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Forschung
APART-USA Stipendienprogramm: Yulia Gonskikh neu an der Vetmeduni
Seit kurzem bereichert Yulia Gonskikh als APART-USA Stipendiatin die Vetmeduni – und bringt genau das mit, was in der Systemgenetik am meisten geschätzt wird: Liebe zum Detail und Neugier für das große Ganze. In der Gruppe von Universitätsprofessor Sebastian Glatt vom Zentrum für Biologische Wissenschaften der Vetmeduni wird sie den „RNA-Blick“ schärfen, also jene molekularen Feinheiten untersuchen, die darüber entscheiden, wann und wie Zellen Proteine herstellen.
Ihre wissenschaftliche Reise begann an der Tomsk State University, führte sie für ein Masterstudium und ihr PhD-Studium an die Universität Bern und weiter in die USA: Im Jahr 2020 begann sie ein PostDoc an der University of Pennsylvania. Yulia Gonskikh untersucht, wie die Maschinerie zur Proteinsynthese in unseren Zellen gesteuert wird und wie Fehler in diesem Prozess zu Krankheiten führen. Dabei nahm sie Enzyme wie DIMT1 und NSUN2, die chemische Markierungen an der RNA anbringen, unter die Lupe, um diese Vorgänge zu regulieren. Mit breiter Lehrerfahrung und engagierter Nachwuchsförderung bringt sie eine starke didaktische Seite mit. Für ihre Forschung wurde sie mehrfach ausgezeichnet. Damit verbindet sie analytische Präzision in der Biochemie mit einem sicheren Blick für die zentralen Fragen der Translation.
Ermöglicht wurde der Wechsel an die Vetmeduni durch APART‑USA, ein Stipendienprogramm der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW), das als Antwort auf die Verunsicherung in der US‑amerikanischen Forschungslandschaft unter der Trump‑Administration geschaffen wurde. Das Programm richtet sich gezielt an Postdocs und eröffnet ihnen die Perspektive, ihre Forschung an österreichischen Universitäten und außeruniversitären Einrichtungen fortzuführen.
RNA-Kompetenz gebündelt
An der Vetmeduni arbeitet Yulia Gonskikh nun gemeinsam mit Sebastian Glatt: Der Professor für Systemgenetik bringt langjährige Erfahrung in RNA‑Biochemie und Strukturbiologie mit und verbindet Grundlagenforschung mit klinischer Relevanz. Sein Team widmet sich den molekularen Mechanismen der tRNA‑Biologie und der Regulation der Proteinsynthese – Prozesse, die nicht nur in der Humanmedizin, sondern auch in der Tiermedizin zentrale Rollen spielen. Mit Yulia Gonskikhs Expertise zu nicht‑kodierenden RNAs, RNA-modifizierenden Enzymen, rRNA‑ und tRNA‑Modifikationen entsteht eine fruchtbare Achse: Struktur trifft Funktion, Methode trifft Fragestellung, und aus vielen kleinen Bausteinen formt sich ein klares Bild davon, wie Zellen Entscheidungen treffen.
So fügt sich Yulias Gonskikhs Start an der Vetmeduni zu einer größeren Bewegung: Österreich positioniert sich als sicherer Hafen für exzellente Postdocs, die ihre Forschung in einem verlässlichen, kooperativen Umfeld weiterentwickeln wollen. Für die Vetmeduni bedeutet das frische Impulse in RNA‑Diagnostik, Therapie und Systemgenetik.
Die Vetmeduni heißt Yulia Gonskikh herzlich willkommen!
Interview mit Yulia Gonskikh
Was hat Ihren Wechsel an die Vetmeduni motiviert – und welche Rolle spielte das APART‑USA‑Stipendium dabei?
Yulia Gonskikh: Als ich meine Postdoc-Phase abschloss, suchte ich nach dem idealen Umfeld, um meine eigene unabhängige Forschungsrichtung aufzubauen und weiterzuentwickeln. Die Vetmeduni hob sich als herausragende Wahl hervor: eine dynamische Forschungscommunity und ausgewiesene Expertise in der RNA-Biologie, die perfekt zu meiner Arbeit passt. Das APART-USA-Stipendium der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) spielte dabei eine entscheidende Rolle. Es ermöglichte meinen Umzug nach Wien und verschaffte mir die wissenschaftliche Unabhängigkeit sowie die notwendigen Ressourcen, um meine Forschung an der Schnittstelle von Epitranskriptomik und zellspezifischer Translation voranzutreiben.
