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Forschung
Jenseits der Domestikation: Hunde und Wölfe reagieren ähnlich auf menschlichen Angstgeruch
Reagieren Hunde auf menschlichen Angstgeruch anders als Wölfe? Oder teilen beide eine grundlegende Sensibilität für menschliche Gefühlszustände? Eine neue Studie der Veterinärmedizinischen Universität Wien zeigt: Wachsen Hunde und Wölfe unter vergleichbaren Bedingungen auf und sind eng an Menschen sozialisiert, verändern beide ihr Verhalten in Gegenwart menschlichen Angstgeruchs – und zwar in ähnlicher Weise. Das spricht dafür, dass diese Empfindlichkeit nicht allein auf Domestikation beruht.
Die Studie wurde von der Abteilung Domestikation am Konrad-Lorenz-Institut für Vergleichende Verhaltensforschung (KLIVV) der Vetmeduni durchgeführt. Das Team ließ handaufgezogene, an Menschen sozialisierte Hunde und Wölfe zwischen zwei Zielen wählen. In der Kontrollbedingung enthielten beide Ziele neutrale menschliche Geruchsproben; in der Experimentalbedingung war eine Probe neutral, die andere enthielt Angstschweiß. Eine klare Bevorzugung eines bestimmten Ziels zeigte sich weder bei Hunden noch bei Wölfen. Sobald jedoch Angstschweiß präsent war, hielten sich beide Arten kürzer in Zielnähe auf und blickten häufiger zur Trainerin – ein Muster, das der allgemein unsicherheitsähnlichen Reaktion von Haushunden auf Angstgeruch entspricht. Hunde brachen Sitzungen in Gegenwart von Angstgeruch zudem etwas häufiger vorzeitig ab; bei Wölfen trat dieser Effekt nicht auf. Zugleich suchten beide Arten die Ziele in Anwesenheit von Angstgeruch häufiger auf. Neugier, Verwirrung oder Erregung könnten also ebenfalls eine wichtige Rolle gespielt haben.
Kein Schema F
Eine Vetmeduni-Studie aus 2025 unter Erstautorin Svenja Capitain ergänzt dieses Bild: In Tests mit 61 Hunden reagierten die Tiere zwar erkennbar auf menschlichen Angstgeruch (etwa durch vermehrtes Blicken zur Betreuungsperson, gesenkte Schwänze oder längere Annäherungszeiten), zeigten jedoch keine einheitliche Vermeidungsreaktion. Manche Hunde näherten sich dem Angstgeruch sogar schneller als dem neutralen. Diese Individualität deutet auf Einflüsse wie Lebenserfahrung oder Training hin. Vor diesem Hintergrund lässt die aktuelle Wolf‑Hund‑Studie vermuten, dass trotz individueller Unterschiede bei Hunden eine grundlegende, artübergreifende Sensibilität für menschliche Angstsignale besteht.
„Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass Wölfe wie auch Hunde auf menschliche Angstsignale reagieren – zumindest, wenn sie mit Menschen vertraut sind“, sagt Erstautorin Svenja Capitain (KLIVV/Vetmeduni). „Damit rückt eine vordomestikative Grundlage dieser Empfindlichkeit in den Fokus.“
Unbewusste Signale im Alltag
Nun gilt es zu klären, welchen Anteil die Artzugehörigkeit im Vergleich zur gemeinsamen Lebenserfahrung mit Menschen hat – und welche weiteren Arten auf menschliche Emotionen reagieren. Warum das relevant ist: Subtile, oft unbewusste Signale des Menschen können Tierverhalten steuern – nicht nur im Labor, sondern auch in Situationen, in denen Menschen und Tiere eng zusammenkommen, etwa im Training, in Tierarztpraxen oder bei Begegnungen mit Wildtieren. Ein besseres Verständnis solcher Geruchssignale kann helfen, Stress zu reduzieren, Interaktionen sicherer zu gestalten und Entscheidungen auf eine solidere verhaltensbiologische Basis zu stellen.
Die Studie wurde mit 11 Hunden und 8 Wölfen der Core Facility Wolf Science Center (CF‑WSC) durchgeführt. Die menschlichen Geruchsproben stammten von Spender:innen, die in einem validierten Setting neutrale beziehungsweise angstauslösende Filmszenen sahen. Verhalten und Entscheidungen der Tiere wurden videoanalytisch erfasst und statistisch ausgewertet.
Der Artikel "Human-socialized dogs and wolves show similar behavioural reactions to human fear odour." von Capitain, S., Marshall-Pescini, S. und Range, F. wurde in Animal Cognition veröffentlicht.
Rückfragekontakt:
Svenja Capitain MSc.
Konrad-Lorenz-Institut für Vergleichende Verhaltensforschung (KLIVV)
Veterinärmedizinische Universität Wien (Vetmeduni)
Svenja.Capitain@vetmeduni.ac.at