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Forschung

„Es geht um den Erhalt von Lebensräumen und Artenvielfalt“

Die Lebensräume unserer heimischen Wildtiere sind durch den Menschen zunehmend bedroht. Klimawandel und intensive Bewirtschaftung machen es immer mehr Arten schwer, sich ihre Nischen im Ökosystem zu sichern. Im Interview erzählt Zoologe Richard Zink, wie spannende Forschungsprojekte an der Vetmeduni zum Erhalt von Artenvielfalt und Biodiversität beitragen.

Richard Zink mit Sakerfalken auf einem Hochspannungsmasten
Foto: Richard Zink/Vetmeduni

Richard Zink bei der Markierung eines drei Wochen alten Sakerfalken.

Nachhaltigkeit, Klimawandel, Artenschutz und Erhalt der Biodiversität – all das sind wichtige Themen unserer Zeit, die uns auch an der Vetmeduni in Forschung und Praxis beschäftigen. Für die aktuelle Ausgabe des VETMED Magazins haben wir uns mit Richard Zink unterhalten. Er ist nicht nur Leiter der Außenstelle der Österreichischen Vogelwarte Seebarn am KLIVV (Konrad-Lorenz-Institut für Vergleichende Verhaltensforschung), sondern auch im Nachhaltigkeitsbeirat der Vetmeduni aktiv, und hier speziell zuständig für die wissenschaftliche Koordination des diesjährigen Nachhaltigkeitsthemas „SDG 15 – Leben an Land“. Im Interview gibt er Einblicke in aktuelle Forschungsprojekte rund um den Artenschutz und den Erhalt von Lebensräumen und erklärt gleich zu Beginn, warum es so wichtig ist, dass sich auch die Veterinärmedizin mit Klimawandel und Nachhaltigkeit auseinandersetzt:

VETMED: Welche Rolle spielt das Thema Nachhaltigkeit generell in der veterinärmedizinischen Forschung und wo liegen im Speziellen die Schwerpunkte an der Vetmeduni bei unserem heurigen SDG-Thema „Leben an Land“?

Richard Zink: Im Fokus von SDG 15 stehen Lebensräume, Nachhaltigkeit und Artenvielfalt – das ist an einer Vetmeduni eher eine Randmaterie, denn die Säulen der Veterinärmedizin liegen im Bereich der Nutz- und Haustiere. Beim diesjährigen SDG-Thema geht es eher um die Wildtiere. Auch bei diesen ist der medizinische Aspekt ein wesentlicher, beispielsweise beim Thema der Zoonosen [wechselseitig zwischen Mensch und Tier übertragbare Krankheiten, Anm.] oder wenn es darum geht, besonders seltene Tierarten mit Verletzungen medizinisch zu rehabilitieren.

Darüber hinaus deckt die Vetmeduni bei SDG 15 ein breites Portfolio an Themengebieten ab, etwa im Bereich der Verhaltens- und Grundlagenforschung im Sinne der physiologischen Forschung, zum Beispiel wenn es um den Vogelzug geht: Wo stoßen Vögel an ihr Limit, wie wichtig ist der Lebensraumerhalt, damit Vögel zwischendurch Rast machen und wieder Energie tanken können? Auch an der Österreichischen Vogelwarte setzen wir uns gezielt mit Nachhaltigkeitsthemen auseinander, konkret mit dem Schutz der Biodiversität im Zuge von verschiedenen Projekten.

VETMED: Wie kommuniziert die Vetmeduni diese Themen an die Öffentlichkeit?

Zink: Das tun wir regelmäßig zum Beispiel im Rahmen unserer VetmedTalks. Beim letzten Talk zum Thema Lebensraum Süßwasser haben wir uns etwa konkret der Frage gewidmet, welche Auswirkungen der Klimawandel und die Veränderungen in der Umwelt und in der Landwirtschaft  auf den Lebensraum Wasser haben. Wie dramatisch ist es, wenn die Temperaturen im in Flüssen und Seen steigen? Die Veterinärmedizin kann hier sehr deutlich auf die Dramatik der Situation hinweisen, aber auch Lösungswege aufzeigen.

VETMED: Sprechen wir konkret über die Auswirkungen des Klimawandels auf die einzelnen Lebensräume, mit denen wir uns heuer im Rahmen von „SDG 15 – Leben an Land“ beschäftigen – und beginnen wir mit dem Ökosystem Wald: Wie kommen die Waldtiere mit den klimatischen Veränderungen zurecht und wen trifft es besonders hart?