Was hat Sie an der Zusammenarbeit an der Vetmeduni besonders gereizt?
Yulia Gonskikh: Meine Forschung ist in grundlegenden molekularen Fragestellungen verankert. Obwohl wir erhebliche Einblicke in die Funktionsweise molekularer Mechanismen beim Menschen gewonnen haben, besteht hinsichtlich derselben Prozesse in anderen Tierarten weiterhin eine beträchtliche Wissenslücke.
Was mich an der Vetmeduni besonders gereizt hat, ist die Möglichkeit, dieses Ungleichgewicht anzugehen. Die Erforschung von Mechanismen der Translationsregulation im veterinärmedizinischen Kontext eröffnet eine einzigartige Perspektive für die Evolutionsbiologie und erlaubt es uns zu verstehen, welche Prozesse konserviert sind und welche artspezifisch. Die Vetmeduni bietet das ideale, spezialisierte Umfeld, um diese Lücke zu schließen.
Welche Frage treibt Ihre Forschung grundsätzlich an?
Yulia Gonskikh: Während meiner akademischen Laufbahn habe ich verschiedene Mechanismen der Translationsregulation untersucht. Während meiner Promotion an der Universität Bern untersuchte ich, wie nicht-kodierende RNAs die Translation steuern. Im Rahmen meines PostDocs in den USA konzentrierte ich mich auf RNA-Methyltransferasen, die Komponenten des Translationsapparats modifizieren. Diese Erfahrungen führten mich zu einer zentralen Frage: Wenn die Proteintranslation in jeder Zelle essenziell ist, warum führen Defekte des Translationsapparats zu hochgradig zelltypspezifischen Erkrankungen? In meiner Forschung an der Vetmeduni möchte ich diesem Phänomen nachgehen, indem ich mich auf zwei zentrale Fragen fokussiere: warum Defekte in tRNAs insbesondere das Nervensystem beeinträchtigen und warum fehlregulierte Ribosomen bevorzugt Blutzellen betreffen.
Wie verbinden Sie Strukturbiologie und Systemgenetik im Alltag – ein konkretes Beispiel?
Yulia Gonskikh: Kurz gesagt kombiniere ich diese beiden Bereiche, indem ich Strukturbiologie einsetze, um die präzise molekulare Wechselwirkung zu identifizieren, und Systemgenetik, um den daraus resultierenden zellulären Phänotyp zu verstehen. Wenn ich beispielsweise eine tRNA‑Methyltransferase untersuche, nutze ich die Strukturbiologie, um genau zu bestimmen, wie ein Enzym an ein tRNA‑Ziel bindet und es modifiziert. Sobald wir diesen Mechanismus auf atomarer Ebene verstanden haben, wenden wir Systemgenetik an, um zu beobachten, wie der Verlust dieser spezifischen Modifikation das Translationsprofil der gesamten Zelle verändert. Dieser Ansatz macht es möglich, eine einzelne molekulare Veränderung mit dem Phänotyp eines komplexen biologischen Systems zu verknüpfen.
Welche Fähigkeit sollte man für die Forschung an RNA und Genetik unbedingt mitbringen?
Yulia Gonskikh: Meines Erachtens beruht erfolgreiche Forschung in RNA und Genetik vor allem auf höchster technischer Präzision, kombiniert mit der Fähigkeit, über Skalen hinweg zu denken – von molekularen Mechanismen bis zu zellulären Konsequenzen. RNA ist in der Handhabung äußerst sensibel und erfordert größte Sorgfalt, um belastbare Daten zu gewinnen. Zugleich können kleinste molekulare Veränderungen, etwa eine einzelne RNA‑Modifikation, komplexe und mitunter unerwartete Effekte auf Zellebene auslösen. Daher ist es entscheidend, mechanistische Einsichten mit ihren übergeordneten biologischen Auswirkungen zu verknüpfen.
Was begeistert Sie außerhalb des Labors und hilft beim Abschalten?
Yulia Gonskikh: Bewegung ist für mich der beste Weg, um den Kopf für die Forschung freizuhalten und abzuschalten. Ich laufe gerne und spiele verschiedene Ballsportarten – das gibt mir neue Energie. Zudem finde ich Ausgleich, indem ich Zeit mit meinen Liebsten verbringe und reise. Das Entdecken neuer Orte eröffnet mir frische Perspektiven und lässt mich mit klarem Kopf und neuer Motivation an die Arbeit zurückkehren.
alle Fotos: Thomas Suchanek/Vetmeduni