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Universität

Drachen-Dame Nessy in (Lege-)Not

Ein vergrößerter Bauch und Fressunlust – einige Tage schon verhielt sich Nessy ungewöhnlich. Die Besitzerin des vierjährigen Wasseragamen-Weibchens machte sich Sorgen und vereinbarte einen Termin beim SERVICE FÜR VÖGEL UND REPTILIEN an der Vetmeduni. Das VETMED hat die beiden begleitet.

Nicht mehr in Not: Das Grüne Wasserdrachen-Weibchen Nessy litt unter einer Legenot, überstand den chirurgischen Eingriff aber sehr gut. Foto: Michael Bernkopf/Vetmeduni

Der Ultraschall offenbarte, was Silvana Schmidt-Ukaj bereits vermutet hatte. Ihre Kollegin Michaela Gumpenberger von der Klinischen Abteilung für Bildgebende Diagnostik bestätigte nun die Diagnose: Legenot mit pathologischen Eiern und mit begleitendem Aszites (Flüssigkeit im Bauchraum). Schmidt-Ukaj hatte bei der Untersuchung des vierjährigen Wasseragamen-Weibchens Nessy bereits rundliche Strukturen im Bauchraum ertastet: „Bei Reptilien wie Echsen, Schildkröten und Schlangen kommt eine Legenot häufig vor“, erklärt die Tierärztin des Services für Vögel und Reptilien. „Man versteht darunter zum einen die Unfähigkeit, Eier abzulegen, eine sogenannte postovulatorische Legenot, zum anderen die Unfähigkeit, Follikel zu Eiern zu entwickeln, eine sogenannte präovulatorische Legenot.“ Die Folge beider Ausprägungen ist, dass diese Eier oder Follikel zu lange im Körper des weiblichen Tieres verbleiben und es schließlich zu Entzündungsprozessen kommt.

Ursachen von Legenot

* Kalzium
* Wärme
* UV-Licht

* zu große Eier
* ein zu enges Becken
* Hindernisse, die die Eiablage stören

„Kugeln im Bauch“

„Zu den häufigsten Ursachen für eine Legenot zählen Ernährungs- und Haltungsfehler“, so Tierärztin Schmidt-Ukaj. „Ein Mangel an Kalzium, Wärme oder UV-Licht, aber auch Stress und ein ungeeigneter Eiablageplatz können die Eiablage stören.“ Darüber hinaus können mechanische Gründe wie zu große Eier oder ein zu enges Becken, Tumore, Abszesse oder Harnsteine die Eiablage behindern. „Auch andere Krankheiten, die das Allgemeinbefinden der Tiere negativ beeinflussen, können eine Rolle spielen“, erklärt Schmidt-Ukaj.

Anzeichen erkennen und handeln

Im Zusammenhang mit einer Störung bei der Eiablage können BesitzerInnen von Reptilien mit Legenot oft Fressunlust bei ihren Tieren beobachten. Dies ist laut Schmidt-Ukaj ein physiologischer Prozess aufgrund des Platzmangels in der Bauchhöhle kurz vor der Eiablage. Unruhe mit Grabeversuchen oder Müdigkeit seien weitere Anzeichen, so die Reptilienexpertin: „Bei Echsen und Schlangen kann man oft einen vergrößerten Bauch erkennen. Manchmal zeigen die Tiere auch Atemnot oder einen sogenannten Kloakenvorfall. Die Kloake ist der gemeinsame Ausgang für Darm, Harn- und Geschlechtsorgane bei Reptilien.“ Zur Unterscheidung einer normalen Trächtigkeit von einer Legenot sind meist weiterführende bildgebende Untersuchungen wie Ultraschall oder eine Computertomographie (CT) nötig. Eine Blutuntersuchung kann den Gesundheitsstatus zusätzlich verifizieren.

Letzter Ausweg chirurgischer Eingriff

„Bei manchen Reptilien können die Eier mit medikamenteller Unterstützung noch abgelegt werden“, schildert Schmidt-Ukaj die Vorgehensweise der Erstversorgung bei Patienten mit Legenot. In anderen Fällen ist jedoch eine chirurgische Intervention von Nöten – so wie bei Nessy, die stationär aufgenommen wurde. Zur Unterstützung erhielt die Wasseragamen-Dame zunächst Infusionen, Entzündungshemmer und Schmerzmittel sowie ein Antibiotikum. Am darauffolgenden Tag legte Anästhesist Moriz Klonner Nessy in Narkose. Insbesondere bei sehr kleinen Tieren ist manchmal auch der Erfindergeist der TiermedizinerInnen gefragt. So stehen nicht immer direkt passgenaue Intubationstuben zur Verfügung und müssen für das jeweilige Tier adaptiert werden. „Eine weitere Besonderheit ist die Art des Zugangs zur Bauchhöhle“, so Schmidt-Ukaj. „Dieser erfolgt paramedian, um die großen, medianen Bauchgefäße zu schonen.“ Über einen solchen Zugang entfernten Schmidt-Ukaj und ihre Kollegin Martina Konecny die pathologischen Eier samt Eileiter sowie die dazugehörigen Eierstöcke.

„Zu den Herausforderungen bei solchen Eingriffen zählen die anatomischen Besonderheiten der jeweiligen Reptilienarten und deren Größenunterschiede. Bei manchen Reptilienarten bleibt sehr wenig Platz zwischen den abzusetzenden Eierstöcken und den großen Gefäßen, was bei der Operation viel Fingerspitzengefühl erfordert“, beschreibt Schmidt-Ukaj. Während der Operation müssen die ReptilienexpertInnen auch ein besonderes Augenmerk auf die Körpertemperatur der Tiere legen, da diese von der Umgebungstemperatur abhängig ist.

Bei Nessy verlief der operative Eingriff komplikationslos und sie erholte sich schnell. Zur Freude der Besitzerin konnte sie bereits am dritten Tag nach der Operation wieder nach Hause entlassen werden. Postoperativ erhielt die Wasseragame noch für einige Tage Medikamente wie ein Schmerzmittel und einen Entzündungshemmer sowie ein Antibiotikum. Da auch der Heilungsprozess optimal verlief, waren danach keine weiteren Medikamente notwendig. „Anders als bei Kleintieren, bei denen Hautnähte meist innerhalb weniger Tage wieder gezogen werden, verweilen bei Reptilien die Hautnähte für mehrere Wochen“, erklärt Tiermedizinerin Schmidt-Ukaj. Für weibliche Reptilien hat die Entfernung der Reproduktionsorgane keinen negativen Einfluss auf ihre Lebensqualität und Lebenserwartung.

Lexikon der Reptilienmedizin

Die Grüne Wasseragame (lat. Physignathus cocincinus)ist eine Echsenart aus der Familie der Agamen und stammt ursprünglich aus Südostasien.
 

Reptilien sind ektotherm bzw. poikilotherm. Ihre Körpertemperatur hängt von der Außentemperatur ab.

... kommt bei Reptilien wie Echsen, Schildkröten und Schlangen häufig vor und bezeichnet die Unfähigkeit, Eier abzulegen (postovulatorische Legenot), oder die Unfähigkeit, Follikel zu Eiern zu entwickeln (präovulatorische Legenot).Bei Nichtbehandlung kann eine Legenot zum Tod des Tiers führen.

Text: Silvana Schmidt-Ukaj, Interne Medizin Kleintiere, Service für Vögel und Reptilien
Redaktionelle Aufbereitung: Stephanie Scholz

 

Dieser Artikel erschien in VETMED Magazin 03/2020