Zink: Im Lebensraum Wald hat der Klimawandel gravierende Auswirkungen auf die Tiere, da er die Stabilität der Nahrungskette gefährdet. Bäume wie die Rotbuche, die den Wienerwald dominiert, leiden unter extremer Trockenheit und Hitze, wodurch ihre Samenproduktion (Bucheckern) ausbleibt. Diese Samen sind eine zentrale Nahrungsquelle für Waldtiere wie Mäuse und Wildschweine. Wenn Mäusepopulationen einbrechen, fehlen sie wiederum als Beute für Füchse, Marder, Greifvögel und Eulen. Besonders betroffen sind spezialisierte Arten, wie manche Eulen, die ohne Mäuse keine Fortpflanzung mehr betreiben können. Solche Störungen im Waldökosystem können langfristig zu einem Zusammenbruch von Tierpopulationen führen, was die Funktion und das Gleichgewicht des Lebensraums Wald massiv beeinträchtigt.

Die extreme Mobilität in einer global vernetzten Welt führt nicht nur zu hohem CO₂-Ausstoß, sondern auch zur weltweiten Verbreitung von Krankheitserregern, die Tiere und Pflanzen bedrohen. Beispiele sind das Eschentriebsterben durch einen asiatischen Pilz. Gleichzeitig breiten sich invasive Arten wie der amerikanische Waschbär aus, der in Niederösterreich heimische Arten wie die Sumpfschildkröte gefährdet, indem er deren Eier frisst. Um dem entgegenzuwirken, sind zwei Maßnahmen entscheidend: erstens die gezielte Bekämpfung des Klimawandels und zweitens der Erhalt der einheimischen Artenvielfalt. Ein vielfältiges Ökosystem ist stabiler, da der Ausfall einzelner Arten besser kompensiert werden kann, ähnlich wie Zahnräder in einem Uhrwerk.

VETMED: Und wie sieht es mit den tierischen Wiesenbewohnern aus?

Zink: Der Lebensraum „Offenland“ war lange Zeit durch natürliche Wiesen geprägt, wird mittlerweile jedoch größtenteils landwirtschaftlich genutzt. Solche Offenflächen, die früher durch Beweidung mit Wild- oder Nutztieren entstanden sind – ähnlich wie heute noch auf den Almen –, gehören heute zu den am stärksten bedrohten Lebensräumen im Flachland. Mit ihrem Verlust verschwanden auch viele spezialisierte Arten wie der Steinkauz, der Wiedehopf oder die Heidelerche.

In unserer Außenstelle in Seebarn am Wagram, einer vom Weinbau geprägten Region, untersuchen wir, wie landwirtschaftlich genutzte Flächen zur Erhaltung der Biodiversität beitragen können. Eine vielversprechende Lösung ist die gezielte Begrünung zwischen den Weinreihen – eine Art „Wiese aus zweiter Hand“. Während die Reben in Brusthöhe wachsen, entsteht darunter ein Lebensraum für zahlreiche Tier- und Pflanzenarten. Diese Begrünung schützt den Boden vor Erosion, verbessert die Bodenstruktur und schafft Nahrung und Schutz für Insekten, Reptilien und Vögel wie den Steinkauz. Durch solche Maßnahmen können wir die Artenvielfalt zurückbringen. Kurz gemähte Wiesen bieten Lebensraum für Käfer, Heuschrecken, Ziesel und andere Tiere, die früher auf Offenflächen angewiesen waren. Gleichzeitig profitieren auch die Winzer:innen: Die Begrünung verbessert die Bodenqualität, reguliert die Feuchtigkeit und unterstützt eine nachhaltige Bewirtschaftung.

Mit 28.000 Hektar Weingartenfläche allein in Niederösterreich – mehr als die Fläche aller Nationalparks in diesem Bundesland – gibt es enormes Potenzial für positive Veränderungen. Unsere Projekte stoßen auf großes Interesse, denn sie sind eine Win-Win-Situation: für die Natur, die Landwirtschaft und die Zukunft.

VETMED: Wie beeinflussen intensive Landwirtschaft und Düngereinsatz den Lebensraum Wiese, und welche Maßnahmen können helfen, Wiesenflächen zu erhalten und die Artenvielfalt zu fördern?

Zink: Der Artenrückgang in Ackerbaugebieten hat sich in den letzten Jahren besonders drastisch ausgewirkt. Aus Sicht der Bewirtschafter:innen mag die Entwicklung beeindruckend sein: Moderne Maschinen bearbeiten riesige Flächen in kürzester Zeit, und chemische Mittel bekämpfen effizient „Schädlinge“, um die Produktion zu sichern. Doch aus Sicht der Nachhaltigkeit ist das keine Erfolgsgeschichte, sondern eine große Herausforderung, die ein Umdenken erfordert.

