarbeitet, gegen die noch keine zugelassenen Vakzine erhältlich sind, unter Anwendung innovativer Methoden und neuer Bekämpfungsstrategien. Als beispielhaft gilt die Schwarzkopfkrankheit (Histomonose), die – ob der fehlenden Impfstoffe und Therapeutika – insbesondere bei Puten zu großen Verlusten führen kann. Prophylaktische Maßnahmen stehen im Forschungsfokus, um therapeutische Anwendungen zu reduzieren. Ziel ist es, mit den entwickelten Produkten die Tiergesundheit zu verbessern und Verluste zu minimieren. Damit wird das Wohlergehen der Tiere gefördert, unter gleichzeitiger Optimierung ökonomischer Faktoren im Sinne einer nachhaltigen Produktion.

 

Text und Interview: Nina Grötschl

Der Artikel zur Nachlese im VETMED Magazin 03/2021