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Mit dem Schwein zu besseren Impfstoffen
Anfang 2023 kehrte Tobias Käser aus den USA als Assistenzprofessor an die Vetmeduni zurück – seit April 2025 leitet der Schwabe hier die Immunologie. Drei Forschungsziele verfolgt er mit dem Team: erstens das Schwein als Modell in die vorklinische Impfstoffentwicklung zu integrieren, zweitens Tierversuche, wo möglich, zu ersetzen und drittens die angewandten Projekte zu nutzen, um Grundlegendes über das porzine Immunsystem herauszufinden.
An einem runden Kaffeehaustisch mit Marmorplatte und schwarzem Metallfuß, den er von seinem Vorgänger übernommen hat, serviert Tobias Käser Kaffee, Wasser und Kekse. Eigentlich hat der Mann überhaupt keine Zeit, denn die Organisation des Internationalen Veterinär-Immunologie-Symposiums (IVIS), die Teilnahme am International Congress of Immunology Mitte August in Wien, die Fertigstellung eines NIH-Reports und die Planung eines Retreats schupfen sich auch im Team nicht von selbst. Das spricht – neben dem Gesagten – dafür, wie der frisch berufene Professor, Leiter der Immunologie und Spezialist für translationale Forschung am Hausschwein seine neue Rolle in Führung und Forschungsmanagement anlegt. Mit offener Bürotür, Gastlichkeit, Humor, persönlichen Gesprächen und dem steten Versuch, das Unvermeidliche zu umarmen.
Von der Laborarbeit ins Leadership
Zum Unvermeidlichen im Tätigkeitsspektrum eines Universitätsprofessors gehört, dass ers elbst nicht mehr so viel forscht, „sondern die Umgebung für die Forschung durch das Team bestmöglich gestaltet“. Das bedeutet, neben der Lehre viel Administration, Anträge, Reporting und Bürokratie zu bewältigen. Aber auch zu gestalten: die Kommunikation in alle Richtungen, strategisches Management, Recruiting, Personalentwicklung und Vernetzung. Tobias Käser ist für rund 15 Mitarbeiter:innen gleichsam Außenminister, Innenminister und Finanzminister in Personalunion. Den Übergang vom Handling von Reagenzgläsern zur Teamführung hat er geschafft, „weil ich schrittweise in die Verantwortung hineingewachsen bin. In meiner Laufbahn hatte ich selbst glücklicherweise viele tolle Mentoren, von denen ich mir abschauen konnte, was funktionieren kann“. Er achtet auf sein Bauchgefühl sowie den „Teamfit“ und vermeidet Mikromanagement. Die Verantwortung für eigene Forschungsprojekte hat er übergeben und unterstützt, wenn er gebraucht wird. Die Aufgaben in der Lehre verteilt er auf das gesamte Team, auch den wissenschaftlichen Nachwuchs, damit dieser Erfahrungen für eine akademische Laufbahn sammeln kann. Wollte er selbst in den ver gangenen 20 Jahren je die Uni verlassen und die akademische Karriere aufgeben? „Frustrationen gibt es immer wieder – aber eigentlich nicht. Meist hatten diese bei mir nichts mit der Wissenschaft an sich zu tun. Geholfen hat mir auch, immer einen Plan B bis E zu haben. Es ist mir aber eine Ehre, dass Plan A aufgegangen ist.“
Dass zwei internationale immunologische Kongresse erstmals in Wien stattfinden, verankert die Vetmeduni auf der globalen Forschungslandkarte. Für den gebürtigen Deutschen, der rund zehn Jahre an der North Caro- lina State University und in Kanada geforscht hat, ist es eine gute Gelegenheit, Kolleg:innen wieder zu treffen und Gespräche zu führen. Politik gehört nicht zu seinem Geschäft. Dennoch stellt sich die Frage, wie er aktuelle Entwicklungen in Nordamerika erlebt: Masernwellen in den USA und Kanada, ein US-Gesundheitsminister, der Bundesmittel in Höhe von 500 Millionen US-Dollar für die Entwicklung von mRNA-Impfstoffen streichen will, Einschnitte im Zuge der Verwaltungsverschlankung beim United States Department of Agriculture (USDA): „Als Forscher, Mensch und Vater bin ich bestürzt, wenn wissenschaftliche Erkenntnisse zugunsten persönlicher Glaubensfragen und eigener Vorteile zurückgedrängt werden. Es sterben deswegen Kinder und Erwachsene – das lässt mich nicht kalt. In einigen europäischen Ländern sind wir vielleicht auch nicht davor gefeit. Wir müssen also weiter breit kommunizieren.“