Ein zentraler Punkt ist der Boden: Wie kann Landwirtschaft so betrieben werden, dass sie nachhaltig bleibt? Ansätze wie Agroforstwirtschaft – etwa das Pflanzen von Baumreihen in Feldern – schaffen ein günstiges Mikroklima und schützen vor Winderosion. Auch aktive Beweidung spielt eine wichtige Rolle. Hier kommt das Fachwissen der Veterinärmedizin ins Spiel, etwa für eine extensive Beweidung, bei der Flächen nur einmal im Jahr gemäht und gedüngt werden. Im Gegensatz dazu führen intensive Methoden mit bis zu fünf Mäh- und Düngezyklen pro Jahr zu verarmten Monokultur-Wiesen, auf denen viele Tier- und Pflanzenarten nicht überleben können. Extensive Beweidung fördert hingegen die Artenvielfalt, insbesondere bei Pflanzen, die wiederum die Grundlage für eine reichhaltige Insektenwelt bilden. Diese Insekten sind essenziell für alle darauf aufbauenden Arten.

Ein Umdenken in der bisherigen „Erfolgsgeschichte der Produktionslinie“ ist daher dringend notwendig. Wer frühzeitig auf nachhaltige Bewirtschaftung umstellt, wird langfristig profitieren. An der VetFarm beispielsweise wird viel relevantes Wissen geschaffen, um die Landwirtschaft zukunftsfähig zu machen.

VETMED: An der Österreichischen Vogelwarte gibt es zahlreiche Forschungsprojekte zum Schutz und zur Wiederansiedlung von Greifvögeln wie Bartgeiern, Steinkäuzen oder Sakerfalken. Können Sie uns einige Highlights aus Ihrer Arbeit mitteilen, und warum es so wichtig ist, diese Vögel als Teil unseres Ökosystems zu bewahren und zu schützen?

Zink: Die Österreichische Vogelwarte feiert heuer ihr zehnjähriges Bestehen. Ihre Kernkompetenz liegt in der Grundlagenforschung, insbesondere in der Vogelzugforschung und physiologischen Fragestellungen – darüber hinaus werden aber auch angewandte Aspekte der Veterinärmedizin im Naturschutz verfolgt, etwa bei Wiederansiedlungsprojekten. Hier spielt die Veterinärmedizin eine zentrale Rolle: Nur gesunde Tiere können freigelassen werden, und artgerechtes Aufwachsen – ohne Handaufzucht – ist essenziell, um das natürliche Verhalten der Tiere zu bewahren.

Ein Schwerpunkt der Vogelwarte ist die Wiederansiedlung bedrohter Arten. Der Bartgeier und der Habichtskauz waren zentrale Projekte der letzten Jahrzehnte. Der Habichtskauz galt in Österreich als ausgestorben, konnte aber durch Nachzucht und Freilassung wieder angesiedelt werden. Dieses Projekt, das seit 15 Jahren läuft, gilt als eines der erfolgreichsten in Europa. Neben Wien und Niederösterreich wird es nun auch auf Oberösterreich ausgeweitet. Der Habichtskauz ist nicht nur eine emblematische Art, sondern auch ein Botschafter für den Schutz des Waldes. Über ihn kann auf die Bedeutung von Altbäumen, Totholz und andere Arten wie Käfer und Fledermäuse aufmerksam gemacht werden. Zoos, wie der Tiergarten Schönbrunn, sind dabei wichtige Partner für Nachzucht und Öffentlichkeitsarbeit.

Ein weiteres Beispiel ist der Steinkauz, eine gefährdete Eulenart, die in den Weingärten rund um Seebarn heimisch ist. Durch Nisthilfen und in Zusammenarbeit mit den Landwirt:innen wird versucht, die stark verinselten Populationen wieder zu vernetzen, um langfristig Inzucht zu vermeiden. Die Weingärten bieten hier eine ideale Grundlage, um Lebensräume zu verbinden und den Bestand langfristig zu sichern.

Auch der Sakerfalke, die größte Falkenart Österreichs, steht im Fokus. Diese weltweit bedrohte Art benötigt sichere Brutplätze, da sie selbst keine Nester baut. In Zusammenarbeit mit Elektrizitätsunternehmen wie zum Beispiel der Austrian Power Grid AG wurden Nisthilfen auf Hochspannungsmasten angebracht. Diese einfachen Brutboxen haben dazu beigetragen, den Bestand in Österreich von nur zwei bis drei Paaren in den 1970er-Jahren auf heute 50 bis 60 Reviere zu erhöhen – eine Erfolgsgeschichte, die international Beachtung findet!

VETMED: Welche Rolle spielt die Zusammenarbeit mit Zoos und Zuchtstationen bei der Wiederansiedelung von bedrohten Tierarten?

Zink: Lassen Sie es mich am Beispiel der Wiederansiedlung des Habichtskauzes erklären. Entscheidend für den Erfolg des Projekts ist eine breite genetische Basis – und hier kommt die veterinärmedizinische Expertise ins Spiel: Es ist wichtig, seltene Blutlinien in die Zucht einzubringen, was durch Zoos und Zuchtstationen ermöglicht wird. Aus ethischen Gründen entnehmen wir keine Tiere aus fremden Populationen. Stattdessen nehmen wir verletzte Habichtskäuze aus Nachbarländern auf, die auf Grund schwerer Flügelverletzungen nicht mehr ausgewildert werden können. Diese Tiere werden medizinisch versorgt und in die Zucht integriert, um wertvollen Nachwuchs für die Wiederansiedlung zu gewinnen. So fließt ihre genetische Vielfalt in die neu entstehende Population ein.

Dieses Vorgehen verbindet veterinärmedizinisches Know-how mit Tierethik und zeigt, wie ehemals verletzte, aber professionell rehabilitierte Tiere eine wichtige Rolle im Artenschutz spielen können. Das Projekt fördert zudem die Vernetzung unserer Universität mit Zoos, Zucht- und Rehabilitationsstationen im In- und Ausland und stärkt so die Zusammenarbeit im Naturschutz.

VETMED: Welche neuen High-Tech-Methoden kommen in der ornithologischen Forschung zum Einsatz – welche Vorteile, aber auch welche möglichen Gefahren bringen sie mit sich?

Zink: Die Ornithologie ist eine lang etablierte Wissenschaft, die schon früh mit der Markierung von Vögeln begonnen hat. Ein Schwerpunkt der Österreichischen Vogelwarte liegt auf der Beringung der Tiere, bei der individuell codierte Ringe zur Identifikation angebracht werden. Dank moderner Technologien wie High-Tech-Sendern können heute Zugwege, Aktivitätsmuster und Lebensraumnutzung von Vögeln präzise aufgezeichnet werden. Diese Sender, oft mit Solarpanels ausgestattet, ermöglichen es, große Vögel wie Bartgeier über mehrere Jahre zu beobachten, ohne sie wiederholt durch Fang stressen zu müssen. Dabei steht der tierethische Aspekt im Vordergrund, etwa bei der Entwicklung schonender Befestigungsmethoden.

Neben der Beringung und Besenderung kommen weitere innovative Technologien zum Einsatz. RFID-Tags, wie sie auch bei Haustieren verwendet werden, erlauben eine kontaktlose Identifikation von Vögeln. Videokameras, die in freier Wildbahn installiert werden, liefern in Echtzeit wichtige Daten, ohne die Tiere zu stören. Drohnen bieten ebenfalls großes Potenzial: Sie ermöglichen das Monitoring schwer zugänglicher Brutplätze, wie etwa bei Mönchsgeiern auf den steilen Küstenfelsen Mallorcas. Aus sicherer Distanz können Nester gezählt und der Bestand überprüft werden, ohne die Vögel zu gefährden. Auch bei bodenbrütenden Vogelkolonien wie Möwen oder Flamingos können Drohnen eingesetzt werden, um Nester aus der Luft zu erfassen und anschließend am Bildschirm zu analysieren. Ein weiteres Beispiel ist der Einsatz von Drohnen mit Wärmebildkameras, um vor der Mahd von Wiesen und Feldern Rehkitze oder andere Wildtiere aufzuspüren und zu schützen.

Gleichzeitig birgt der unqualifizierte Einsatz von Drohnen – etwa durch Tourist:innen – erhebliche Risiken für Wildtiere. Besonders sensible Arten wie Bartgeier können durch Störungen ihre Brut verlieren, was gravierende Auswirkungen auf die Population hat. Daher ist der Einsatz von Drohnen in Schutzgebieten nur unter strengen Auflagen sinnvoll. Ein Beispiel für verantwortungsvollen Drohneneinsatz ist die Überwachung von Adlerhorsten: Wenn ein Altvogel ausfällt, kann schnell festgestellt werden, ob der Jungvogel Hilfe benötigt, um ihn gegebenenfalls in eine Aufzuchtstation zu bringen.

Die Vogelwarte forscht auch an langfristigen Fragen, wie der genetischen Entwicklung von Vogelpopulationen im Zuge von Wiederansiedlungsprojekten. So wird etwa untersucht, wie sich die genetische Vielfalt des Habichtskauzes entwickelt, um eine stabile Population aufzubauen. Diese Kombination aus modernster Technik, angewandter Forschung und Umweltbildung macht die Vogelwarte zu einem wichtigen Akteur im Naturschutz und in der Förderung der Artenvielfalt.

VETMED: Herr Zink, vielen Dank für das Gespräch!

 

Interview: Angelika Kronreif

Fotos: Richard Zink/Vetmeduni, Thomas Suchanek/Vetmeduni
 

Das Interview ist in einer Kurzversion in VETMED 03/25 erschienen.