Forschungsvisionen und ein schlagkräftiges Team
Überzeugungsarbeit leistet er mit seinem Team bei der Etablierung des Hausschweins in der vorklinischen Entwicklungsphase von Impfstoffen – eine der drei großen Forschungsvisionen, die Tobias Käser in den kommenden Jahren vorantreiben möchte. Nachdem sich die immunologische Toolbox im Schweinemodell stark weiterentwickelt hat, wird das Hausschwein inzwischen auch in der Impfstoffentwicklung verstärkt anerkannt. Mit Mäusen wird schon so lange und viel gearbeitet, dass man sich praktisch jede Genmanipulation bestellen kann. Sie sind leicht zu halten und pflanzen sich rasch fort: „Das ist aber gar nicht unsere Benchmark. Das Schwein ist dem Menschen als Organismus viel ähnlicher als Mäuse, weshalb Mausdaten bisher oft zusätzlich noch bei Primaten bestätigt werden. Affen werden in der medizinischen Forschung viel eingesetzt, was zurecht umstritten ist. Tierversuche am Schwein sind ethisch natürlich ähnlich fragwürdig, aber wir können unsere Forschungsarbeit zumeist mit Schlachthofmaterial durchführen. So leisten wir bereits einen entsprechenden Beitrag zur Reduktion von Tierversuchen.“
Um diesen Beitrag noch weiter auszubauen, arbeitet Tobias Käser in Kooperation mit Doris Wilflingseder daran, neue verbesserte In-vitro-Modelle zu etablieren, die Tierversuche er setzen können, etwa durch Infektionsstudien mit Chlamydien in Eileiter-Epithelzellen des Schweins. Der Kreis schließt sich mit der dritten Forschungsvision, die sich wie ein roter Faden durch alle translationalen Projekte zieht. Da es komplizierter ist, Gelder für Grundlagenforschung am Schwein einzuwerben, wird bei sämtlichen Projekten bit by bit versucht, das porzine Immunsystem immer besser zu verstehen. Dadurch verbessern wir gleichzeitig auch wieder das Modell. Historisch wurde an der Vetmeduni vor allem das adaptive Immunsystem erforscht, also die Immunantwort mittels T-Zellen. Hier konnte sich Käsers translationale Forschung gut einwurzeln: Die von den amerikanischen National Institutes of Health (NIH) geförderte Entwicklung eines Impfstoffs gegen Chlamydia trachomatis wird derzeit von Postdoc Leonie Bettin in enger Kollaboration mit der Schweineklinik durch geführt. Aktuell werden drei neue Impfstoffkandidaten getestet und zwei Applikationsformen verglichen. Neueste Daten zeigen, dass einer dieser Impfstoffe hochimmunogen ist und daher als vielversprechender Impfstoff kandidat gilt.
Aufschlag für den Netzwerker
Tobias Käser weiß, dass man sich im Leben immer zweimal sieht und es keine zweite Chance für einen ersten Eindruck gibt. Weil er Kontakte engagiert pflegt, kooperiert seine Gruppe mit einer Kollegin, die ihn einst durch ein Labor führte und heute bei der UNO arbeitet. Die Impfstoff-Forschung gegen den Schweineerreger Chlamydia suis wird nun also auch von der Internationalen Atom energiebehörde (IAEO) und der Welternäh rungsorganisation (FAO) unterstützt. Das Kicken mit Kollegen hat er inzwischen aufs Tennisspielen im Verein verlegt, weil es einfacher zu organisieren ist und weniger Verletzungsgefahr birgt. Dass er dort seinen Büronachbar aus dem Stockwerk darunter kennengelernt hat, freut ihn sehr. Ein eige ner Tennisplatz auf dem Campus – gar keine schlechte Idee.
Text: Astrid Kuffner
alle Fotos: Thomas Suchanek/Vetmeduni
Der Beitrag ist in VETMED 03/2025 erschienen.